Gesellschaft

Norbert Gualde: Swine Flu Partys lieber sein lassen

Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2009
Im Juli verbreitete sich das Gerücht über so genannte Swine Flu Partys. Eine absurde Idee: Sich mit dem Schweinegrippevirus A/H1N1 anstecken und eigene Antikörper entwickeln, bevor der Erreger noch virulenter geworden ist. Ist eine Art Immunisierungswettlauf im Gange? Ein Gespräch mit Immunologieprofessor Norbert Gualde.

In einigen französischen Tageszeitungen haben es die Swine Flu Parties im Juli 2009 bis zum Aufmacher geschafft. Idee dieser Partys soll es sein, mit Leuten zu feiern, die am Grippevirus A erkrankt sind, um es selber zu bekommen. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine „moderne Legende“: Ein einziger Bericht, veröffentlicht von der britischen Tageszeitung The Independent am 1. Juli 2009, und schon wurde die Geschichte im Web herumgereicht. Auch wenn es im Prinzip derartige Praktiken einst gegeben hat, im gegenwärtigen Kontext sind sie absolut unangebracht. Norbert Gualde, Professor für Immunologie an der Universität Bordeaux erklärt uns warum.

(Images: comicbase/ ephemerama/ Flickr)

Was halten sie vom Konzept der Swine Flu Parties?

Zunächst zwei Dinge: Das erste betrifft die Geschichte. Es stimmt nicht, dass man sich seit Jahrhunderten ©Editions BDL - Le Bord de l'Eauabsichtlich in die Nähe von Kranken begeben hätte, um letztlich geschützt zu sein. Wahr ist vielmehr, dass man in China seit altersher beim Auftreten von Pocken Proben von den Infizierten entnommen hat. Durch kleine Läsionen wurde aus den Bläschen, den sogenannten Vesikeln bzw. Pusteln oder von der Kruste etwas von jener biologischen Substanz gewonnen, die auf dieser kranken Haut vorhanden war. Hiermit wurde nun etwas Magisches hergestellt, dass man dann Menschen verabreicht hat. Man erhoffte sich von dieser Art der Weitergabe das Entstehen einer Krankheit, nämlich viel harmlosere Pocken, die dann letztendlich zur Immunität führt. Nur dass es selbstverständlich auch Unfälle gab und die Sterblichkeit bis zu 20 % betragen konnte. Wer würde heutzutage, da alle Welt von einem Risiko gleich Null träumt, einen therapeutischen Ansatz akzeptieren, der auf eine Sterblichkeitsziffer von 20 % hinausläuft?

Mit dieser Methode erhöht sich die Zahl der Infizierten, die alle auch wiederum ihre Erreger verbreiten!

Und sagen wir uns nun „Sie ist nicht sehr schlimm, holen wir uns die Grippe und wir sind immun“, übernehmen wir damit ein übles Verhalten. Es ist verhängnisvoll, denn mit dieser Methode erhöht sich die Zahl der Infizierten, die alle auch wiederum ihre Erreger verbreiten. Auf diese Art verbreitet sich das Virus viel schneller. Das einzige Verhalten, das man angesichts einer Pandemie zeigen sollte, besteht darin, die Verbreitung des Erregers einzuschränken.

Spielen ihrer Ansicht nach die alarmierenden Verlautbarungen der WHO ein Rolle für das Medienecho dieser Epidemie?

©quiplash!/flickrDer große Unterschied zwischen der jetzigen Epidemie und den vorangegangenen - insbesondere der Spanischen Grippe von 1914-1918 (Europa befand sich mitten im Krieg!), der Asiatischen Grippe von 1957 und der Hongkong-Grippe von 1968 - besteht darin, dass man diese nicht hat kommen sehen. Ich erzähle ihnen eine Geschichte als alter Kämpe: 1957 war ich 14 Jahre alt und hatte etwa 40 Mitschüler. Eines Montagmorgens waren wir nur vier, und niemand hat da Gewese drum gemacht. Das kam plötzlich und wurde gemanagt, so gut es gerade ging, vermute ich. Für eine Beurteilung dessen, was die Verantwortlichen des Gesundheitswesens in jener Epoche taten, war ich zu jung. Zu der aktuellen Grippe wurden Informationen verbreitet, sobald es die ersten Fälle gab, sobald der Alarm in Mexiko losging. Natürlich wurde die WHO alarmiert und unter diesen Umständen ist sie dazu verpflichtet, als einer der Hauptakteure bei der Überwachung und der Information zu fungieren.

Faszinierend ist, dass es derzeit eine andere Pandemie gibt, die seit Beginn der 1980er Jahre bereits 30 Millionen Menschen getötet hat: AIDS.

Dass die Medien aus allem eine Geschichte machen, ist schließlich nicht mein Problem! Schauen wir uns an, was anlässlich des Todes eines gewissen amerikanischen [Michael Jackson, A.d.R.] Sängers passiert ist, als man uns wirklich Tag um Tag damit angeödet hat. Faszinierend ist, dass es derzeit eine andere Pandemie gibt, die seit Beginn der 1980er Jahre bereits 30 Millionen Menschen getötet hat: Es handelt sich um AIDS, worüber praktisch niemand mehr spricht. Darüber entscheiden nicht die Journalisten, mein Lieber.

Was halten sie von diesen Gerüchten über die Swine Flu Parties in England?

Vor vierzehn Tagen etwa war ich in Spanien und habe darüber in den Zeitungen gelesen. Ich betrachte diese Flu Partys als die Nachfolger anderer, viel früherer Parties in Verbindung mit den Masern. Hinzu kommt, dass die Grippefälle in England viel zahlreicher sind, da dieses Land besondere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhält, wo es auch ebenfalls viele Grippefälle gibt. Dasselbe scheint in Spanien via Mexiko zu passieren. Wollen sie in Frankreich eine Flu Party veranstalten, dann müssen sie erst einmal einen gewissen Jemand finden, der die Grippe hat, das ist gar nicht so einfach! Derjenige, der das Virus hat, könnte mit Sicherheit Eintritt zu den Flu Parties verlangen!

Norbert Gualde

- Comprendre les épidémies, la coévolution des microbes et des hommes - Empêcheurs de penser en rond - Ed. Seuil 2006. [Nobert Gualde: 'Epidemien verstehen: Koevolution von Mensch und Mikroben, die Störenfriede', Edition Seuil 2006; A.d.Ü.]

- Ce que l'humanité doit à la femme - Editions Le Bord de l'eau, Juin 2004. ['Was die Menschheit den Frauen schuldet', Editions Le Bord de l’eau, Juni 2004; A.d.Ü.]