Gesellschaft

Migranten in Italien: Der Staat, das sind auch wir!

Artikel veröffentlicht am 13. März 2012
Artikel veröffentlicht am 13. März 2012
Sie sind in Italien geboren und dürfen trotzdem keine Italiener sein: Fast eine Million Kinder von Immigranten haben keinen Anspruch auf eine Staatsbürgerschaft. Die Kampagne  “L’Italia sono anch’io” [zu dt. “Italien, das bin auch ich] soll das ändern.

Die Medien bestreiten es. Der Staat auch. Doch die Wahrheit ist: Italien ist ein Einwanderungsland. Seit mehr als 20 Jahren wandelt sich die italienische Gesellschaft. Waren 1990 nicht einmal 2% der Bevölkerung Ausländer, wurden im vergangenen Jahr  7,5 % gezählt. Der rasante Anstieg erklärt sich nicht nur durch Zuwanderung: Viele Migranten haben in Italien einfach Familie gegründet. Doch ihre Kinder gelten noch immer als Ausländer. Andere kamen in jungen Jahren nach Italien und würden gerne bleiben. Rund eine Million Minderjährige haben noch immer keine italienische Staatsbürgerschaft. Susan und Margerita sind zwei von ihnen. 

Eine Million Unsichtbare

1991 kommt Susan im italienischen Aversa zur Welt. Ihre Mutter stammt aus Ghana, der Vater aus Nigeria. Zwölf Jahre lang lebt die Familie unbehelligt. Dann beginnen die Probleme. Obwohl sie schon lange in Italien lebt, wird die Aufenthaltsgenehmigung von Susans Mutter nicht verlängert. Nach italienischem Recht ist Susans Status bis zu ihrem 14. Lebensjahr an den ihrer Mutter geknüpft. Was offiziell der Familienzusammenführung dienen soll, macht Susan plötzlich zu einer Illegalen. Obwohl sie eine italienische Geburtsurkunde besitzt. Obwohl sie die italienische Schule besucht. Für den italienischen Staat existiert sie plötzlich nicht mehr.

Ständig muss Susan nun Polizeikontrollen fürchten, es fällt ihr schwer, sich weiter zu integrieren. Ihr Leben ist von Anspannng bestimmt. Jeden Tag könnte sie abgeschoben werden, in ein ihr fremdes Land. Kurz vor dem Abitur wird ihr aus humanitären Gründen eine neue Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt. Von Dauer ist sie nicht: Einmal jährlich muss Susan ihren Status erneuern. Heute studiert Susan im dritten Semester Jura und hat eine Englischprüfung abgelegt. Zusätzlich arbeitet sie als kulturelle Vermittlern. Ihr Beitrag zur Veränderung.

Doch sobald Susans Studium beendet ist, werden die Probleme von Neuem beginnen. Um sich bei der italienischen Anwaltskammer zu akkreditieren, muss sie als Ausländerin eine Bescheinigung über die Einreise nach Italien vorlegen. Susan ist aber nie eingereist. Sie ist in Italien geboren und hat das Land kein einziges Mal verlassen.

Was Margerita an Russland mag - und was an Italien. Das Foto entstand während des Interviews © Ilaria Izzo

Die Zeitung Il Levantehat gemeinsam mit der Organisation Associazione Hemispheres Interviews mit Migranten wie Susan geführt. Ihr Beispiel ist nicht das einzige, das schockiert. Auch die Geschichte von Margherita löst Kopfschütteln aus. Im Alter von 17 Jahren war die junge Frau aus Russland nach Italien gekommen; inzwischen lebt sie seit 11 Jahren dort. Doch auch sie muss ihren Aufenthalt jedes Jahr aufs Neue unterbrechen, immer dann, wenn ihre Aufenthaltserlaubnis ausläuft. Ein Teufelskreis: Da sie sich nicht durchgängig in Italien aufhält, kann sie auch keinen Antrag auf Einbürgerung stellen und auch keinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Denn dafür müsste sie nachweislich fünf Jahre in Italien gelebt haben - ohne Unterbrechung.  Eine zusätzliche Schwierigkeit: Weil ihre Aufenthaltserlaubnis an das Studium gekoppelt ist, darf sie jährlich nicht mehr als 1.040 Stunden arbeiten. Es ist schwierig einen Job zu finden, der weniger als 30 Stunden pro Woche beansprucht.

Dein Land ist nicht dein Land

Ebenso wie in anderen europäischen Ländern ist auch in Italien die Zahl der dort ansässigen Ausländer deutlich gestiegen. Italien tut sich jedoch weiterhin schwer mit der Integration seiner ausländischen Mitbürger. Kaum ein Migrant erhält automatisch die italienische Staatsbürgerschaft. Kein Land in Europa vergab zwischen 1995 und 2005 seltener selbsttätig die Staatsbürgerschaft. Die von der Europäischen Union finanzierte Studie NATAC verglich 2005die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einbürgerung in den fünfzehn „alten“ EU-Mitgliedsstaaten.

Zwei Faktoren werden bei einer Einbürgerung berücksichtigt: Die Anzahl der im Land verbrachten Jahre und das Geburtsortsprinzip (lat. "Ius Soli"), das einem Kind die Staatsbürgerschaft jenes Landes verleiht, in dem er geboren ist. Vergleicht man diese Punkte, kann man die fünfzehn „alten“ EU-Staaten in vier Gruppen einteilen. Länder mit restriktiver (Deutschland, Österreich, Dänemark und Griechenland), mit teil-restriktiver (Spanien, Portugal, Irland und Belgien), mit teil-liberaler (Luxemburg, Schweden und Finnland) und liberaler Gesetzgebung (Großbritannien, Frankreich und die Niederlande). Wendet man diese Kategorien auf Italien an, muss das Land der ersten Gruppe zugeordnet werden. Denn das  italienische Einbürgerungsrecht ist relativ strikt und wertet die Abstammung (lat. "Ius Sanguinis") stärker als die Geburt.

Die Kampagne “L’Italia sono anch’io” soll dies ändern. 19 Initiativen haben sich zusammengeschlossen und sammeln im ganzen Land Unterschriften für ein Volksbegehren. Wenn sich 50.000 Wahlberechtigtregistrieren, will die Initiative dem italienischen Parlament zwei Gesetzesentwürfe vorlegen. Sie sollen sich an einer Reform orientieren, die im Jahr 2000 in Deutschland umgesetzten wurde. Jahrzehntelang hatte hier ein reines Ius Sanguinis gegolten. Doch seit zwölf Jahren gilt das Geburtsprinzip, um die zweite Einwanderergeneration besser zu integrieren. Würde Italien diese Reform umsetzen, wäre das südeuropäische Land auf der Höhe seiner fortschrittlichen Nachbarstaaten.

Doch die Integration ausländischer Mitbürger war in Italien häufig schwierig und konfliktgeladen. Schuld daran waren auch die Medien: Sie thematisierten die tiefgreifenden Veränderungen in der italienischen Gesellschaft nicht. Wenn die wichtigsten italienischen Medien sich dem Thema Einwanderung annahmen, dann schrieben sie über Kriminalität oder illegale Bootsflüchtlinge aus Nordafrika. So behinderte die Berichterstattung die Integration eher, als dass sie sie förderte. 

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Doch dank der Arbeit zahlreicher NGOs hat sich die Situation vieler Migranten verbessert. Ihnen ist es gelungen, lokale Projekte umzusetzen, lang bevor sich politischen Parteien oder die Medien für das Thema interessierten. Dieses Netz lokaler Organisationen hat ein neues Bewusstsein geschaffen. Sie wenden sich mit Nachdruck an die staatlichen Institutionen, um eine kulturelle Vielfalt made in Italy zu erschaffen.

Die vollständigen Interviews, die der Autor dieses Artikels geführt hat, wurden hier veröffentlicht. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit der Online-Zeitung Il Levante und der Organisation Associazione Hemispheres