Gesellschaft

Olympia: Europa Feuer und Flamme für Tibet

Artikel veröffentlicht am 11. April 2008
Artikel veröffentlicht am 11. April 2008
Zum ersten Mal erlischt das olympische Feuer unter dem Druck der Öffentlichkeit. Europa auf der Suche nach einer gemeinsamen Stimme.

Die chinesischen Machthaber hofften auf einen wirklichen Zusammenschluss rund um das olympische Symbol auf dieser ersten Etappe in Vorbereitung auf die olympischen Spiele, die einzige globale Veranstaltung, die mehr als 200 Länder zusammenführt. Am 7. April in Paris kam es jedoch zu einem Fiasko. Denn nicht nur die offizielle Zeremonie auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus, sondern auch der letzte Abschnitt des Fackellaufes wurden abgesagt. Die Aktivisten für Tibet haben gewonnen: an diesem Tag war Tibet in aller Munde.

Die Flagge Tibets weht über Paris (Foto:Prakhar/flickr)

Am Eiffelturm und an der Fassade von Notre-Dame flatterte vor den Augen der aufgebrachten Demonstranten ein Fahnenmehr, auf denen die olympischen Ringe in Handschellen zu sehen waren. Eine Unruhe erfasste unaufhaltsam die Menge sowie die anwesenden Polizisten und führte zu zahlreichen Übergriffen. Während sich einige der Demonstranten auf die Straße legten, um das Vorbeiziehen der Flamme zu verhindern, versuchten andere sie völlig zum Erlöschen zu bringen, indem sie auf die Fackelträger losgingen.

Rückzieher bei der Pariser Demo

Die 3000 Polizisten im Einsatz konnten dem Ansturm der Masse auf den olympischen Zug nur mit Mühe Einhalt gebieten. Der Preis: zahlreiche brutale Festnahmen. "Anstatt ein Beispiel für Demokratie abzugeben, geht man hier mit den größten diktatorischen Methoden der Welt vor", erbost sich ein Demonstrant, der schonungslos von den Ordnungskräften abgeführt wird. Die chinesischen Würdenträger ließen die Strecke der Flamme verkürzen und schließlich erlosch das Feuer.

Der Präsident des IOK, Jacques Rogge, hat das unerwartete Eingreifen in London und Paris sofort bedauert. Er weist die Verbindung zwischen dem Symbol des globalen Friedens, für den das olympische Feuer steht, und der Situation in Tibet zurück. Vor sechs Jahren hatte das IOK die olympischen Spiele an China vergeben mit der Auflage, die Menschenrechtssituation zu verbessern. Heute wird das Komitee für seine Passivität und Heuchlerei kritisiert.

"Jacques Rogge hat versprochen, dass er zu jedem Zeitpunkt bei Problemen mit den Menschenrechten in China für die Opfer einstehen wird. Doch nie dergleichen getan", beklagt Robert Ménard, Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen und einer der Initiatoren der Proteste. Von den Übergriffen bekamen die Fernsehzuschauer in China nichts mit, denn die Bilder wurden zensiert. Wenn das Regime in Peking auch einige Unruhen eingesteht, so wird das Ausmaß völlig herunter gespielt.

Demonstrationen in Paris (Foto: Prakhar/flickr)

Sarkozy nimmt Europa in die Pflicht

Die Demonstrationen in Paris und London zeigen deutlich die Kluft zwischen den vorsichtigen Vorschlägen der europäischen Mächte, die bisher noch zögern, um angemessen auf diese Frage zu reagieren, und der Wut der Bevölkerung, die sich massiv versammelt hat, um zu demonstrieren. Wenn Frankreich von Juli bis Dezember den Vorsitz der europäischen Union übernimmt, dann wird seine Stimme besonderen Einfluss haben. Doch im Moment ist in der diplomatischen Haltung Frankreichs keine klare Linie zu erkennen.

"Alle Optionen sind offen", hatte Sarkozy, der grundsätzlich gegen jede Form des Boykotts ist, verkündet. Am 6. April kündigte Rama Yade, die Staatssekretärin für Menschenrechte, an, dass der Präsident den Eröffnungsfeierlichkeiten der olympischen Spiele nur unter drei Bedingungen beiwohnen würde: das Ende der Gewalt gegen die Bevölkerung und die Freilassung aller politischen Gefangenen, die vollständige Aufklärung der Ereignisse in Tibet und die Eröffnung des Dialogs mit dem Dalai-Lama. Dies wurde zwar zunächst vom Elysée-Palast dementiert, doch am Morgen nach den Ereignissen in Paris bestätigt. Fest steht: der Präsident und sein Außenminister Bernard Kouchner müssen in einigen Monaten Position beziehen, denn ihre Meinung wird die gesamte europäische Union in die Pflicht nehmen.

Blutbad in Tibet

Immerhin lässt sich nicht leugnen, dass die aktuellen Proteste Teil einer internationalen Bewegung sind. Auch in San Francisco hatten Aktivisten kürzlich die Golden Gate Bridge für die tibetanische Sache erklommen. Ein generelles Chaos, das für das IOK bedeuten könnte, die Reise der olympischen Fackel um die Welt gänzlich abzusagen. "Wir müssen über die Gesamtheit der Frage nochmals nachdenken", gibt heute die Vize-Präsidentin des IOK, Gunilla Lindberg, zu.

Die internationale Bewegung könnte schlimme Folgen haben, gerade auf die tibetanische Bevölkerung. Die Unterstützung der internationalen Öffentlichkeit könnte heute die Unabhängigkeitsbewegung dazu bringen, ihren Kampf von Lhasa aus zu verstärken. Doch bis zu welchen Punkt lassen die Chinesen ihre Autorität vor Ort untergraben? Indem sie Tibet unterstützen will, geht die internationale Öffentlichkeit paradoxerweise das Risiko ein, dort ein wirkliches Blutbad anzurichten.

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Olympische Spiele: welche Hilfe für Tibet

(Fotos: Homepage - richdrogpa/flickr; Intext - prakhar/flickr)