Gesellschaft

Muslime in Brüssel: (Fast) wie alle anderen

Artikel veröffentlicht am 10. November 2010
Artikel veröffentlicht am 10. November 2010
Sie sind Belgier und Muslime - doch das stellt nicht etwa ein problem dar. Omar, Younes und Mourad beschreiben ihren Alltag in der EU-Hauptstadt, wo Toleranz und Zurückweisung sich die Waage halten. Sie tragen zwar keine Burka, die in Belgien mittlerweile verboten ist. Trotzdem bleiben ihnen einige Bars verschlossen... Zeugnisse von Bürgern, die nur fast wie alle anderen sind.

Wer sind die Brüsseler Muslime? 70 Prozent von ihnen kommen ursprünglich aus Marokko, 20 Prozent aus der Türkei. Hinzu kommen, neben anderen, Moslems tunesischen, algerischen oder pakistanischen Ursprungs. Laut Schätzungen der belgischen Wissenschaftlerin Corinne Torrekens sind 17 Prozent der Brüsseler Bevölkerung Muslime.

Doch die Mehrheit wurde in die nordwestlichen Stadtteile Brüssels verbannt - Molenbeek Saint Jean, Saint Josse und Anderlecht. Der Grund dafür? Als die marokkanischen Immigranten in den 1960er Jahren nach Belgien kamen, waren die Mieten hier bezahlbar und die Nähe zum Arbeitsplatz praktisch. Doch ist es aus heutiger Perspektive nicht eher eine geografische Integrationsbremse?

Sagten Sie „Muslim way of life“?

Für Corinne Torrekens gibt es keinen „Muslim way of life“. Der Politikwissenschaftlerin der Université Libre de Bruxelles, die sich auf die muslimische Gemeinschaft in Brüssel spezialisiert hat, zufolge „sind die Unterschiede geringer als man denkt“. Es genügt, mit den Betroffenen zu sprechen, um sich hierüber klar zu werden. Nach Younes, 19-jähriger Student marokkanischen Ursprungs, „gibt es keinen Widerspruch zwischen den Werten, die meine Religion vermittelt und jenen meines Landes. In der Praxis bedeutet das, dass mein bürgerliches Engagement durch meine religiöse Überzeugung bestärkt wird“. Mourad hat seit seiner Ankunft in Belgien vor 18 Jahren „nie das Gefühl gehabt, Anpassungsprobleme an die belgische Lebensweise zu haben.“ Mit 40 Jahren gehört der Tunesier heute der Führungsetage an.

Der muslimische Glaube wurde 1974 offiziell von der belgischen Regierung anerkannt. Heute, sagt Omar, wird der Islam „als dritte Religion des Landes angesehen“, was auf die Offenheit und Toleranz der belgischen Gesellschaft hindeutet. Der 27-Jährige findet Belgien offener als beispielsweise Spanien, wo er zuvor gelebt hat. Warum? Aufgrund des gegenseitigen Respekts, der das muslimische Leben für den jungen Mann einfacher macht. Er hat beispielsweise keine Unterschiede zwischen Belgien und Marokko hinsichtlich der Ausgestaltung des Ramadans feststellen können.

Belgische Muslime, prekäre „Tänzer“

Ein belgischer Händler in der Nähe der Place Flagey hat dem nichts hinzuzufügen. Eines der schönsten Bilder sei für ihn, wenn die Gläubigen nach dem Freitagsgebet die Moschee verlassen und wie „Tänzer“ durch die umliegenden Straßen schweben. In einer Stadt jedoch, in der die Armutsrate auf 25 Prozent geklettert ist, sind die Probleme, mit denen die Muslime konfrontiert sind, dieselben wie jene der restlichen Brüsseler Bevölkerung. Corinne Torrekens meint aber, Muslime treffe es sogar schlimmer. Und dies besonders in den Bereichen Wohnen, Mobilität, Arbeitslosigkeit und Schulen: „Unterschiedliche Studien zeigen, dass Muslime aufgrund ihrer Religion in all diesen Bereichen unter Diskriminierung zu leiden haben. In Kombination mit sozioökonomischen Hindernissen spiegelt dies die bevorstehenden Herausforderungen wieder“, analysiert die Forscherin. „Das andere Hauptdefizit“, fügt sie hinzu, „besteht darin, die muslimische Identität ohne Angst akzeptieren zu lernen und Vorurteile durch Dialog abzubauen“. In einer Stadt, in der Muslimen oftmals der Zutritt zu Bars und Clubs verwehrt bleibt - was ich selbst erlebt habe und was von Anti-Rassismus-Organisationen regelmäßig angemahnt wird - wird die soziale Durchmischung zur wichtigsten Herausforderung. Omar bestätigt dies: Selbst, wenn man einen Schritt auf den anderen zugehen wolle, sei dies nicht immer möglich.

Stark sichtbare Minderheit und unsichtbare Mehrheit

Belgien hat als erstes europäisches Land das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit untersagtSo wie alle Religionen hat auch der Islam unterschiedliche Gesichter, deren Gestalt durch dieMedien und radikale Islamisten verfälscht werden, auch wenn diese nur eine Minderheit darstellen. Für Mourad „gibt es unterschiedliche Interpretationen des Islams, jedoch nur eine richtige; jene durch den Propheten Mohammed und den Koran wohl definierte.“ Younes meint, dass die Auslegung des Islams einzigartig sei. Da sie jedoch mit unterschiedlichen Kulturen in Berührung komme, vermische sie sich mit diesen, was Auswirkungen auf die unterschiedlichen Auslegungen habe. Das Tragen der Burka in bestimmten arabischen Ländern ist hierfür ein Musterbeispiel.

Jedoch ist genau dieses Gesicht des Islams in Belgien und anderen europäischen Staaten allgegenwärtig. „Die Art und Weise wie der Islam in den Medien dargestellt wird, ist eine Karikatur“, bemerkt Corinne Torrekens, „hier wird oft ein Aufsehen erregendes Bild verbreitet, da es sich besser verkaufen lässt. Indem solche Vorurteile und Bilder verbreitet werden (jene des Bart tragenden Mannes, des Kopftuchmädchens, der in eine Burka verhüllten Frau, etc.), wird weder die Brüsseler Bevölkerung beruhigt, noch das Kennenlernen des anderen gefördert.

Denselben Ton schlägt Younes an: „Radikalität ist nie gut“, betont der junge Mann und Mourad geht noch einen Schritt weiter: „Nicht sie sind die wahren Muslime“. Und Omar schließt die Debatte, indem er sagt: „Das ist eine Ideologie, die nichts mit der Religion zu tun hat“.

Afaf Hemamou, Stadtverordnete von Schaerbeek, hat - in Zusammenarbeit mit dem Localteam von cafebabel.com in Brüssel - jährlich vier Konferenzen ins Leben gerufen, von denen die achte im Dezember 2010 stattfinden wird. Ihr erklärtes Ziel ist es, „die soziale Durchmischung anzuregen. Die Debatten“, erklärt die gebürtige Marokkanerin, „werden häufig von Bewohnern des Viertels besucht, jedoch nicht nur. Durchmischung geht alle etwas an, das Ziel ist es, die Ghettos zu zerschlagen, indem ein Schritt auf die Menschen zugegangen wird.“ Afaf Hemamou fügt hinzu, dass „es nötig ist, eine größere, einschließende Vision der Gesellschaft zu haben, wenn man die soziale Durchmischung aller Gruppen fördern möchte“. Das ist das einzige Mittel, keine der sozialen Gruppen Brüssels zu stigmatisieren.

Illustrationen: Video You Tube (cc)Gazullenzi ; Protestaktion (cc)mkhalili/flickr