Gesellschaft

Ndjogou: Der lange Weg vom Senegal zur Großen Moschee in Rom

Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2009
La petite vendeuse de soleil [Die kleine Sonnenverkäuferin] ist ein poetischer und rührender Film, der im Jahr 1999 auf dem Festival von Cannes in der Kategorie Quinzaine des Réalisateurs präsentiert wurde. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens aus dem Senegal, das auf der Straße die Zeitung Soleil verkauft, ebenso wie viele andere Immigranten in anderen europäischen Städten.
Ndjogou Thiongane erzählt in Rom seine Geschichte.

Ndjogou Thiongane lebt seit 13 Jahren in Rom, wo er auf der Straße Zeitungen verkauft. Und dabei handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Zeitung: Terre di Mezzo [Länder der Mitte, A.d.R.] ist ein Street Magazine, das vor 14 Jahren von einer Gruppe junger Journalisten in Mailand gegründet wurde und sich mit sozialen Themen in Großstädten auseinandersetzt. Die Zeitung wird von Einwanderern verkauft, maßgeblich von Senegalesen. Die Verkäufer erhalten rund 50 Prozent vom Handelspreis.

Vom Senegal nach Italien

Die ersten drei Jahre lebte Ndjogou illegal in Italien. Dann fand er Arbeit als Straßenverkäufer für den Verlag Terre di Mezzo und erhielt die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung. Vor kurzem war Ndjogou außerdem der offizielle Begleiter einer Besichtigung der Großen Moschee in Rom (der größten Europas), die von dem Verband Insieme nelle Terre di mezzo [„Gemeinsam in den Ländern der Mitte“, A.d.R.] organisiert wurde. Auf dem Weg zur Moschee erzählt Ndjogou seinen Weg vom Senegal nach Italien bis zum Zeitungsverkauf auf der Straße. Eine Entdeckungsreise durch die islamische Kultur und eine Reise der Hoffnung auf ein Land, das für viele Afrikaner noch das Eldorado darstellt.

„Als ich vor 13 Jahren zum ersten Mal nach Italien kam, nahm ich ein Schiff von Dakar nach Marseille“, erzählt er. „Einige blieben dort, andere nahmen den Zug, um illegal nach Italien einzureisen. Hier wählte jeder seinen Weg und eine Stadt, in der möglicherweise bereits Freunde lebten.“ Heute ist die erste Etappe dieser Reise wesentlich kürzer, aber auch wesentlich teurer: Nach Frankreich geht es mit dem Flugzeug und um den Betrag für das Ticket aufzubringen, wird die ganze Familie mobilisiert. Wenn das Geld nicht reicht, muss der längere und gefährlichere Weg gewählt werden. 

©Wikipedia

Im Gepäck nur das Notwendigste: ein Rucksack, ein Kanister Wasser und ein Touareg-Turban.

Diesen Weg dokumentierte im Jahr 2003 der Journalist Fabrizio Gatti von der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera in seiner Reportage Fuga dall'Africa [„Flucht aus Afrika“, A.d.R.]. Hierzu begab er sich gemeinsam mit illegalen Einwanderern auf die Reise: Die Strecke beginnt in Dakar und führt über 5.000 Kilometer über Mali, Niger und Libyen. In Tripolis geht es dann endlich mit dem Schiff weiter, über die mediterrane Route zur Insel Lampedusa. Im Gepäck nur das Notwendigste: ein Rucksack, ein Kanister Wasser und ein Touareg-Turban zum Schutz vor der brennenden Wüstensonne. Die Reise dauert eineinhalb Monate und ist eine wahre Überlebensprobe. Viele Menschen sterben an der Überanstrengung oder an Krankheiten.

Eine gut integrierte Moschee

Nach dem Caritas-Dossier zur Einwanderung leben in Italien 62.620 Senegalesen mit regulärer Aufenthaltsgenehmigung (Stand ISTAT 31.12.2008). In Rom leben offiziell 832, davon nur ein Fünftel Frauen. Auch die drei Ehefrauen und fünfzehn Kinder von Ndjogou sind im Senegal geblieben. Ndjogou ist praktizierender Muslim und geht jeden Freitag in die Moschee. „Ich lebe meinen Glauben frei aus und fühle mich von den Italienern wegen meiner Religion nicht diskriminiert. In diesen Jahren habe ich mehr Italiener kennen gelernt, die dem Dialog offen gegenüber stehen, als Rassisten. Das Phänomen der Übergriffe auf Immigranten beunruhigt mich nicht. Ich fühle mich sicher in Rom.“

Gemäß Caritas-Dossier zur Einwanderung, auf der Grundlage der Zusammensetzung ethnischer Einwanderergruppen, leben in Italien schätzungsweise 1,2 Millionen Muslime, davon 54.000 in Rom. Zur Förderung des interreligiösen Dialogs organisiert die Große Moschee in Rom jeden Mittwoch und Samstagvormittag kostenlose Führungen. Am Freitag, dem offiziellen Gebetstag, wird die Moschee von über 2.000 Muslimen besucht und während der religiösen Festlichkeiten werden Besucherzahlen von bis zu 15.000 erreicht.

Von dieser Realität erzählt uns Aziz Darif, der in Marokko geboren ist und seit 1991 in Italien lebt. „In den 1980er Jahren, als die Bauarbeiten begannen, protestierten die Bewohner des Viertels zunächst gegen die Moschee. Im Verlauf der Zeit haben sie jedoch verstanden, dass sie einen Mehrwert schafft und heute kommen Pfarrgemeinden, Schulen und Kulturverbände gern zu uns, um die muslimische Kultur kennen zu lernen und dieses architektonische Juwel zu besichtigen.“ Die Moschee in Rom wurde von dem italienischen Architekten Paolo Portoghesi entworfen, der nun auch die Große Moschee in Straßburg bauen wird. Aziz arbeitet für die Moschee als Touristen- und Kulturführer und vertritt die in Rom lebenden ausländischen Gemeinden in der Stadtversammlung. Seiner Ansicht nach müsste Europa „den Dialog stärker fördern und lokale Initiativen für die schulische Betreuung von Einwandererkindern und Einbeziehung von Einwandererfrauen in die Zivilgesellschaft unterstützen.“

Für Ndjogou ist der Zeitungsverkauf das Instrument seiner Integration in Italien.

Für Ndjogou ist der Zeitungsverkauf das Instrument seiner Integration in Italien. Jeden Morgen arbeitet er auf dem Piazzale Aldo Moro, auf dem es von Studenten wimmelt, und nachmittags am Eingang der Buchhandlung Feltrinelli auf dem Piazza della Repubblica. Aber die Krise ist auch an seiner Branche nicht spurlos vorübergegangen und seit einigen Monaten verkauft er außer Terre di Mezzo auch Bücher eines anderen Verlags. Außerdem muss er sich mit der Konkurrenz der anderen, jüngeren Straßenverkäufer konfrontieren, die Kunden mit neuen, attraktiven Verkaufstechniken anlocken. Er hingegen wartet einfach darauf, dass sich die Passanten seinem Stand nähern und die Zeitung kaufen, die ein Stück seiner Welt erzählt.

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