Gesellschaft

Obdachlose in Prag: Klarmachen zum Entern!

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Mit einer ungewöhnlichen Idee kümmert sich die Stadt Prag um die „Verlierer der Modernisierung“.

Michal Kopkecky, Berater des Prager Bürgermeisters, ist stolz auf seine neueste Errungenschaft. Das Boot für Obdachlose liegt am Ufer der Moldau vor Anker, nahe des Zentrums von Prag. Im Inneren des Bootes sitzend, muss er darüber lachen, wie ihm die Idee zu einer schwimmenden Herberge kam. „Ich wollte mir damals eigentlich ein neues Boot kaufen.“

In der Anlage können bis zu 250 Personen untergebracht werden. Die Idee entstand, nachdem alle Stadtteile Prags es ablehnten, neue Unterkünfte für Obdachlose einzurichten. In Prag gibt es etwa 5000 Personen, die ohne ein festes Dach über dem Kopf leben. Doch es gibt in Prag nur 700 Betten, in denen diese Menschen vorübergehend Unterkunft finden können. Der Stadtrat war jedoch bereit zu handeln. Man fürchtete, dass es Probleme für den Tourismus geben könnte, wenn man das Problem nicht angeht. So stand lediglich noch der Fluss zur Verfügung und der Stadtrat entschied, die Hermes, ein ehemaliges Güterschiff, in eine Herberge zu verwandeln.

„Das ist das Paradies“, erklärte David Stojka, ein junger 22jähriger Obdachloser in einem Interview mit der Nachrichtenagentur France Presse, als er bei der Eröffnung der Hermes zwischen Politikern und Journalisten zum ersten Mal das Schiff betrat.

„Ich werde versuchen, hier einige Nächte zu bleiben und mir einen mit festen Job in einem Supermarkt zu suchen“, sagte der junge Mann.

Die Obdachlosen geben nichts zurück

Die Obdachlosigkeit nahm in der Tschechischen Republik und in den anderen Ländern Mittel- und Osteuropas nach der tiefgreifenden politischen und ökonomischen Revolution der Neunziger Jahre zu. Michal Kopkecky nimmt kein Blatt vor dem Mund, wenn er über das Problem der Obdachlosen spricht. Er räumt ein, dass die Hermes schon nach einigen Monaten geschlossen worden wäre, wenn sie nicht am entgegengesetzten Ufer des Stadtzentrums vor Anker läge. „Sie mögen uns nicht und wir sie nicht“, sagt er über die Obdachlosen und argumentiert weiter, dass sie nur Hilfe erbitten, „aber nichts zurückgeben“.

Kopkecky beschwert sich darüber, dass nur die Hälfte der Obdachlosen, die ins Hermes kommen, ihr Leben verändern wollten. Dieser Umstand zeige sich in der Spaltung der Bewohner in zwei Gruppen: diejenigen mit besseren Aussichten, die zum Teil sogar eine – wenn auch unsichere – Arbeit haben und diejenigen ohne Perspektiven.

Vollpension für eine Euro die Nacht

In einigen Einrichtungen, die mit Jugendherbergen vergleichbar sind, können obdachlose Menschen schlafen, frühstücken, sich duschen und ärztliche Hilfe erhalten für etwas weniger als ein Euro die Nacht. „Das ist soviel, wie eine Flasche billiger Wein kostet“, erklärt uns einer der acht Angestellten der Obdachlosenherberge.

Wie schlittert man eigentlich in die Obdachlosigkeit? Laut Daten des tschechischen Instituts für Sozialstudien und dem Novy Prostor, der Obdachlosenzeitung in Prag, sind am häufigsten familiäre Probleme, wie Scheidung, der Grund für den Abstieg. Danach kommen Gründe wie der Verlust der Arbeit, aber auch Entlassung aus dem Gefängnis, Verschuldung und Alkoholismus.

Eine reiche, aber feindselige Stadt

Ilja Hradecký ist Direktor von Nadeje, der NGO, die die Einrichtung verwaltet. Er betont, dass das Ziel des Schiffes sei, „die Obdachlosen vor einem Tod auf der Straße zu bewahren.“ Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erfordere jedoch eine nachträgliche, soziale Arbeit, die man in den Tagesstätten verwirklichen könne.

Iljas Ehefrau, Vlastimila Hradecká, gründete Nadeje 1990, um rumänischen Flüchtlingen zu helfen. 17 Jahre später gibt es schon sechs Zufluchten für Obdachlose. Nadeje hilft nun vor allem Tschechen und wird durch große öffentliche Subventionen unterstützt.

Das „Goldene“ Prag, hat laut Eurostat ein Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von 57 Prozent, was oberhalb des Durchschnitts der EU liegt Trotzdem muss man sich dem Kampf gegen extreme Armut immer mehr widmen. „Weder der Staat noch die Städte haben eine Strategie, um diesem Problem zu begegnen“ klagt Ilja Hradecký, der ebenfalls seine eigene Sicht auf die Haltung der Prager gegenüber den Obdachlosen hat. „Auf der einen Seite stützt man sich auf die öffentlichen Träger, die soziale Dienste mithilfe von Subventionen anbieten, und die freiwilligen Helfer. Auf der anderen Seite stehen die negativen Äußerungen der Politiker, die Gewalt und die Morde, auch aus reinem Vergnügen.“

Mit den „negativen Äußerungen“ könnte Hradecký an Jií Janeek, den Prager Bürgermeister für Sozial- und Wohnpolitik gedacht haben. Dieser behauptete bei der Präsentation zu einem Resozialisierungsplan: „Unser vorrangiges Ziel ist es, die Einwohner Prags vor diesen Leuten zu schützen. Ein Obdachloser bedeutet einen Angriff auf die Privatsphäre der Prager.“

Ein rebellischer Schüler

Die tschechische Vertreterin des europäischen Netzwerks für Armutsbekämpfung, Milena erná, hält die Situation der Obdachlosen von Prag für härter als in den anderen Hauptstädten des Kontinents. „In keiner anderen Stadt habe ich Menschen in Straßenbahnen schlafen sehen. Vielleicht ist der Grund dafür, dass es keine Unterkünfte für Alkoholiker und Drogenabhängige gibt“ sagt sie.

Auf die Frage nach dem Einfluss des Wirtschaftwachstums und der europäischen Gelder bei der Bekämpfung der extremen Armut erklärt erná: „Es gibt keine sinnvolle Politik in dieser Hinsicht und die tschechischen Behörden wollen nicht von anderen Ländern lernen“.