Gesellschaft

Papst Benedikt XVI.: Quäntchen Vergebung vom Kondom-Sager ohne Weitblick

Artikel veröffentlicht am 23. November 2010
Artikel veröffentlicht am 23. November 2010
In einem Interview hat Papst Benedikt XVI. den Gebrauch von Kondomen in Einzelfällen geduldet, um die Ansteckung mit HIV zur verhindern. Kommentatoren begrüßen diese Lockerung, zweifeln aber an einem grundsätzlichen Kurswechsel der katholischen Kirche.

Le Monde: „Erster Schritt zu einer menschlicheren Sexualität“; Frankreich

Papst Benedikt XVI. ist mit seiner bedingten Kondom-Erlaubnis einen wichtigen Schritt Richtung Realität gegangen, meint die linksliberale Tageszeitung Le Monde: "Wird der Papst die Verwendung von Kondomen eines Tages ohne Einschränkung gestatten? Wir sind weit davon entfernt, aber der erste Schritt von Benedikt XVI. in diese Richtung konnte nicht unbemerkt bleiben. [...] Er geht ihn mit Vorsicht, aber er tut ihn tatsächlich: Das Kirchenoberhaupt der katholischen Kirche bestreitet nicht mehr, dass das Kondom ein Mittel zur Bekämpfung von Aids ist. Der Papst fördert jedoch nicht seine Verwendung, noch räumt er ihm die Vorzüge ein, die von Aids-Spezialisten hervorgehoben werden. In umschreibenden Worten behauptet er lediglich, dass 'es in manchen Fällen [...] ein erster Schritt zu einer menschlicheren Sexualität sein kann'. [...] Das war auch Zeit. Denn solange der Vatikan auf seinem Fehler beharrte, hat er seinen Einfluss in der Welt noch weiter geschwächt." (Artikel vom 22.11.2010)

The Independent: „Die Menschen dort abholen, wo sie sind“; Großbritannien

Das vage Einlenken des Papstes beim Kondom-Verbots macht Gläubigen und Entwicklungshelfern Hoffnung, meint die liberale Tageszeitung The Independent: "Dass der Papst dieses Thema beleuchtet, ohne der Lehrmeinung der Kirche untreu zu werden, wird viele westliche Katholiken erleichtern. Sie waren besorgt von der Haltung, die sie als Uneinsichtigkeit ihrer Kirche betrachteten. Es wird auch den katholischen Entwicklungshelfern Hoffnung geben, speziell in Afrika, wo sie eine entscheidende Rolle bei der Pflege von Aids-Opfern und bei der Betreuung verwaister Kinder spielen. Währen die Kirche stets gepredigt hat, dass Enthaltsamkeit der beste Weg sei, die Verbreitung von Aids zu verhindern, und dies ihr Ideal bleiben wird, wissen pragmatische Entwicklungshelfer, dass sie die Menschen dort abholen müssen, wo sie sind - und einige dieser Menschen werden den Rat, auf riskanten Sex zu verzichten, ignorieren. Hier können Kondome von Nutzen sein." (Artikel vom 23.11.2010) 

Anti-Papst-Demo während des Besuchs von Benedikt XVI. im September 2010

Der Standard: „Benedikts Kondom-Sager ohne Weitblick“; Österreich

Die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. zum Kondomgebrauch bedeuten keinesfalls eine Kehrtwende, schreibt die linksliberale Tageszeitung Der Standard: "Wäre es dem Papst ein echtes Anliegen, als Kirchenoberhaupt eine gesellschaftspolitisch wichtige Rolle zu spielen, hätte er sich ernsthaft mit Geburtenkontrolle befasst. Dann hätte der Papst auch (macht)politisch klug gehandelt: Er hätte die katholische Kirche als politisch unabhängige, ohne materielle Eigeninteressen agierende Instanz in gesellschaftspolitischen Fragen ins Spiel gebracht. Doch Benedikts Kondom-Sager ist weder von solcher Substanz noch von solchem Weitblick getragen. Laut Kirchen-Insidern ist er primär als 'Akt der Nächstenliebe und der Güte' zu lesen. Das verstärkt den Eindruck, den man schon in der Missbrauchsdebatte vom Papst bekam: Da blickt einer von der Höhe seiner Position bestenfalls milde von oben herab auf irdische Sünder. Wenn ihm danach ist, offeriert er ein Quäntchen Vergebung, manchmal sogar für männliche Huren. Von einer Kehrtwende keine Spur."

(Artikel vom 22.11.2010)

El País: Offizielle Empfehlung der Kirche für die Herausforderungen der Zeit; Spanien

Aus den Aussagen des Papstes zum Gebrauch von Kondomen lässt sich keine neue Sexualmoral der katholischen Kirche ableiten, schreibt die linksliberale Tageszeitung El País: "Die sofortige Reaktion des Vatikans [...] zur Vorbeugung freier Interpretationen der Worte des Papstes scheint zu bestätigen, dass die Kirche ihren sexuellen Anachronismus beibehält und somit die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel weiterhin ablehnt. Damit die katholische Kirchenhierarchie den aktuellen Problemen der Gesellschaft nicht mehr den Rücken kehrt und dem gesunden Menschenverstand nicht mehr entgegen handelt, müssten die Worte von Benedikt XVI. über den Gebrauch von Kondomen nicht nur im privaten Bereich gesprochen werden, sondern zur offiziellen Empfehlungen der Kirche für die Herausforderungen unserer Zeit werden."

(Artikel vom 23.11.2010)

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