Gesellschaft

Paris: Massaker an der Generation Bataclan

Artikel veröffentlicht am 16. November 2015
Artikel veröffentlicht am 16. November 2015

In den Tagen nach dem Attentat war Paris in den Zeitungen der Welt omnipräsent. 5 junge Europäer erzählen, welche Titelseiten sie am meisten berührt haben und warum.

Generation Bataclan

„Ich habe das Titelbild gestern gegen Mitternacht gesehen. Und ich war sofort berührt, ohne genau zu wissen warum. Vielleicht weil Libé sowieso für seine Titel berühmt ist. Oder vielleicht weil mich bereits die Titelgeschichte nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo so berührt hatte; vielleicht aber auch, weil es die französische Tageszeitung ist, die mir am nächsten steht. Dann habe ich auf „Teilen“ geklickt und bin erstmal schlafen gegangen. Am nächsten Morgen, bevor ich mir die Zeitung am Kiosk holen wollte, habe ich wieder an das Titelbild gedacht. Da ist meine Generation auf dem Foto zu sehen, mit allem Schönen, was sie zu bieten hat: sie feiert gern, ist kosmopolitisch und frei. „Génération Bataclan“ - das sind Leute, die mir nahe stehen: Leute, die Rock hören, im Musikbusiness arbeiten, abends spät schlafen gehen. Die Generation, die gern „anstößt“. Der Titel von Libération ist an mich adressiert. Als ich mir diese Handvoll junge Leute nochmals angesehen habe, die der Fotograf Frédéric Stucin auf seinem Bild festhält, da habe ich verstanden, dass es da um uns geht.“ (Matthieu)

Was heißt jetzt "Krieg"?

„Der Titel der Tageszeitung taz hat mich berührt. Warum? Man sieht darauf eine junge Frau, die an besagtem Abend in jeder europäischen Metropole hätte ein Gläschen auf einer Terrasse trinken können. Man sieht sie weinen und Blumen tragen. Aber man sieht vor allem auch ein Smartphone in ihrer Hand, Technik, ohne die fast niemand in unserer Generation mehr klarkommt und die wir massenhaft genutzt haben, um uns in Real Time zu informieren, uns gegenseitig zu beruhigen, auch, um uns in Sicherheit zu bringen (#portesouvertes). Gestern habe ich einen Kommentar im französischen Fernsehen gehört. Eine Sicherheitskraft, die an besagtem Freitag nach dem Attentat im Bataclan präsent war, erinnerte sich an die Horrorszene: leblose und blutbeschmierte Körper auf dem Boden, eine Totenstille, die nur durch das ständige Klingeln der Smartphones, versteckt in den Taschen der Toten, durchbrochen wurde. Der taz-Titel stellt eine Frage an eine Generation, die gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass sie in Frieden groß werden durfte: „Was heißt jetzt Krieg?“ Er bezieht sich auf insbesondere französische, auch einige internationale politische Deklarationen im Anschluss an das Pariser Blutbad, aber auch auf unsere Unfähigkeit – als junge europäische Generation – auf diese Frage zu antworten. Was ist denn nun dieser Krieg? Wir wissen es nicht, wir kennen ihn nicht und wir wollen ihn nie kennenlernen.“ (Katharina)

Kriegsakt

„Persönlich bin ich nicht unbedingt dafür, weinende Menschen nach einem Attentat dieses Ausmaßes zu zeigen. Ich finde das sensationalistisch. Wenig sensibel. Trotzdem berührt mich dieser spanische Titel. Er zeigt die Emotionen, die auch ich hier in Paris nach den Attentaten verspüren konnte. Nun war es auch nicht so, dass alle Leute in den Straßen von Paris geheult haben. Dieses Ereignis hat uns alle erschüttert, egal an welchen Gott wir glauben, wie alt wir sind oder aus welcher sozialen Schicht wir stammen. Diese Attacke hat uns ins Visier genommen, uns und unsere westliche Lebensart. Deshalb sind wir es jetzt, die Tränen vergießen.“ (Naiara)

Gestorben für einen erbarmungslosen Terror 

“Ich habe die Nase gestrichen voll von Headlines zu Tod und Zerstörung auf den britischen Titeln. Viel zu oft konzentrieren sich diese auf diejenigen, die den Terror verübt haben. Außerdem gibt es eine unbequeme Tendenz in Richtung Sensationalismus und Islamophobie bei uns, was den Hass nur weiter anheizt. Der Guardian hat allerdings entschieden, die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Er zeigt die Gesichter derjenigen, die während der Anschläge ihr Leben lassen mussten: multikulturell, meistens noch zu jung zum Sterben und mit einem Facebook-Lächeln für den Leser. Sie bewirken viel mehr bei mir als Leser als ein Bild eines bewaffneten Terroristen jemals könnte.“ (Joseph)

Massaker an der Jugend

„Alle italienischen Tageszeitungen räumen Valeria Solesin großen Platz ein. Am Freitag war die junge Italienerin auf dem Rochkonzert von Eagle Of Death Metal im Bataclan. Und war danach unauffindbar. Ein Hoffnungsschimmer. Und dann die bittere Wahrheit. Einige Kollegen der Redaktion, einige Freunde kannten Valeria, direkt oder indirekt. Valeria oder andere Opfer der Pariser Attentate. L’Unità hat sich als einzige Tageszeitung in Italien dafür entschieden, die Marker einer Generation in den Vordergrund zu stellen, die die Terroristen klar im Visier hatten. Es wurden Orte des heiteren Zusammenseins dieser Jugend angegriffen.“ (Lorenzo)