Gesellschaft

Osteuropa: Die Kunst des Vermietens

Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Die Globalisierung des Immobilienmarktes und die neu entstandene Möglichkeit des Immobilienerwerbs durch Ausländer hat in Osteuropa zu Preiserhöhungen auf dem Wohnungsmarkt geführt.

Während der Recherchen für diesen Artikel habe ich auf meine eigene « Wohnkarriere » zurückgeblickt und musste zu meinem großen Erstaunen feststellen, dass ich seit meinem Auszug aus dem Elternhaus bereits an zehn verschiedenen Orten gewohnt habe. Meistens handelte es sich um « Studentenbuden », die ich zusammen mit Bekannten gemietet hatte und wo jeder ein Zimmer bewohnte, für welches er die Miete zahlte. In keiner dieser Wohnungen weilte ich länger als ein Jahr. Heute wohne ich immer noch in einer Mietwohnung, die dreiviertel meines Gehalts aufzehrt. Besserung ist nicht in Sicht.

Mit Hilfe der Eltern

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt gestaltet sich in ganz Mittel- und Osteuropa ähnlich. Die Gründe, warum die Leute eher mieten, als zu kaufen sind sehr unterschiedlich. Ein Wohnungskauf ist allerdings meist mit Einbußen an Lebensqualität im Rahmen der Familie verbunden. « Für gewöhnlich verkaufen Eltern ihre Immobilien, um für ihre eigenen Kinder Wohnungen zu kaufen », erzählt Miglena aus Bulgarien. « Wenn sie nicht über genug Mittel verfügen, versuchen sie zumindest mit einer Teilfinanzierung auszuhelfen. Mietwohnungen sind aber auch deshalb beliebt, weil viele zunächst zur Miete wohnen möchten, bevor sie sich endgültig für eine Eigentumswohnung entscheiden. Die Mietverträge sind befristet, meist sogar nur auf ein Jahr, und es ist sehr schwer, etwas zu finden, was man sein ‘Heim’ nennen kann. Ein anderes Problem sind die Kredite. Um ein Darlehen von der Bank zu erhalten, muss man eine Selbstbeteiligung in Höhe von 40 Prozent des Wohnungswerts vorweisen können. Die Preise steigen langsam, aber stetig. Mittlerweile ist Mieten teilweise billiger als kaufen, außer wenn jemand in der Lage ist, sofort die Hälfte des Kaufpreises zu zahlen und die anschließenden Monatsraten durchschnittlichen Monatsmieten entsprechen. »

Die unerträgliche Leichtigkeit des Mietens

Dieser Trend wurde durch die gesellschaftlich-politischen Umwälzungen der neunziger Jahre mitbestimmt. « Meine Eltern sind Mieter, seit sie nach Prag umgezogen sind », erzählt der Tscheche Vit. « In Zeiten des Sozialismus war das der Regelfall, weil ca. 70 Prozent der Prager Immobilien in Staatseigentum standen. Die Probleme begannen erst mit der Samtenen Revolution, als die Immobilien an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben wurden, die 1948 durch die Kommunisten enteignet worden waren. In Tschechien werden die Preise auf dem Wohnungsmarkt weiterhin vom Staat bestimmt und niemand weiß so genau, was die Liberalisierung der Mieten für Auswirkungen haben wird. Allerdings denke ich nicht, dass wir das Mieten lernen müssen, ich würde vielmehr sagen, dass wir darin schon jahrelange Übung haben. » Die Tschechen, die für ihre leichte und heitere Lebenseinstellung bekannt sind, zerbrechen sich über die Notwendigkeit eines Eigenheims weniger den Kopf. Es reicht, einen Blick in die Romane von Bohumil Hrabal oder Milan Kundera zu werfen, um die Sonnen- aber auch Schattenseiten von Mietwohnungen in Prag kennen zu lernen.

Ein Häuschen mit Garten

In Ungarn sieht die Situation ein wenig anders aus. Nach der politischen Transformation von 1989 wurden lediglich 8 Prozent der Wohnungen gemietet. « Der Staat investierte in Plattenbauten, aber auch Privatleute hatten die Möglichkeit, selbst zu bauen. In dieser Zeit entstanden viele Einfamilienhäuschen mit Garten », sagt Judit, eine Studentin aus Budapest. « Nach 1989 kam die Privatisierung und die Leute konnten ihre Mietwohnungen erwerben. In Ungarn ist die Tradition des Eigenheims stark verwurzelt, während Wohnen zur Miete eher als unpopulär gilt. Im Gegensatz zu Westeuropäern sind Ungarn weniger mobil und ziehen im Schnitt lediglich drei bis vier mal während ihres gesamten Lebens um. Und das nicht aus finanziellen sondern aus soziologischen Gründen. » Aufgrund der starken Inflation der letzten zehn Jahre haben sich die Immobilienpreise in Ungarn verdreifacht. « Es ist nicht einfach eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus zu kaufen, aber immer noch möglich », erklärt Judit. « Das Angebot an Krediten ist sehr breit gefächert und es gibt auch staatliche Zuschüsse für Leute in einer schwierigen finanziellen Situation. Dem ist es zu verdanken, dass auch junge Leute mit mittlerem Einkommen in der Lage sind, Eigentumswohnungen zu erwerben. »

Auch in Polen mieten die meisten jungen Leute, anstatt zu kaufen. Der Grund dafür liegt unweigerlich, aber nicht ausschließlich in der Preiserhöhung, die 10-15 Prozent pro Jahr beträgt. Es kommt hinzu, dass sich der Lebensstil der Polen in den letzten Jahren stark verändert hat. Nach Angaben des Arbeitsministeriums haben seit dem EU-Beitritt ca. 600 000 Polen das Land verlassen und 37 Prozent ziehen eine Emigration in Erwägung. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir uns nicht durch Wohnungseigentum binden wollen.

Morgen ziehe ich wieder in die nächste Wohnung um und es wird wieder heißen: streichen, einrichten und meine beiden Katzen eingewöhnen. Natürlich hätte ich gerne eine eigene Wohnung, aber keine Bank würde mir bei meinem Einkommen einen Kredit gewähren und die Hoffnung auf einen Sechser im Lotto oder auf eine unverhoffte Erbschaft habe ich mittlerweile aufgegeben. Außerdem kann ich nicht ausschließen, dass ich Polen innerhalb der nächsten Jahre verlassen werde und dann wären eine Wohnung und auf 30 Jahre verteilte Ratenzahlungen mehr als hinderlich. Eine Mietwohnung hingegen ist unkompliziert. Man kann jeden Moment ausziehen und das ist wohl der ausschlaggebende Grund, weshalb die meisten meiner Altersgenossen zur Miete wohnen. Schließlich weiß niemand, wo uns das Schicksal morgen hin verschlägt.

Coppyrights: Jonathan Crellin, Ines Garmendia, Bálint Fejér, Natalia Sosin