Gesellschaft

Nicht Willkommen? Simran Sodhi droht die Abschiebung

Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 14. Mai 2014

Sim­ran Sodhi spricht flie­ßend Deutsch, sie hilft Mi­gran­ten in ihrem All­tag und ist in Ber­lin zu Hause. Und den­noch soll sie nun aus­ge­wie­sen wer­den. Gründe dafür gibt es keine - bis auf seltsame Bestimmungen im deutschen Aufenthaltsgesetz. Sind nur überdurchschnittlich verdienende Ausländer in Deutschland willkommen?

Der letz­te Brief der Aus­län­der­be­hör­de kam am fünf­ten Mai. Spä­tes­tens am 31. Mai soll Sim­ran Sodhi Deutsch­land ver­las­sen. Der Grund? Ihr Job sei von kei­nem öf­fent­li­chem In­ter­es­se, sie ver­die­ne zu wenig und sei über­qua­li­fi­ziert. „Als ich den Brief ge­le­sen habe, war ich total pa­nisch. Ich wuss­te nicht, was ich als nächs­tes ma­chen soll­te. So­fort meine Sa­chen pa­cken?“, er­zählt die junge Frau. Ihre Sa­chen hat sie bis jetzt nicht ge­packt.  

2009 kam Sodhi nach Ber­lin, um an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät ihren Mas­ter in Eu­ro­päi­scher Eth­no­lo­gie zu ma­chen. Hier hat sie Freun­de ge­fun­den und fühlt sich wohl. Seit Ja­nu­ar ar­bei­tet die 27-Jäh­ri­ge als In­te­gra­ti­ons­lot­sin für den Ver­ein of­fen­siv’91 e.V. im Be­zirk Trep­tow-Kö­pe­nik. Dort un­ter­stützt sie Mi­gran­ten im All­tag: Ge­mein­sam sucht sie mit ihnen Woh­nun­gen oder Jobs, be­glei­tet bei Be­hör­den­gän­gen, berät bei Dis­kri­mi­nie­rung oder über­setzt bei Pro­ble­men. Sodhi ist ein Glücks­fall. Se­na­to­rin Dilek Kolat (SPD) hatte das Lan­des­rah­men­pro­gramm für In­te­gra­ti­ons­lot­sen im ver­gan­ge­nen Jahr ins Leben ge­ru­fen, das nun rund 60 Stel­len in Ber­lin fi­nan­ziert.

Laut deut­schem Auf­ent­halts­ge­setz ver­fällt 18 Mo­na­te nach dem Uni-Ab­schluss der Auf­ent­halts­sta­tus. Es sei denn, das Ge­halt ist das eines Aka­de­mi­kers. Und das liegt bei knapp 3000 Euro im Monat. So viel ver­dient Sim­ran Sodhi nicht. Ihren Un­ter­halt kann sie mit ihrem Ge­halt trotzdem selbst­stän­dig be­strei­ten. Und den­noch ist die ge­bür­ti­ge In­de­rin für ihren Job laut Be­hör­de über­qua­li­fi­ziert. In einem of­fe­nen Brief  wi­der­spre­chen nun zahl­rei­che Wis­sen­schaft­ler unter an­de­rem aus den Be­rei­chen Eu­ro­päi­sche Eth­no­lo­gie, So­zio­lo­gie und Mi­gra­ti­on: In­te­gra­ti­ons­po­li­tik gelte als eine der ak­tu­el­len Kern­her­aus­for­de­run­gen. An den Hoch­schu­len wür­den Stu­die­ren­de aus­ge­bil­det, um die Ab­sol­ven­ten prak­tisch für eine Ar­beit aus­zu­bil­den. In­te­gra­ti­ons­lot­se ist nach An­sicht der Wis­sen­schaft­ler einer die­ser Jobs.

Sim­ran Sodhi ge­hört mit ihrem sehr guten Ab­schluss und ihren flie­ßen­den Sprach­kennt­nis­sen in Deutsch, Eng­lisch, Hindu und Urdu de­fi­ni­tiv zur Bil­dungs­eli­te. Den­noch will die Be­hör­de sie ab­schie­ben. Und das, ob­wohl das Auf­ent­halts­ge­setz ei­gent­lich einen Er­mes­sens­spiel­raum er­laubt, wenn „an der Be­schäf­ti­gung ein öf­fent­li­ches, ins­be­son­de­re ein re­gio­na­les, wirt­schaft­li­ches oder ar­beits­markt­po­li­ti­sches In­ter­es­se be­steht.“ Doch die­ses In­ter­es­se scheint nach An­sicht der Aus­län­der­be­hör­de nicht er­sicht­lich zu sein.

Realität und Integrationspolitik im Widerspruch

„Das ist eine ab­sur­de Si­tua­ti­on: Sim­ran ar­bei­tet für ein öf­fent­lich fi­nan­zier­tes Pro­jekt und setzt sich für das öf­fent­li­che Wohl ein. Und das soll nicht von öf­fent­li­chem In­ter­es­se sein?“ fragt Chris­ti­na An­to­na­kos-Wal­lace von with WINGS and ROOTs. Die In­itia­ti­ve, die sich für einen neuen Mi­gra­ti­ons­dis­kurs in Deutsch­land und den USA ein­setzt, hatte am Sams­tag eine On­line­pe­ti­ti­on ge­star­tet. „Wir waren zwar total über­rascht, dass aus­ge­rech­net Sim­ran aus­ge­wie­sen wer­den soll, aber im All­ge­mei­nen ist so etwas für uns aber nichts Neues. Das hier ist ein­fach ein struk­tu­rel­les Pro­blem“, er­gänzt An­to­na­kos-Wal­lace. Die ge­plan­te Aus­wei­sung der 27-Jäh­ri­gen sorg­te für brei­te Em­pö­rung. Denn dass ein be­son­de­res In­ter­es­se an der wei­te­ren Be­schäf­ti­gung von Sim­ran Sodhi be­steht, darin sind Wis­sen­schaft­ler, Po­li­ti­ker und Bür­ger einig.

Neben Wis­sen­schaft­lern kri­ti­sier­ten in einem of­fe­nen Brief unter an­de­rem auch die Po­li­ti­ker Gre­gor Gysi (Die Linke), Oli­ver  Igel (Be­zirks­bür­ger­meis­ter Trep­tow-Kö­pe­nick), Ska Kel­ler (Eu­ro­pean Green Party, Bünd­nis 90/Die Grü­nen) und Ga­brie­le Gün Tank (In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te Ber­lin, Tem­pel­hof -Schö­ne­berg) die Aus­wei­sung. Bis Diens­tag­abend hat­ten dar­über hin­aus rund 31.000 Men­schen eine Pe­ti­ti­on bei chan­ge.​org un­ter­zeich­net, die den Ver­bleib Sodhis in Ber­lin for­dert. Auch Ber­lins In­nen­se­na­tor Frank Hen­kel (CDU), hat sich nun ein­ge­schal­tet und die Aus­län­der­be­hör­de auf­ge­for­dert, den Fall Sim­ran Sodhi er­neut zu prü­fen. Aus sei­ner Sicht be­ste­he ein hohes In­ter­es­se, dass eine Lö­sung für die junge Frau ge­fun­den würde. Auch die Stadt Ber­lin muss prü­fen, ob In­te­gra­ti­ons­lot­sen dem­nächst nicht mehr Ge­halt be­kom­men soll­ten.

Wenn ihr die Aus­wei­sung von Sim­ran auch un­ge­recht­fer­tigt und un­mög­lich fin­det, könnt ihr hier die Pe­ti­ti­on der In­itia­to­ren von "with WINGS and ROOTS" un­ter­schrei­ben.