Gesellschaft

Neuer Look für eine alte Dame

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2007
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs boomt der Tourismus in Prag. Gleichzeitig hat in der tschechischen Hauptstadt ein Bauboom eingesetzt. Doch nicht Bürger freuen sich über das neue Stadtbild.

„Zwischen März und April beginnt hier die Hochsaison“, erzählt Martina, während sie einige Zigeuner-Kristalle für ein paar strahlende ältere Touristen aus Deutschland einpackt. Die 30jährige Verkäuferin arbeitet bei Blue Praha, einer Kette, die touristische Souvenirs vertreibt und mit mittlerweile neun Läden überall im geschäftigen Treiben auf Prags Straßen und am Flughafen zu finden ist. Martina ging nach ihrem Abschluss im Fach Wirtschaftswissenschaften nach Prag, um sich dort einen „anständigen Job“ zu suchen.

Gut 18 Prozent steuert das Geschäft mit den Touristen zum Bruttoinlandsprodukt der tschechischen Hauptstadt bei. Es lockt junge Menschen wie Martina in die Stadt. Ist man jedoch erst einmal in der Welt des Tourismus mit seinen ständig klingelnden Kassen angelangt, wird es schwierig, weiterzukommen. „Seit mittlerweile fünf Jahren arbeite ich nun schon als Vollzeitkraft hier“, beschreibt Martina ihre Lage. „Aber für immer hier bleiben möchte ich eigentlich nicht“.

Funkelnagelneues Gesicht

Der nach dem Fall des eisernen Vorhangs 1991 einsetzende Touristenboom verpasste dem Prager Stadtbild ein Lifting, das den Staub von seinen schönen und reich verzierten Kirchen und Gebäuden ein für allemal wegwischte. Das düstere Leben Kafkas wurde in all seinen Einzelheiten aufgearbeitet und im Kafka-Museum der Öffentlichkeit vorgestellt, südlich der U-Bahn-Station Malostranska. Und auch die erst kürzlich errichteten Denkmäler des Kommunismus wie der stufenweise verschwindende Mann von Olbram Zoubek (2002) oder die Rekonstruktion der Smíchov-Synagoge im fünften Bezirk (2003) zeigen, wie die Stadt sich selbst verschönert, indem sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit schmückt. Doch ist all das nicht bloßer Augenschmaus?

Pavel Seknicka, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der ältesten und größten Hochschule der Tschechischen Republik, der Karlsuniversität, beobachtet zufrieden die Entwicklung seiner Heimatstadt zu einer wachsenden und blühenden Metropole: „Verfallene Brauereien im Stadtzentrum, die schon lange brachlagen, werden restauriert und zu Touristen-Attraktionen umgebaut. Sie finanzieren sich einzig und allein durch ihre Besucher“, so der Professor.

Hingegen beurteilen einige große Namen der Architektur-Szene den rückwärtsgewandten Trend, mit viel Geld alte Gebäude zu sanieren und umzubauen, durchaus kritisch. Manche halten derlei Anstrengungen gar für einen Fehler. David Cerny, 39, Künstler, Installateur und vor allem Provokateur, hält die angeblich experimentelle Architektur für bloße Fassade. Er kritisiert vor allem den gebogenen Zement-Block, der zwischen 1992 und 1996 entstand und in dem das neue Dancing House untergebracht ist. Cerny beschwert sich über die örtliche Regierung, den Magistrat, der bei richtig gewagter Architektur sofort einen Rückzieher mache.

„Momentan dreht sich alles um den Bau einer neuen Nationalbliothek auf dem Platz, wo früher das 1962 zerstörte Stalin-Denkmal stand”, erklärt der Künstler. „Jan Kaplicki hat die Ausschreibung für den Bau der Bibliothek gewonnen. Und jetzt beklagen sich plötzlich Millionen Menschen darüber, dass das neue Gebäude zu modern sei und nicht auf den Platz passe. Es ist ein tolles Gebäude – es wäre großartig, wenn man es dort bauen würde!“

Business Look

Aber es sind nicht nur die architektonisch abenteuerlichen Gebäude, die die zementierte Szenerie Prags verändern. Seknicka erklärt, wie große Investoren „wie die Europäische Union, private Geschäftsleute aus den benachbarten Ländern Deutschland und Österreich und den weit entfernten Staaten USA und Japan“ tief in die Taschen greifen, um die architektonische Restrukturierung der Stadt zu finanzieren.

„Der durchschnittliche Tourist bleibt nur drei Tage in Prag”, so Seknicka. „Folglich werden die Gelder oft in Projekte investiert, die längerfristige Aufenthalte unterstützen. Diese sollen Touristen und Geschäftsleuten ein Plus an Aktivitäten und Unterhaltung bieten, neben den gewöhnlich eher passiven Rundgängen durch die Prager Stadtviertel.“ Konferenzzentren sind bereits in Planung, während Hugo Boss, Swarovski und Co. bereits ganze Straßen nahe dem Stadtcenter übernommen haben, um mehr Geschäftsleute anzuziehen. Die alte Dame Prag bekommt einen brandneuen Designer-Anzug.

Bürger versus Großstädter

An der Neugestaltung Prags war so ziemlich jeder beteiligt. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Einwohner der Stadt. Einige sehen die Veränderungen im Stadtbild und die Invasion der Touristen positiv, da es zur Multikulturalität und Aufgeschlossenheit der Stadt beitrage.

Roberto kommt aus der Schweiz und lebt seit fast zehn Jahren in Prag. Sein Einkommen verdient er mit einer kleinen Fastfood-Bude, 50 bis 80 Prozent seiner Kunden sind Touristen. Die freundlichen Fremden schätzt er nicht nur als Einkommensquelle, sondern auch als Botschafter der Kulturen. Viele Fremde kommen zum Studium oder gleich zum Leben nach Prag“ beschreibt Roberto das Resultat dieser Entwicklung. „Das macht die Stadt zu einem lebenswerteren Ort.“

Steiler Anstieg

Andere wiederum ertragen es nicht, dass sie sich auf ihrem Weg zur Arbeit per Ellenbogen durch die Massen kämpfen müssen. Mieten und Grundstückspreise sind gestiegen, besonders nach dem EU-Beitritt der Tschechischen Republik. „Ich erinnere mich, vor einigen Jahren einmal ein Haus besichtigt zu haben, das ich gerne kaufen wollte“, erzählt Roberto. „Damals kostete es noch vier Millionen Kronen. Nun ist der Preis um das Doppelte gestiegen, das Haus kostet mittlerweile acht Millionen!“ Vor 2004 sei es Ausländern nicht möglich gewesen, Eigentum in der Tschechischen Republik zu erwerben, erzählt Roberto. Eine Ausnahme galt für die, die ein Unternehmen im Land besaßen. Heute treiben ausländische Interessenten die Immobilienpreise hoch.

Eva ist 28 Jahre alt und arbeitet als Juristin in einem Unternehmen nahe am Stadtzentrum. Auch sie beschwert sich über die steigenden Kosten. „Mein Onkel, der seit 25 Jahren hier lebt, kann nicht mehr in seine Lieblingskneipe gehen, weil er die hohen Preise nicht mehr bezahlen kann“. Sie erzählt, dass selbst kulturelle Events dem Geschmack und Geldbeutel der Touristen angepasst worden seien und sich die Anwohner nun selbst einfachste Freizeitaktivitäten, die angeboten werden, nicht mehr leisten könnten. Michal, Jura-Student, teilt Evas Ansicht. Für ihn sind die Bemühungen der Regierung, tschechische Kultur zu bewahren, vor allem eine „Fassade, hinter der sich Profitsucht verbirgt“.

Je schöner Prag wird, desto mehr Touristen werden den neuen Look der Stadt auf ihren Kameras festhalten wollen, und desto höher werden auch die Preise steigen. Das Erscheinungsbild der tschechischen Hauptstadt mag zwar vor Selbstbewusstsein nur so strahlen, aber wird Prags Schönheit ausreichen, um seinen Bürger aus ihrem Elend zu helfen?