Gesellschaft

Mobilität in Europa: Should I stay or should I go?

Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2008
Eigentlich nicht anders zu erwarten: Wenn man junge Studenten dazu ermutigt, die Welt zu bereisen, bleiben viele - vom Reisevirus gepackt - in der neuen Heimat hängen.

Das europäische Portal zur beruflichen Mobilität bietet Informationen über Arbeitsbedingungen im Ausland und den direkten Kontakt zu professionellen Beratern (Website: EURES)

"Die Arbeitsmobilität in Europa steigt nur langsam. Die Zahlen steigen eigentlich nur bei den jungen Arbeitnehmern, die im Ausland ihren ersten Job suchen", meint Jimmy Jamar, Verantwortlicher für Arbeitsmobilität bei der europäischen Kommission. So sind in den letzten Jahren junge Litauer, Letten und Polen nach Westeuropa gegangen, um dort erste Berufserfahrungen zu sammeln. Ihr Ziel: das Vereinigte Königreich, Irland oder Schweden. Diese Länder sind am gastfreundlichsten und empfangen frischgebackene Akademiker mit offenen Armen. Seit 2004 sind europaweit circa eine Million Arbeitssuchende jeglichen Alters für einen Job ins Ausland gegangen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen 'Brain Drain', sondern um ein zeitlich begrenztes Phänomen. Das Herkunftsland nehme keinen Schaden, ganz im Gegenteil. "Die osteuropäischen Länder wurden ihrer Köpfe ein wenig beraubt, aber seit 2006 kommen die jungen Leute wieder. Mit einer sehr positiven Erfahrung in der Tasche und der Fähigkeit, sich schnell wieder in den heimischen Arbeitsmarkt zu integrieren."

Sich professionell zu bereichern bedeutet gleichzeitig, sein Land zu bereichern. Folglich ist es nicht weiter erstaunlich, dass die europäischen Staaten alles tun, um ihr Arbeitsangebot zu vereinheitlichen und Arbeitnehmer mit Arbeitgebern in Kontakt zu bringen. Auf 16 Millionen Arbeitslose fallen in der EU 3 Millionen offene Stellen. Um die Mobilität der Arbeitnehmer zu fördern, hat die Kommission eine Internetseite erstellt, die Berge an Informationen über die verschiedenen Arbeitsrechte in Europa zur Verfügung stellt und die Arbeitskräfte-Nachfrage der Mitgliedstaaten einzeln aufschlüsselt: EURES, das europäische Portal für Arbeitsmobilität. 1,5 Millionen Jobangebote und 300.000 Lebensläufe bietet die Website online an. Ein beeindruckendes Werkzeug, das in 25 Sprachen übersetzt ist. Allerdings gelingt es noch nicht gänzlich, die Hürden einer transnationalen Karriere aus dem Weg zu räumen.

Behördenmarathon

Denn Auswandern kann auch Kopfzerbrechen bereiten: "Die Leute sind nicht sehr mobil, da sie nicht über genügend Informationen verfügen. Sie haben Probleme mit administrativen Fragen", fährt Jimmy Jamar fort. Veronica Gonzalez de la Rosa ist Spanierin. Die 23-Jährige arbeitet als Übersetzerin in einer französischen Firma nahe Lyon. Sie hat diese unbefristete Arbeitsstelle nach nur knapp zwei Monaten Jobsuche gefunden. "Ich hatte ganz schönes Glück. Selbst die meisten jungen Franzosen müssen sich am Anfang mehr anstrengen, um einen Job zu bekommen. Natürlich habe ich am Anfang nicht alles verstanden. Aber man hat mir gut erklärt, wie der französische Arbeitsmarkt funktioniert. Ich muss allerdings gestehen, dass es etwas gedauert hat, bis ich das System der Sozialversicherung verstanden habe", erinnert sich die junge Angestellte. "Besonders, weil es in Spanien ganz anders funktioniert: Wenn man bei uns zum Beispiel zum Arzt geht, dann denkt man nicht daran, seine Kreditkarte oder das Scheckheft mitzunehmen." [In Frankreich muss der Patient direkt nach der Behandlung selbst bezahlen und bekommt das Geld später zurückerstattet, A.d.Ü.]

Ohne Lebensgefährte oder Kinder scheint der Weg für junge europäische Arbeitnehmer einfacher zu sein, insbesondere für Jobeinsteiger mit Erasmus-Profil. Nach einem Studienjahr in Edinburgh wurde Susanne Velke, eine 23-jährige Deutsche, gerade als Junior-Fachberaterin bei einer Energiefirma eingestellt. "Das wichtigste ist, aktiv zu sein und zu zeigen, dass man Initiative ergreift. Ich wollte immer schon im Ausland leben und arbeiten. Nach meinem Master habe ich mich auf eine Stellenausschreibung beworben, die auf der Seite der Firma stand. Nur, um es zu probieren. Wir hatten ein Vorstellungsgespräch am Telefon und sie haben mir den Job für den kommenden September angeboten."

Tipps von Profis

Der europäische Lebenslauf soll die Einstellungspolitik Europas harmonisieren

In der Eingangshalle des Centre International pour l’Emploi, des internationalen Zentrums für Arbeit, direkt am Place de la Bastille in Paris, empfangen die französischen Berater alle Interessierten, die einen Job im Ausland finden möchten. "Im Allgemeinen verlangen die Arbeitgeber mindestens zwei Jahre Erfahrung. Wir haben eher wenige Angebote für junge Akademiker", warnt Laure Detalle-Moreau, die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit. "Dennoch", präzisiert sie, "können Firmen im Ausland, die auf den französischen Markt ausgerichtet sind, durchaus an französischen Profilen interessiert sein. Es ist also möglich, sich spontan zu bewerben. Das kann auch funktionieren."

Bevor man aufbricht, ist es häufig notwendig, seine Reise gut zu planen. "Ein Projekt muss kohärent sein. Wir warnen die Besucher, indem wir ihnen sagen, dass Mobilität ein Lebensprojekt ist. Außerdem muss man auch an die Rückkehr denken. Man muss wissen, wie lange man weg will und am besten schon professionelle Kontakte für die Rückkehr pflegen." Wissen, wie man zurückkommt. Für Jimmy Jamar sind es die Staaten, die hierfür Hilfe anbieten müssten. Aus kultureller Sicht ist der Wechsel zwischen zwei Arbeitsmärkten ein Riesenschritt. "Ich hatte in Deutschland ein Vorstellungsgespräch", erinnert sich Susanne. "Da ich schon seit einiger Zeit im Ausland lebte, fehlte mir in meinem Bereich das technische Vokabular, was in diesem Moment penibel war. Deshalb glaube ich nicht, dass ich zurückkehren werde. Auch, weil ich gerne im Ausland arbeite."

Letztendlich scheint das Wagnis 'Job im Ausland' positiv. "Die professionelle Erfahrung im Ausland ist anders als ein Erasmus-Jahr. Hier habe ich nur Kontakt zu Einheimischen", schließt Veronica Gonzalez de la Rosa. "Diese Situation hat es mir ermöglicht, mich wirklich in eine fremde Gesellschaft zu integrieren und wie die Franzosen zu leben, ohne dabei meine Kultur oder meine Wurzeln zu vergessen. Eine persönliche Bereicherung." Zu tun bleibt, dass man diese Möglichkeit auch weniger qualifizierten jungen Arbeitnehmern eröffnen müsste, die momentan noch ausgeschlossen sind. Um ein mobiles Europa der zwei Geschwindigkeiten zu verhindern.

Länderpsychologie und Job-Trotter

Junge Jobsuchende in Südeuropa können sich im Allgemeinen am wenigsten dafür erwärmen, im Ausland zu arbeiten, erklärt der Verantwortliche für Mobilität der europäischen Kommission. Deutschland und Österreich gehören zu den Ländern, die psychologisch am wenigsten bereit sind, Arbeitnehmer aus dem Ausland aufzunehmen. Das Vereinigte Königreich, Irland und Schweden hingegen kennen am wenigsten Restriktionen, wie Laure Detalle-Moreau bestätigt. "Für junge Franzosen sind Irland und das Vereinigte Königreich die beiden häufigsten Ziele. Die zu besetzenden Stellen sind zumeist im Hotel- und Gaststättengewerbe. Es herrscht eine andere Mentalität: es wird schneller eingestellt, aber auch entlassen. Die Arbeitgeber fördern die Angestellten und legen zunehmend eher Wert auf Erfahrung als auf Diplome."