Gesellschaft

Nuruddin Farah: „Alle sind schuld”

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2007
Nuruddin Farah, 62, ist einer der wichtigsten Schriftsteller Afrikas. Sein Werk reflektiert die Kriege in seiner Heimat Somalia.

Von den Fenstern der Aussichtswarte des Zentrums für Moderne Kultur in Barcelona (CCCB) sieht man eines großartiges Spektakel: Der Horizont wird von Dächern und Antennen gebildet, die sich in anarchistischer Weise anordnen. Im Hintergrund dominiert die Burg von Montjuïc. Wir sind hier, um den Vortrag des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah anzuhören, der auf einem Kongress über das Land am Horn von Afrika spricht.

Farah wurde in Baidoa, im Süden Somalias geboren. Inzwischen hat sich der Autor zum literarischen Zeugen des Chaos und des kollektiven Untergangs der somalischen Gesellschaft entwickelt. Er ist einer der großen Befürworter der Gleichberechtigung afrikanischen Frauen.

Zum Zeitpunkt des Interviews liefert sich die somalische Regierung mit Hilfe ihrer äthiopischen Allierten Kämpfe mit den Islamisten, die die Hauptstadt Mogadischu eingenommen haben. Wir wollen von Farrah wissen, was er über die neuesten Ereignisse in seiner Heimat denkt.

„Alle sind schuld”

„Wer ist an der Situation in Somalia schuld?“ fragen wir ihn ganz direkt. Das Thema Schuld spielt in seinem Werk eine große Rolle. „Fast alle sind schuld. Wir sind Teil einer Geselltschaft und müssen für unsere Handlungen die Verantwortung übernehmen“ antwortet uns der wohl bedeutendste Schriftsteller der somalischen Literaturgeschichte.

Der polyglotte Schrifsteller spricht Amarisch, Englisch, Arabisch und Italienisch. Er wurde in Indien und Großbritannien ausgebildet und hat zahlreiche Literaturwettbewerbe gewonnen. 1998 erhielt er den renommierten Preis „Neustadt“.

“Wenn ich auf den Tisch drücke und Sie und die anderen tun dasselbe, dann wird er das Gleichgewicht verlieren“, beschreibt er die Situation in seinem Heimatland. Die letzten 16 Jahre Bürgerkrieg seien das „Resultat von falsch verstandenen Identitäten, wirtschaftlichen und historischen Entscheidungen und vor allem von falsch gestellten Fragen“. Es gebe viele Taten, „bei denen keiner seine Schuld gesteht und den anderen die Verantwortung dafür zuschiebt“.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele Somalier die Aussicht einer neuerlichen Diktatur als eine Chance auf mehr Ordnung in ihrem Land sehen. Doch Farah gibt sich solchen Vorstellungen nicht hin: Während der Diktatur von Siad Barre wurde er zur Auswanderung gezwungen, ein somalisches Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit für sein Buch A Naked Needle (1976) zu Tode.

Während des Exils beschäftigte sich Nuruddin Farah vor allem mit der Diktatur in Afrika, was in seiner Trilogie Variations on the Theme of African Dictatorship (1980-1983) zum Ausdruck kam. Eine der Gründe für die Existenz und die Macht der vielen Diktaturen in Afrika sei die Tatsache, dass die Mehrheit der afrikanischen Familien „autoritär geführt werden“. Farah glaubt, dass die autoritären Familientraditionen „keine Toleranz für die notwendige Meinungsvielfalt in der Demokratie“ bereitstelle. Wer sind die Opfer? Innerhalb der Familie: Die Frauen und die Kinder. Innerhalb der Gesellschaft: Die Ausgestoßenen.

Der Weg zum Frieden

Welcher Weg könnte zu einer Stabilität in Somalia führen? Ein somalisches Sprichwort beantwortet diese Frage wie folgt: „Sogar die Ärmsten der Armen lernen mit ihrem Ungemach zu leben.“ Farah lehnt die Einmischung aus dem Ausland ab und glaubt, dass die Lösung von den Somaliern selbst gefunden werden müsse: „Der Schlüssel zum Problem besteht darin, zu erkennen, dass der Krieg uns nur auf einen Pfad bringt: die Selbstzerstörung. Der Frieden aber weist uns den Weg zu einer breiten Prachtstraße mit vielen Möglichkeiten.“ Seiner Ansicht nach dürften die Somalier sich dessen nun zum ersten Mal so richtig bewusst zu werden.

Farah glaubt, dass den Menschenrechtsorganisationen eine tragende Rolle zugestanden werden sollte, wenn es zu Friedensverhandlungen kommt. Ein Mitspracherecht müsse gerade „all jenen Akteuren, die Teil des Problems sind, wie die radikalen Islamisten“ oder den Anführern der Kriege selbst verweigert werden. Letztere sind dem Autor zufolge „echte Kriegsverbrecher“, die vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden müssten.

Die Frau als Muse

Abgesehen von der Omnipräsenz Somalias als Handlungsort sind die zahlreichen Frauen im Werk Nuruddin Farahs auffallend. Es handelt sich um die Geschichten von weiblichen Kämpferfiguren wie Cambara, die in seinem neuesten Roman Knots (2007) ins Exil zurückkehrt, oder die Nomadin Ebla in seinem Frühwerk From a Crocked Rib (1970), die sich gegen eine Zwangsheirat wehrt, oder dem Schicksal der geheimnisvollen Sholongo in Secrets (2000). Sie alle versinnbildlichen Farahs Überzeugung von der Gleichberechtigung und den Frauenrechten. Eine Überzeugung, die er in seinem Privatleben mit der nigerianischen Schriftstellerin und Wissenschaftlerin Aminia Mama besiegelt hat.

Wie Farah selbst hervorhebt, ist das Interesse für das Schicksal der Frauen aus seiner Biographie zu erklären: „In meiner Kindheit fühlte ich mich meiner Mutter, die Dichterin war, sehr nahe. Mit der Zeit begann ich die Anzeichen ihres Unglücks in ihrer Gestik abzulesen. Seitdem habe ich eine besondere Empathie für die Empfindungen von Frauen.“

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verfasste Nuruddin Farah Briefe im Auftrag von Analphabeten. „Eines Tages kam ein Mann zu mir, dessen Frau von zu Hause davongelaufen war. Ich sollte ihr in einem Brief schreiben, dass er in drei Monaten nach ihr zu suchen beginnen würde, falls sie nicht heimkehre. Sobald er sie träfe, würde er ihr eine saftige Ohrfeige geben und zurück nach Hause schleppen“, erinnert er sich. Doch der Schriftsteller hielt sich nicht an diese Vorgaben sondern verfasste den Brief auf seine Art. In dem Schreiben, das schließlich abgesendet wurde, willigte der Ehemann in eine Scheidung ein. Obwohl Farah danach Probleme bekam, ist er heute stolz auf seine Tat.

Die Tatsache, dass er die Prosa als Werkzeug für seinen Protest und seinen Kampf um Gerechtigkeit einsetzt, zeugt davon, dass sich der Schriftsteller nicht nur Geschlechtergleichheit verschrieben hat, sondern auch den Menschenrechten seines Landes Somalia. Er trägt die Werte der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Verantwortung als Emblem auf seiner Fahne. Nuruddin Farah ist zum Sprecher für ein Afrika geworden, das die Gegenwart aus einer kritischen, aber hoffnungsvollen Perspektive betrachtet. Einem Afrika, das seine Zukunft in den Händen der Afrikaner wissen möchte.