Gesellschaft

Mit Axt und Aktenkoffer: Wien und die Herren der Donau

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Während der letzten 30 Jahre hat sich die Donau sehr verändert. Die endlose Zeit in den Eisenminen ist gezählt, die Bewohner rund um den europäischen Fluss sind heute makellose Bürokraten, die in regionalen Foren kooperieren. Ihre langen dreckigen Bärte gestutzt, sind sie nun präzise rasiert und tragen sportliche Designerbrillen.
Ihre mit trockenem Blut befleckten Schwerter beiseite geräumt, fuchteln sie heute lediglich mit ihren I-Phones und Aktenkoffern herum. Alles ist angenehm, sauber, wirkungsvoll und ordentlich - fast als hätten sie den Gipfel europäischer Zivilisation erreicht. Porträt eines Flusses und seiner Hüter.

Wien am 29. Juni: Es ist Danube Day (Tag der Donau). 54 Angestellte von Staats- und Subunternehmen (Wiener Wasserwerke, Via Donau, die Gesellschaft AQA) verbringen den Tag damit, den Nationalpark Donau-Auen von diversen Unkrautinvasionen zu befreien. Trotz der schweißtreibenden Sonne, begeben wir uns in den Wald, um dornige Pflanzen auszureißen und die Störenfriede auf der Ladefläche von Geländewagen zu sammeln. Die Stimmung ist trocken und steif, fast erinnert sie an ein ursprüngliches Christentum. Der Naturschutz gehört zu jenen selbstlosen Interessen im Sinne der Gemeinschaft: Vielleicht haben auch deshalb viele der Umweltschützer am heutigen Danube Day das Lächeln einer Nonne auf den Lippen. Zum Mittagessen setzen wir uns auf eine hübsche Wiese, umgeben von Insekten und hohen Bäumen. Dann müssen harmlose Pflanzenarten in die kürzlich bestellte Erde neu gesetzt werden.

Wie lauten also die konkreten Ziele des Danube Day? Susanne Brandstetter vom Wiener Lebensministerium und eine der Organisatorinnen des Events, erinnert an den Slogan der Kampagne: „Get active to the river“. „Man muss die Leute mit den Ideen und Bedürfnissen zusammenbringen. In diesem Sinne können wir auf mehrere Projekte gleichzeitig zählen, so zum Beispiel auch Generation Blue, das mit über 100 Millionen Euro finanziert wird, um ein Umweltbewusstsein bei den Bürgern zu schaffen.“ Der Danube Day soll an die Unterzeichnung des Donauschutzübereinkommens von 1994 erinnern, er ist der symbolische Teil einer bürokratischen, komplexen Struktur zahlreicher 'aquatischer' Akteure aus vielen Teilen Europas.

Die Donaupyramide

WienRund um die Donau hat sich eine Verwaltungspyramide auf drei Ebenen gebildet: Die Basis bildet ein Netz von Unternehmen, Lobbys und Nichtregierungsorganisation (NGOs), die Staudämme, Kanäle und Wasserkraftwerke planen, säubern, studieren und über diese Aktionen informieren. Darüber befinden sich die Ministerien der 14 Donauländer, die grundsätzlich Ideengeber sind und die Mittel zur Umsetzung bereitstellen. Auf der dritten Stufe thront die Internationale Kommission zum Schutz der Donau (IKSD), welche die globale Donau-Strategie koordiniert. Sie sitzt in einem gewaltigen Wiener Gebäude und wird hauptsächlich über Spendengelder ihrer Mitglieder und von der Europäischen Kommission finanziert.

Ganz oben, auf der Spitze der Pyramide, sitzt ein großer, vornehmer Mann, der Geschäftsführer Philip Weller, der nicht aufhört zu seufzen und sich die Augen reibt, als wäre er bereits reif für den Urlaub. „Länder vereinigen und die Bemühungen zusammenführen, Projekte erörtern und eine internationale Perspektive geben, darin besteht unsere Arbeit. Das erscheint jetzt vielleicht ein wenig abstrakt… Uns geht es allgemein darum, dass die Länder ihre Engagements respektieren.“ Welche Rolle spielen private Unternehmen dabei? „Es gibt die Initiative „Business friends of the Danube“, bei der sich die Gesellschaften für den Kampf gegen die Umweltverschmutzung, die Reduzierung des Wasserkonsums und die Finanzierung von Aktivitäten wie den Danube Day engagieren. In jedem Land sieht die Lage anders aus: Coca-Cola wirkt in Österreich mit, Siemens in Budapest, etc.“ Und wie kommt dies den Firmen zugute? „Das ist ganz einfach gute Publicity und es wird mit der Gemeinschaft zusammengearbeitet. Wir sprechen hier nicht von einer kurzzeitigen Gewinnhascherei.“

Benedikt Mandl, Wellers Kommunikationsleiter, der während des Interviews ebenfalls anwesend ist, erhebt sich, um mir eine Karte voller Verzweigungen zu zeigen. Er will mich auf einer epischen Note entlassen: „Die Donau ist der internationalste Fluss der Welt“, erklärt er mit einem ernsten Ton. „[Mit seinen Zuflüssen] erreicht er 19 Länder, zahlreiche Sprachen und genauso viele Kulturen, die Donau ist unheimlich divers. Viele Menschen sagen, dass Wasser eine limitierte Ressource sei, die Konflikte bereiten kann. Aber es gibt keinen wirklich Grund, dass das auch bei uns der Fall sein wird… Die Donau vereint! Ihre Devise lautet Kooperation und nicht Krieg.“ Alles scheint hier mächtig positiv, transparent und funktional zu sein. Aber was ist mit dem Giftmüll? Und den obskuren Tentakeln der Unternehmen?

Wo verbirgt sich der Abfall?

Mit seinen hellen Augen und dem weißen Bart kommt Werner Kvarda, Professor an der Universität BOKU und Präsident des Vereins Academia Danubiana, weise daher. „Wir sind hier in Österreich und ich lebe gerne hier, aber es ist eine Insel. Wir müssen über das sprechen, was in anderen Ländern geschieht.“ Laut Kvarda repräsentiere die Donau auch Regionen mit verschiedenen Geschwindigkeiten: „In Österreich hat das Wasser eine sehr gute Qualität: Man kann sogar mit seinen Enkelkindern im Fluss schwimmen gehen. Aber umso weiter man flussabwärts, in Richtung Südeuropa, Balkan kommt, ändert sich die Lage und das Wasser verliert an Qualität.“ 

Phyllus Rachler, Spezialist für Wassersauberkeit beim WWF, hat seinerseits nicht viel zu bemängeln: „Wir sind nicht gegen die Schifffahrt, würden allerdings bevorzugen, dass sich die Boote den Flüssen anpassen und nicht andersherum. Die Donau ist auch für die Leute da, es kann nicht alles am Geld gemessen werden.“

„Man muss wissen die verschiedenen Orte der Donau zu differenzieren. Deshalb ist die Danube Strategy gescheitert: es ist ein ungeordneter Ideenkatalog, in dem nichts zusammengeführt wird.“

Im Unterschied zu anderen Umweltschützern hat Wolfgang Rehm ausnahmsweise mal kein Nonnenlächeln aufgesetzt. Vielleicht weil er zum Aktivisten an den von der Polizei belagerten Streikposten und Lager geworden ist. Sein Atelier ist ebenso heruntergekommen und urig wie die NGO'Virus', die er leitet und die trotz des apokalyptischen Namens mit viel Demut aber fast ohne Budget arbeitet. Wolfgang könnte sowas wie ein neuer Don Quichotte Zentraleuropas sein. „Man muss wissen, wie man die verschiedenen Orte der Donau zu differenzieren hat. Deshalb ist die Danube Strategy auch gescheitert: Es ist ein ungeordneter Ideenkatalog, in dem am Ende nichts zusammengeführt wird. Zum Beispiel hat die 'Strategy' die potenziellen Gefahren, die letztes Jahr in Ungarn lauerten und schlussendlich in die Umweltkatastrophe gemündet haben, weder identifizieren noch neutralisieren können.“

Hainburg oder die Schlacht der Donau

Der Nationalpark Donau-Auen, der sich von Wien bis Bratislava erstreckt, ist heute ein Ort, an dem man zwischen Seerosen picknicken und baden gehen kann, aber auch ein Symbol politischen Einklangs. Während des harten Winters 1984, hat die dichte Vegetation am Ufer der Donau jedoch auch als Unterschlupf für die Pioniere des österreichischen Umweltschutzes gedient. Die Regierung wollte damals in Hainburg eine Wasserkraftanlage bauen, die Kritikern zufolge das Ökosystem der Donau beschädigen würde. Daraufhin haben sich die Leute mobilisiert. Wolfgang Rehm erinnert sich: „Ich half den Leuten sich in den Wäldern zurecht zu finden und die Zelte und Menschen, die außerhalb der Lagerfeuer schliefen, mit Nahrung und Bettzeug zu versorgen." Rehm zeigt ein Schwarzweißfoto, auf dem er 18 Jahre alt ist, mit Sonnenbrille und passender Frisur. Auf dem Foto befindet er sich mitten auf einer Demonstration. „Wir waren etwa sechs oder sieben Millionen in acht Lagern: Wir waren gut organisiert, wir haben unsere Mahlzeiten manchmal sogar mit den Polizisten geteilt, die uns eigentlich von dort vertreiben sollten!“ Die Regierung bestand auf eine Weihnachtspause, doch die Lager blieben intakt. Im Endeffekt gaben sie auf. „Das war ein Riesenerfolg“, bestätigt Rehm und lächelt dabei stolz.

Heute opfern sich die Anwohner rund um die Donau nicht mehr dem Durchkämmen von Salzminen, sie kämpfen nicht mehr um mittelalterliche Territorien und schlucken auch keinen Schlamm mehr an der Front in einem der Weltkriege. Sie gehen nicht einmal mehr in den Wald, um zu protestieren. Der Danube Day 2011 geht mit einem offiziellen Auftritt zu Ende: Die österreichische Verkehrsministerin Doris Bures und weitere hohe politische Persönlichkeiten kommen, um sich beim Baumpflanzen fotografieren zu lassen. Die Ministerin zeigt ihre Macht auf drei Wegen: Sie kommt fast 20 Minuten zu spät, ohne dass es jemand bemerkt, sie drückt 30 Hände in 3 Minuten und ist die einzige, die Blazer und hochhackige Absätze trägt. Hinter der Fotokulisse wird ein Spruchband aufgestellt. Darauf steht: I love Danube.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Green Europe on the ground 2010- 2011.

Fotos: Titelbild (cc) snywell/flickr; Im Text: offizielle Seite des Danube Day; Video: (cc)youtube