Gesellschaft

Nigerianische Prostituierte in Italien: Vom Traum in die Sklaverei

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2014

Laut der Glo­bal In­itia­ti­ve against Tran­sa­tio­nal Or­ga­nis­ed Crime gibt es min­des­tens 10.000 junge Ni­ge­ria­ne­rin­nen, die auf den Stra­ßen Ita­li­ens zur Pro­sti­tu­ti­on ge­zwun­gen wer­den: Wenn der Traum von einem bes­se­ren Leben jen­seits des Mit­tel­meers in die Skla­ve­rei führt.

Ola­ri­che ist 15 Jahre alt. Sie lebt in einem klei­nen Dorf in der Nähe der ni­ge­ria­ni­schen Stadt Benin. Ihre Fa­mi­lie über­lebt durch den Ver­kauf von selbst an­ge­bau­tem Ge­mü­se. Das junge Mäd­chen hilft sei­ner Mut­ter; eines Tages schlägt ihr Fa­ti­ma, eine Stamm­kun­din, die Über­sied­lung nach Ita­li­en vor. Die Frau bie­tet ihr an, die Rei­se­kos­ten zu über­neh­men. Nach ihrer An­kunft im Land wird Ola­ri­che für ei­ni­ge Mo­na­te bei Fa­ti­mas Schwes­ter als Ba­by­sit­te­rin ar­bei­ten und so die Schul­den zu­rück­zah­len kön­nen. Da­nach kann sie tun, was immer sie möch­te: In Ita­li­en gibt es viele Mög­lich­kei­ten und das Mäd­chen wird genug ver­die­nen, um seine Fa­mi­lie in Ni­ge­ria un­ter­hal­ten zu kön­nen.

So oder ähn­lich be­ginnt die Ge­schich­te von Tau­sen­den jun­ger Ni­ge­ria­ne­rin­nen, die jedes Jahr nach Ita­li­en ge­bracht und dann ge­zwun­gen wer­den, sich auf den Stra­ßen zu pro­sti­tu­ie­ren. Einem ak­tu­el­len Be­richt der Glo­bal In­itia­ti­ve Against Tran­sa­tio­nal Or­ga­nis­ed Crime zu­fol­ge steigt die Zahl der ni­ge­ria­ni­schen Pro­sti­tu­ier­ten dra­ma­tisch: Die Rede ist von mehr als 10.000 Mäd­chen, die sich vor allem auf das Pie­mont (rund um Turin), die Lom­bar­dei und Ve­ne­ti­en kon­zen­trie­ren. Viele von ihnen sind min­der­jäh­rig und haben keine Ah­nung, wie viel Geld sie der "maman" zu­rück­zah­len müs­sen: Die Zu­häl­te­rin wird mit einem fran­zö­si­schen Ko­se­na­men an­ge­spro­chen.

Ola­ri­che er­klärt den Mit­ar­bei­tern des So­zi­al­diens­tes, sie und die "maman" hät­ten sich auf 45.000 Naira ge­ei­nigt, um­ge­rech­net 35.000 Euro: „Ich kann­te den Wech­sel­kurs nicht, die Ver­ein­ba­rung er­schien mir ge­recht", be­rich­tet das Mäd­chen. Die "maman" sucht sich ihre Opfer unter den jüngs­ten und un­er­fah­rens­ten Mäd­chen aus: Sie über­zeugt die El­tern, dass sie sich um ihre Toch­ter wie um ein ei­ge­nes Kind küm­mern wird und sagt ihnen eine strah­len­de Zu­kunft vor­aus. Nach ihrer An­kunft in Ita­li­en wer­den die Mäd­chen an eine an­de­re Be­schüt­ze­rin ver­kauft, die ihnen un­miss­ver­ständ­lich klar­macht, dass die ein­zi­ge Mög­lich­keit zum Be­glei­chen ihrer Schul­den die Pro­sti­tu­ti­on ist. „Sie hat mir Kon­do­me und knap­pe Klei­dung ge­ge­ben": Dies ist der Be­ginn ihres Skla­ven­da­seins auf der Stra­ße.

Mit der afri­ka­ni­schen Dia­spo­ra nimmt der Men­schen­han­del zu

Im April die­ses Jah­res haben in we­ni­ger als zwei Tagen mehr als 4.000 Mi­gran­ten die ita­lie­ni­sche Küs­te er­reicht. Die afri­ka­ni­sche Be­völ­ke­rung wächst ra­send schnell und die wirt­schaft­li­chen Er­run­gen­schaf­ten füh­ren nicht zu bes­se­ren Le­bens­be­din­gun­gen für junge Men­schen. Viele Ju­gend­li­che sind von der ra­di­ka­len Un­ge­rech­tig­keit zer­mürbt und sehen den ein­zi­gen Aus­weg in einer Fahrt über das Mit­tel­meer. In 80% der Fälle sind die Mi­gran­ten kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen aus­ge­lie­fert, die Men­schen durch die Wüste bis zu den Küs­ten Li­by­ens und Tu­ne­si­ens füh­ren und dann nach Ita­li­en ver­schif­fen. Die Netze der Händ­ler wer­den immer eng­ma­schi­ger: Von Men­schen­han­del spricht man, wenn das Opfer als Ware be­trach­tet wird. Der Preis für einen Men­schen hängt von sei­ner Nutz­bar­keit als Ar­beits­kraft ab: Pro­sti­tu­ti­on auf den Stra­ßen Ita­li­ens oder Schwarz­ar­beit auf dem Land sind das Schick­sa­l vie­ler Men­schen, die mit Hilfe von Men­schen­händ­lern ins Land ge­kom­men sind.

Skla­ve­rei mit dem Segen der Geist­lich­keit

Mit 177 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ist Ni­ge­ria das be­völ­ke­rungs­reichs­te Land Afri­kas. Ob­wohl es gleich­zei­tig auch das reichs­te des Kon­ti­nents ist, lebt ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung in ex­tre­mem Elend. Hinzu kommt der von ei­ni­gen fun­da­men­ta­lis­tisch-is­la­mis­ti­schen Grup­pen ver­brei­te­te Ter­ror; hier sei die Ge­walt er­wähnt, die von der Dschi­had-Grup­pe Boko Haram aus­geht. Die Ter­ror­grup­pe hat schon Hun­der­te von Men­schen­le­ben aus­ge­löscht und hat Kir­chen wie Mo­sche­en an­ge­zün­det. Ein welt­wei­ter Auf­schrei ging durch die Pres­se, als die Bil­der von ent­führ­ten Mäd­chen pu­bli­ziert wur­den.

Ma­te­ri­el­le Not und psy­cho­lo­gi­sche Un­si­cher­heit ma­chen es den­je­ni­gen leich­ter, die fal­sche Hoff­nun­gen schü­ren; vor allen Din­gen für Frau­en ist der Ruf Eu­ro­pas sehr ver­lo­ckend. Die jun­gen Mäd­chen ver­trau­en der "maman", die ihnen zu einem hohen Preis Il­lu­sio­nen ver­kauft. Zu­sätz­lich zu den fi­nan­zi­el­len Schul­den wird auf nie­der­träch­ti­ge Weise ein psy­cho­lo­gi­scher Druck auf­ge­baut: Vor An­tritt der Reise müs­sen die Mäd­chen vor einer geist­li­chen Au­to­ri­täts­per­son, dem Ba­ba-loa, schwö­ren, dass sie den Be­trag zu­rück­zah­len wer­den. Der vor den Geis­tern sym­bo­lisch be­sie­gel­te Ver­trag bin­det die Opfer und sät in ihnen ein star­kes Schuld­ge­fühl, falls sie ihre Schul­den nicht be­glei­chen kön­nen. Die Mäd­chen brin­gen dem Ba­ba-loa per­sön­li­che Ge­gen­stän­de wie Haar­sträh­nen, Fet­zen von ihrer Klei­dung oder sogar Bluts­trop­fen, damit er die tra­di­tio­nel­len Voo­doo-Ri­tua­le durch­füh­ren kann: Die­sen Pakt zu bre­chen be­deu­tet das von den Schutz­geis­tern ge­schaf­fe­ne Gleich­ge­wicht zu zer­stö­ren. Das Ver­hält­nis zwi­schen der "maman" und dem Opfer ist nie­mals gleich­be­rech­tigt: Die "maman" ent­schei­det, wie viel Geld das Mäd­chen ihr jede Nacht brin­gen muss, wie sie sich zu klei­den hat und was sie sagen soll, falls sie von der Po­li­zei oder an­de­ren Men­schen­händ­lern an­ge­spro­chen wird.

Ein quä­len­der Pro­zess der ent­mensch­li­chung

Der be­un­ru­hi­gends­te As­pekt ist die ab­nor­ma­le Dia­lek­tik zwi­schen De­per­so­na­li­sa­ti­on und Hy­per­per­so­na­li­sa­ti­on, deren Opfer die jun­gen Mäd­chen wer­den. Auf der einen Seite er­le­ben sie eine stän­di­ge Ab­hän­gig­keit - zu­nächst vom Vater, dann von der "maman" und schließ­lich von den Geis­tern; auf der an­de­ren Seite sind sie al­lein für ihre Schul­den ver­ant­wort­lich. Das läh­men­de Ge­wicht der Un­mög­lich­keit, sie zu be­glei­chen, las­tet al­lein auf ihren Schul­tern. Das Über­tra­gen von Ver­ant­wor­tung be­wirkt eine trau­ma­ti­sie­ren­de Hy­per­per­so­na­li­sa­ti­on, die für die Mäd­chen nicht zu er­tra­gen ist. Zur Aus­lö­schung ihrer Per­son tra­gen auch der tat­säch­li­che Wech­sel der Iden­ti­tät (ein­ge­reist wird mit fal­schen Pa­pie­ren) und die Än­de­rung ihres Al­ters bei. Oft wird näm­lich das Alter des jun­gen Mäd­chens für die Reise be­wusst an­ge­ho­ben: Eine Min­der­jäh­ri­ge den Wohn­sitz wech­seln zu las­sen, wäre schwie­ri­ger für die Schlep­per. Nach ihrer An­kunft in Ita­li­en kann das Mäd­chen wie­der zu einer Min­der­jäh­ri­gen wer­den, um mehr Kun­den an­zu­zie­hen. Wenn sie dann auf den So­zi­al­dienst trifft, kann sie ihr Alter je nach Wunsch an­ge­ben: Eine Min­der­jäh­ri­ge be­kommt eher Schutz, fin­det aber we­ni­ger leicht Ar­beit.

Wenn eine junge Ni­ge­ria­ne­rin ihre Fa­mi­lie ver­lässt, ist ihr Schick­sal als Skla­vin be­sie­gelt. Die Skla­ve­rei sieht zu­nächst wie Hoff­nung aus und zeigt dann ihr wah­res Ge­sicht- genau in dem Mo­ment, in dem die Zu­kunft zum Grei­fen nahe scheint.