Gesellschaft

Naher Osten: britische Studenten immer noch mobilisiert

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2009
Die Kämpfe im Gazastreifen sind beendet, nicht aber die per E-Mail oder über Facebook organisierten Streiks in 21 englischen Universitäten. Die Forderungen der Studenten: vor allem Stipendien für Palästinenser. Eine Kampagne, die „gerade erst beginnt“…

Mitten am Wochenende sind die Hörsäle des King’s College, einer der berühmtesten Universitäten Londons, ruhig. Dennoch sitzen noch 25 Studenten in den Bänken eines Hörsaals, der zum Hauptquartier für die palästinensische Sache umfunktioniert wurde. Das King’s College ist die vierte auf einer Liste von 21 britischen Universitäten, die zum Zeichen des Protestes gegen die israelische Offensive, die im Januar 2009 im Gazastreifen durchgeführt wurde, besetzt wurde.

Eine Handvoll antimilitaristischer Studenten hat sich am 13. Januar zunächst in einer Galerie der School of Oriental and African Studies (SOAS) eingerichtet. Die Initiative wird unmittelbar danach von der London School of Economics (LSE) und dann der Sussex University, Oxford und Cambridge aufgenommen. In weniger als zwei Wochen sind „Besetzungskomitees“ in weiteren fünfzehn Universitäten entstanden. Die Studenten fordern eine Verurteilung der israelischen Aktion, Stipendien für Studenten aus dem Gazastreifen und den Boykott israelischer Produkte auf dem Campus. Am King’s College wird vor allem der Widerruf des Ehrendoktortitels, der dem israelischen Präsidenten Shimon Peres am 18. November vergangenen Jahres zuerkannt worden war, gefordert.

Ehrendoktor Mugabe

Samstag, 31. Januar: Drei Abgeordnete des „Besetzungskomitees“ verhandeln mit Rick Trainor, dem Leiter der Universität und Präsidenten von Universities United Kingdom (UUK), der Institution, die die Universitäten des Vereinigten Königreichs vertritt. Die Verhandlungsführer erklären schnell ihren Sieg. Wie an der SOAS, der LSE oder in Sussex, hat die Direktion grundsätzlich Stipendien, einer Spendensammlung und der Versendung von Material an palästinensische Universitäten zugestimmt. Und dennoch herrscht kein Freudentaumel bei den Streikenden, da der Leiter die Rücknahme der Ehrendoktorwürde nicht ins Auge fasst. Er hat lediglich akzeptiert, die Polemik in einem offiziellen Kommuniqué zu erwähnen.

Talha Abdulrazaq, 21 Jahre alt, im ersten Studienjahr in „war studies“ eingeschrieben, motiviert die Truppe. „Die Besetzung ist beendet, die Kampagne beginnt aber gerade erst. Denkt daran, dass der Widerruf der Ehrendoktorwürde von Mugabe erst nach zwei Jahren Lobbyarbeit erreicht wurde!“ Im Juli 2007 hatte die Universität von Edinburgh in der Tat dem Präsidenten von Zimbabwe, Robert Mugabe, die ihm 23 Jahre zuvor verliehene Ehrendoktorwürde wieder aberkannt.

Anderswo im Land ist der Ausgang der Verhandlungen ähnlich, wenn die Besetzungen nicht länger als zwei Wochen dauerten. Die Studenten organisieren Komitees zur weiteren Nachverfolgung der Angelegenheit und Arbeitsgruppen, die die versprochenen Maßnahmen konkretisieren sollen. Die Universitäten veröffentlichen Einverständniserklärungen über Internet, die die von Professor Rick Trainor im Namen der Universitäten des Vereinigten Königreiches abgegebene Erklärung aufgreifen: « UUK unterstützt die Aufrufe zur Lösung des Konfliktes im Gazastreifen und darüberhinaus. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt dem Tod zahlreicher Zivilisten, vor allem derjenigen, die sich in Schulen und Universitäten aufhielten.“

Ken Loach als Unterstützung

Wir haben fünf Stipendien erhalten, das sind fünf Familienleben, die dort unten verändert werden!

Die britischen Studenten freuen sich vor allem über die von ihren Fakultäten gegebenen Garantien hinsichtlich der Stipendien. „Stellen Sie sich vor, wir haben fünf Stipendien erhalten, das sind fünf Familienleben, die dort unten verändert werden!“ erzählt uns Talha begeistert. Für Ibrahim Adwan, 28-jähriger Bewohner des Gazastreifen, ehemaliger Stipendiat und nunmehr Journalist in London, ist diese Maßnahme symbolisch. Seiner Meinung nach haben Geldzuweisungen wenig Gewicht in Konfliktzeiten. „Studienstipendien sind schon gut, aber es gibt sie schon, und wozu sind neue Geldmittel nütze, wenn die Studenten nicht mal aus Gaza rauskommen können?“

„Das sind schon magere Siege“, gibt Simon Englert, 19 Jahre, aktiver Besetzer von Sussex, zu. Dennoch vergleicht er, wie seine Mitstreiter, die aufkeimende Bewegung mit der Anti-Apartheid-Bewegung der 1960er Jahre. Diese Meinung teilt Rodney Barker, Professor und Leiter des Lehrstuhls Politikwissenschaften an der LES, nicht. Er hat mit Interesse die Besetzung seines Campus‘ verfolgt, seiner Meinung nach muss man aber relativieren, der Aktivismus der 1960er Jahre sei mit nichts zu vergleichen. „Ihre Forderungen sind nicht revolutionär. Sie protestieren auf zuvorkommende Art, um Einfluss auf die Politik zu nehmen und respektieren dabei die Gegebenheiten des bestehenden Systems. Es handelt sich um einen höflichen Protest, nicht um einen Aufstand.“

Die Studentenproteste mobilisieren wenige. Einige hundert Personen auf jedem Campus, eine Minderheit bei insgesamt 2,5 Millionen Studenten im gesamten Königreich. Die Aktivisten sind aber guter Hoffnung, dass ihre Zahl mit dem Internet als Haupttribüne anwachsen wird. Bei jeder Besetzung werden die entsprechenden Blogs täglich gefüllt. Man kann hier sogar schon Sympathiebekundungen von Persönlichkeiten wie Noam Chomsky und Ken Loach finden.