Gesellschaft

Milli Görüs: Wölfe im Schafspelz

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2007
Milli Görüs ist die größte islamische Religionsgemeinschaft Europas. In Deutschland wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Nese Gündüz ist Mitte Dreißig, eine dezent geschminkte, sympathische Frau mit hellem Kopftuch. Ihre beiden Töchter besuchen die Hausaufgabenbetreuung, die von der Milli Görüs-Moschee in Köln-Nippes organisiert wird. Ein Platz in einem deutschen Hort käme für ihre Kinder nie in Frage. „Vieles an deutschen Schulen ist pädagogisch nicht in Ordnung“, sagt sie. Ihre Töchter dürfen aus religiösen Gründen nicht am Sport- und Schwimmunterricht in der Schule teilnehmen; sie dürfen nicht zu Kindergeburtstagen und keine Gedichte aus dem Schulprogramm lernen, die von christlichen Bräuchen handeln.

300 000 Mitglieder in ganz Europa

Damit sich Familie Gündüz gegen die Schulbehörde durchsetzen kann, hilft ihr die Rechtsabteilung der Islamischen Gemeinde Milli Görüs (IGMG). Milli Görüs lässt sich mit „Nationale Sicht“ übersetzen. Die Anwälte der Religionsgemeinschaft unterstützen die Mitglieder in Fragen des Alltagslebens. Dazu zählen islamischer Religionsunterricht, das Schächten und Probleme bei der Einbürgerung. Auch wenn muslimische Frauen wegen ihres Kopftuchs Schwierigkeiten am Arbeitsplatz bekommen, steht ihnen Milli Görüs zur Seite.

Die Töchter der Familie Gündüz besuchen sehr gerne die Sommerlager für Mädchen und die Computerkurse der IGMG. „Wir fühlen uns da sehr wohl, und unsere Eltern müssen nicht viel dafür bezahlen“, erzählen die Mädchen. Rund 20 000 türkischstämmige Jugendliche in Deutschland verbringen jedes Jahr vier Wochen in einem IGMG-Sommercamp. Für Unterkunft, Verpflegung und Ausflüge bezahlt jeder insgesamt 350 Euro.

Milli Görüs zählt in ganz Europa etwa 300 000 Mitglieder. Neben Deutschland gibt es auch in Frankreich, den Niederlanden und Österreich Verbände, außerdem unterhält der Verein kleinere Zweige in Dänemark, Schweden, Norwegen, England, Italien, Belgien und in der Schweiz. Die Fahne der Bewegung zeigt ein islamgrünes Europa auf weißem Hintergrund: von Portugal bis zum Ural, links umrahmt vom islamischen Halbmond. Europaweit organisiert IGMG Großveranstaltungen wie Tage der offenen Moscheen, und Wettbewerbe, in denen aus dem Koran zitiert wird.

Schutz vor Assmilierung

Die Gemeinschaft hat in Deutschland rund 500 Moscheen und Beträume, dazu eigene Sportvereine, eine Frauen-, eine Jugend- und eine Studentenabteilung. Der Generalsekretär der deutschen IGMG Oguz Ücüncü betont: "Wir fordern unsere Mitglieder auf, sich in diese Gesellschaft einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass Muslime auch etwas zu geben haben“. Denn in Deutschland sind die Integrationsprobleme groß. Gerade türkische Jungen haben in der Schule Schwierigkeiten und rutschen später in die Arbeitslosigkeit oder in die Kriminalität ab.

Milli Görüs weiß, wie man sich der westlichen Öffentlichkeit verkauft. Doch schaut man genauer hin, kommen Zweifel auf. Als „Sprachrohr“ der Gemeinschaft gilt die nationalistische türkische Zeitung „Milli Gazete“. Sie erscheint in einer Auflage von 3000 Exemplaren auch in Deutschland und ist mit IGMG formal nicht verbunden. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen geht jedoch davon aus, dass „zahlreiche personelle Verflechtungen“ sowie „massive finanzielle und logistische Hilfen“ der IGMG für „Milli Gazete“ bestehen. Ein ehemaliger Vorsitzender von Milli Görüs, Osman Yumakogullari, wurde später Geschäftsführer der „Milli Gazete“. In einer Ausgabe dieser Zeitung ist zu lesen: "Milli Görüs ist ein Schild, der unsere Mitbürger vor der Assimilierung im barbarischen Europa schützt".

Kampf für die „gerechte Ordnung“

Die meisten Anhänger von Milli Görüs sind Emigranten. Sie suchen Zusammenhalt in der Milli Görüs-Gemeinschaft, um den oft schweren Alltag in der Fremde besser zu bewältigen. Die preiswerten Freizeitangebote von Milli Görüs sind aber nicht frei von Ideologie. Den Mitgliedern und ihren Familien wird eingeimpft, dass nur ein Leben nach islamischen Werten – und zwar nach denen, die die IGMG anerkennt – ein lebenswertes, echtes, muslimisches Leben ist.

"Die IGMG sagt in ihrer Ideologie, dass die westliche Gesellschaftsordnung, die Demokratie, die Menschenrechte, die Freiheits- und Gleichheitsrechte nichts wert sind“, schreibt der deutsche Verfassungsschutz. Diese Ziele hat Ende der 1960er Jahre der islamistische Politiker Necmettin Erbakan bei der Gründung von Milli Görüs in der Türkei niedergelegt. Im Manifest steht weiter, dass die „gerechte Ordnung“ die „nichtige Ordnung“ im Westen überwinden soll, da sie auf Gewalt, Unrecht und Ausbeutung beruhe. Der deutsche Verfassungsschutz nimmt IGMG deswegen seit Jahren unter die Lupe.

Nicht nur in Deutschland fällt Milli Görüs durch ihren Fundamentalismus und Verfassungswidrigkeit auf. Beim europaweiten Jahrestreffen im niederländischen Arnheim 2002 tauchten antidemokratische Aufsätze, antijüdische Hetze und Gewaltparolen auf. Das war nicht zum ersten Mal bei einem Treffen der Gemeinschaft der Fall. In Frankreich rief ein Funktionär der IGMG seine Anhänger auf, die Saadet Partisi zu wählen, eine radikale Partei, die in der Türkei bedeutungslos ist. Seine Begründung: „Der Jihad hat begonnen“.

Erstveröffentlichung: 9.5. 2006

Foto Homepage: David Haberlah/ Flickr