Gesellschaft

Opium und EU-Truppen in Afghanistan

Artikel veröffentlicht am 10. April 2008
Artikel veröffentlicht am 10. April 2008
Während des Nato-Gipfels vom 2. bis 4. April wurde eine Aufstockung der Nato-Truppen beschlossen: Frankreich schickt 1000 Soldaten nach Afghanistan, Italien und Polen werden nachziehen. Aus Großbritannien werden 450 weitere Soldaten zu den bereits 7700 in der Helmland-Provinz stationierten britischen Truppen stoßen.

Es ist nicht unbedingt sicher in Helmand. Die 13.000 Soldaten der kanadischen, amerikanischen und europäischen Truppen sehen sich Kämpfen mit Terroristen der Al-Qaida und ihren Verbündeten ausgesetzt. Kämpfe, wie es sie seit dem Koreakrieg nicht mehr gab. Die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe der NATO (ISAF), bestehend aus Truppen der EU und Großbritanniens, wird oft als auch 'Polizeiaktion' beschrieben, die nur darauf bedacht sei, Sicherheit zu schaffen - ohne Rücksicht auf die vor Ort ansässigen Taliban und Al-Quaida.

Großbritannien, Pakistan und Drogen in Afghanistan

Von Seiten der kritischen europäischen Linken und Grünen wird dieses Vorgehen als traditionell kolonialistische Territorialgier interpretiert. Ein Motiv, das insbesondere auf die pakistanischen Truppen zutrifft, die sich schon lange nach einer Übernahme Afghanistans sehnen. Schließlich wurde die Taliban-Bewegung von Innenminister Naseerullah Baber unter der damaligen Premierministern Benazir Bhutto im Jahre1993 gegründet, um Pakistan den Rückzug seiner Militärtruppen im Falle einer Invasion Indiens zu ermöglichen. 2006 bezichtigte der afghanische Präsident Hamid Karzai die pakistanischen Truppen der Sklaverei, da sie die Taliban mit Ausrüstung versorgten.

Inzwischen sehen sich die ISAF-Truppen mit einer Situation konfrontiert, die weit über die Bekämpfung der Truppen hinausgeht - dem heimtückischen Drogenhandel. Afghanistan produziert 90 Prozent des weltweit gehandelten Opiums. Der Kampf gegen den Mohnblumenanbau würde die lokalen Drogenbarone mit ihren gut ausgerüsteten kleinen Privatarmeen zu Feinden werden lassen. Zudem arbeiten mehr als drei Millionen Menschen - 12 Prozent der afghanischen Bevölkerung - in der Drogenindustrie. Für einen Bauer ist es zehnmal profitabler Opium als Weizen anzubauen. Die Taliban haben sich gewandelt. Aus entschiedenen Gegnern des Mohnblumenanbaus sind die schlimmsten Drogenbarone geworden, die regionale Genossenschaften dazu zwingen, so viel wie möglich von den Pflanzen anzubauen und damit Profit zu machen.

Dreißig Jahre Konflikte, sechs Jahre ISAF

Al-Qaida und andere extreme so genannte islamistische Truppen behaupten, die ISAF sei in Afghanistan, um eine moderate Ausübung des Islam zu verhindern. Tatsächlich tun die Gruppen das selbst. Bis 9/11 interessierte sich der Westen für jegliche islamistische Bedrohung nur periphär. Die Hauptaufgabe der ISAF und seines britischen Kontingents ist die Schaffung und Gewährleistung einer Sicherheit, die es Afghanistan ermöglicht, nach 30 Jahren der Konflikte zu einem stabilen, prosperierenden und demokratischen Staat zu werden. Ein Staat, der seine eigene Zukunft ohne eine übertriebene Einmischung seiner Nachbarn bestimmen kann.

Die ISAF gewährt auch Sicherheit für die Region um das Kaspische Meer im Norden Afghanistans. Hier befinden sich die größten unerschlossenen Öl- und Gasreserven der Welt. Mehr als 100 Milliarden Barrel Rohöl und 40 Prozent der weltweiten Gasreserven gibt es in Kasachstan und Aserbaidschan. Frieden in Afghanistan würde für diese Region eine weitere und alternative Route für den Transport von Öl und Gas in den Rest der Welt ermöglichen. Eine Projektidee für ein Leitungsnetzwerk, das pakistanische Häfen über Afghanistan mit der kaspischen Region verbindet, existiert bereits. Werde ein solches Netzwerk gebaut, wäre Europas Energieproblem gelöst, erklärt der deutsche Experte Lutz C. Kleveman. Zu lange schon ist der Westen auf die unstabilen Preise der OPEC-Staaten angewiesen. Hier übten radikale islamische Gruppen Druck auf den Staat aus, um die Lieferung an nicht-muslimische Staaten einzustellen und dem Westen einen enormen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen. Vielleicht eine Erklärung, warum sich extremistische Gruppen aus Saudi Arabien mit anderen terroristischen Vereinigungen in anderen Öl- und Gas produzierenden Gegenden der Welt zusammenschließen.

Europa verteidigen

Mit dem Einsatz in Afghanistan verteidigt sich Europa selbst. Stimmen, die einen Rückzug der NATO-Truppen fordern, wie beispielsweise Gregor Gysi, würden "alles in Frage stellen, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben", so Außenminister Frank-Walter Steinmeier kürzlich.

Eine Isolationspolitik von Seiten Europas würde nicht funktionieren, sagt der ehemalige britische General Sir Mike Jacksan. Den Kampf, den wir gegen Al-Qaida führen, ist nicht mit früheren Kriegen zu vergleichen und geht über die Einnahme von Territorien hinaus. Heutzutage kämpfen wir für die Verteidigung unserer Werte, die Demokratie, die Herrschaft des Gesetzes und unserer antiken Zivilisation gegenüber dem islamisch extremistischen Imperialismus.

Vergangene Verhaftungen von Al-Qaida Agenten in Österreich, Deutschland und Dänemark beweisen, dass wir Europa nicht verteidigen können, indem wir uns hinter seinen Grenzen verstecken.

Erfolg kann sich nur einstellen, wenn der Kampf um die Ideen sowohl zu Hause in Migrantengemeiden als auch im Nahen Osten gewonnen wird. Teil des Problems ist, wie Europa mit den Staaten umgehen wird, in denen die Staatswirtschaft versagt hat und an deren Stelle die Extremisten getreten sind. Die europäischen Staatsoberhäupter haben gelernt, dass der Kampf gegen Armut eine der effektivsten Methoden in der Verdrängung der Extremisten ist. Eines der wichtigsten Komponenten der ISAF-Politik wird gewöhnlich als die 'Herz und Kopf' Kampagne beschrieben. Nicht die Einnahme von Land, sondern Wirtschaftswachstum, finanzielle Sicherheiten und ein erhöhter Lebensstandard führen zu einer nachhaltigen und erfolgreichen Friedenspolitik. Kein Zweifel, dass es auch in Zukunft ähnliche Einsätze anderswo in der Welt zur Verteidigung Europas geben wird.

(Fotos: ISAF; CROWN COPYRIGHT/defenceimagedatabase)