Gesellschaft

Neues Polen, neue Arena: Geschichten aus dem Warschauer Nationalstadion

Artikel veröffentlicht am 5. September 2011
Artikel veröffentlicht am 5. September 2011
Ein neues Gebäude wächst dieser Tage in Warschaus abenteuerliche Skyline hinein: das Nationalstadion. Später als geplant, aber rechtzeitig zur Fußball-EM 2012 soll es noch in diesem Jahr eröffnet werden. Das teure und umstrittene Bauprojekt entsteht am Weichselufer auf geschichtsträchtigem Grund.

Über der staubigen Großbaustelle liegt das Gestampfe der Baumaschinen. Vor dem rot-weißen Oval des Stadions an der Südseite , wo unsere Tour beginnt, ragt zwischen Baggern und Betonmischern wie ein Fremdkörper die Statue dreier muskelbepackter Sportler. Ihre entschlossen-kantigen Gesichter sind Richtung Westen gewandt. "Man nennt sie Die barfuß aus dem Osten Fliehenden", erzählt Jarek Dąbrowski, Stadtführer seit 23, Warschauer seit 72 Jahren. Die Statue schmückte bis zu Baubeginn 2008 den Südeingang des "Stadions des 10. Jahrestages des Julimanifests", das kurz nach dem 2. Weltkrieg auf den Trümmern des zerstörten Warschaus errichtet wurde. "Es war der Grabstein auf dem Friedhof der Stadt", erklärt Dąbrowski. Anlass für seinen Bau war eine sozialistische Propagandaveranstaltung: Die "5. Weltfestspiele der Jugend und der Studenten".

Paradoxerweise wurde das Stadion "X-lecia" (die Kurzform des umständlichen Namens) für Protestakte gegen das Regime berühmt: Beim Erntedankfest 1968 wollte der Philosophielehrer Ryszard Siwiec mit einer öffentlichen Selbstverbrennung gegen die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings durch Warschauer-Pakt-Truppen demonstrieren. Der Vorfall wurde vertuscht; in den Zeitungen stand kein Wort darüber. Erst nach der Wende setzte der Filmemacher Maciej Drygas dem Märtyrer mit der Dokumentation Höret meinen Schrei ein spätes Denkmal.

Stadion Solidarnosc

Das Stadion diente auch einem weiteren legendären regimekritischen Ereignis als Bühne: "Als unser Papst '83 im Stadion eine Messe hielt, wurde er gefeiert wie ein Popstar", erzählt Jarek Dąbrowski, der als einer von 1,5 Millionen Zuschauern dabei war. "Immer wenn hineingeschmuggelte Fahnen mit dem Solidarnosc-Schriftzug herausgeholt wurden, brach Jubel los. Die Ränge waren ein Meer rot-weißer Flaggen." Papst Johannes Paul II. gab der damals verbotenen Gewerkschaft seinen Segen. Er unterstützte ihren Kampf um Demokratie und Unabhängigkeit, den sie sechs Jahre später gewann.

Beginn des Marathonlaufs am Stadium Dziesięciolecia. 1980.

So wie das politische System begann die Bausubstanz des innerhalb von 11 Monaten, an den Ufern der Weichsel aus der Erde gestampften Stadions in den 1980er Jahren mürbe zu werden. Zudem wies es praktische Mängel auf: Wegen des weiten Weges zwischen Kabine und Spielfeld musste bei Fußballspielen die Halbzeit verdoppelt werden. Künstliche Beleuchtung gab es nicht: "Autos mit brennenden Scheinwerfern wurden rund um die Rennbahn aufgestellt", erzählt Jarek Dąbrowski weiter.

"Aus den Trümmern der Ruine hätte man einen Hügel aufschütten können!", schwärmt der Stadtführer. Sein Vorschlag kam auf die Titelseite der Lokalzeitung Super-Ekspres, doch die Stadt lehnte ab. Ebenso erfolglos war eine Gruppe von Architekten, die das Stadion aufgrund seiner Geschichte und Architektur unter Denkmalschutz stellen wollte. Mit der Nominierung Polens und der Ukraine als Gastgeber für die EM, entschloss man, auf dem Fundament der Ruine ein neues Stadion zu bauen.

Vom Russenmarkt zum Prestigeobjekt

Nicht nur das Gebäude fiel dieser Entscheidung zum Opfer: Anfang der 1990er hatte auf der Fläche rund um die Ruine und auf der Krone des Stadions ein Freiluftmarkt eröffnet. Die Händler kamen aus Polen, seinen östlichen Nachbarländern und Vietnam. Aus dem Fortschrittlichkeit verheißenden Namen "Jahrmarkt Europa", wurde schnell der "Russenmarkt". Alles, was irgendwie verkäuflich war, ließ sich hier in Dollars verwandeln. "Waffen, Hunde,Waschmaschinen - man konnte für wenig Geld alles kaufen, was es auf der Welt gibt", erzählt eine Warschauerin. Schwarzhändler flüsterten: "Wodka" oder "Zigaretten" und boten Produkte an, die sie über die Ostgrenze geschmuggelt hatten. "Liebe nur mich! flüsterte ein Händler. Er wollte mir einen raubkopierten Film mit diesem Titel verkaufen", erinnert sich die Studentin Ewelyna. "Russische Filme konnte man ausleihen", erzählt sie weiter, "und in winzigen Bars gab es vietnamesische Gerichte; Cocktails aus Bohnen und Obst - verrücktes Zeug." Ewelyna vermisst den Jahrmarkt: "So etwas gibt es in Polen kein zweites Mal", sagt sie. Das neue Stadion ist ihrer Meinung nach ein reines Prestigeobjekt.

Link zum Weiterlesen: Fußball-EM 2012 in Warschau: Neues Stadion - neue Stadt

An der Nordseite der Baustelle, vor den Eingängen des Bahnhofs Stadion, stehen ein paar mit Plastikplanen abgedeckte Stände - die letzten Reste des Marktes. Käufer drängeln sich durch Gänge, die gegen den Matsch mit Pappe ausgelegt sind. Verstohlen werden mir "Papieroski" (Zigaretten) angeboten. Gefälschte Markenjeans und Polyesterpullover flattern wie Fahnen im Wind. An einem Grill gibt es Kaffee und Kottlets. Eine Händlerin erzählt, dass auch die Übrigbleibsel des Marktes abgerissen werden, wenn die EM beginnt. So wie tausende von Verkäufern wird sie sich eine neue Stelle suchen müssen: "Auf dem Jahrmarkt war es leicht, Arbeit zu finden.", meint sie. Zwar wurden Jobs im neuen Einkaufszentrum, in dem sich der Markt jetzt befindet, als Alternative angeboten. Doch der Komplex ist zu klein und liegt ziemlich weit entfernt.

"Wenn zur EM 2012 die Blicke der Öffentlichkeit auf Polen gerichtet sind, muss es repräsentativ aussehen. Der Jahrmarkt Europa war ein Müllhaufen", meint ein junger Mann, der auf den Bus wartet. "Sehen Sie sich das doch mal an!", fordert er mich auf und macht mit dem Arm eine Bewegung, die die primitiven Buden, Verkäufer und Polyesterpullover umschließt. So wie er sind viele Warschauer froh, dass die "Brudasy", die Schmutzfinken, endlich weg sind. "Ich bin stolz auf unser neues Stadion", sagt er. "Es ist ein Symbol dafür, dass Polen heute ein europäisches Land ist." - Im Hintergund ragt das nationalfarbene Stadion in den Himmel. Von hier aus gesehen wirkt es wie ein Ufo aus einer anderen Zeit.

Illustrationen: Homepage (cc)Zaykoski/flickr; Im Text: ©Johanna Meyer-Gohde; Marathonlauf (cc)Socialism Expo/flickr; Video: (cc)Youtube