Gesellschaft

Mehmet: Homosexuellen in der Türkei bleibt nur das Internet

Artikel veröffentlicht am 17. April 2013
Artikel veröffentlicht am 17. April 2013
Halb im Morgen- und halb im Abendland verhaftet, zwischen dem Traum von Europa und einem unüberwindlichen "Caucasian way of life" scheint die Türkei nach wie vor kein Land für Schwule zu sein. Ein Interview mit Mehmet, einem jungen Türken, der davon erzählt, wie sexuelle Freiheit fernab der größten Städte des Landes der kulturellen Elite vorbehalten bleibt.
Oder man sucht sie auf zweifelhaften Datingseiten im Internet.

Mehmet ist 29 Jahre alt und lebt und arbeitet seit Abschluss seines Ingenieurstudiums in einer Kleinstadt an den Dardanellen, in der Gegend, die am stärksten von dem geprägt ist, das wir ironisch als "Caucasian Way of Life" bezeichnen könnten. Es gibt eine gute Universität, die Stadt ist lebendig und nicht weit von Istanbul und anderen Ballungsgebieten entfernt. Dennoch ist es noch vorsichtig ausgedrückt, wenn man sagt, dass Mehmet seine homosexuelle Orientierung nicht frei ausleben kann. "In der Türkei ist es wie in der US-Armee. Solange du den Mund hältst, ist alles in Ordnung", erklärt er uns. "Schwul zu sein ist an sich kein Problem, vor allem unter jungen Menschen, aber nur, wenn man es für sich behält und hinter verschlossenen Türen auslebt."

Caucasian Way of Life

Wenn man bedenkt, dass das Phänomen sehr viel weiter verbreitet ist als man denken könnte (einer aktuellen Umfrage zufolge sind mehr als 3 Millionen Menschen in der Türkei offen homosexuell) und dass sich viele von ihnen, wenn auch nicht öffentlich, für die Rechte Homosexueller einsetzen und versuchen, in ihrer Freizeit kulturelle Veranstaltungen zur Aufklärung der Bevölkerung zu organisieren, könnte man als Europäer doch ein wenig mehr erwarten. Auch wenn ich vor wenigen Jahren im überaus zivilisierten Slowenien ein Mädchen traf, das mir von einer regelrechten "Lesbenjagd" erzählte, deren Opfer sie gegen ihren Willen wurde.

"Bei uns ist es nicht anders. Auch wenn meine Stadt freier ist als andere, ist sie doch zu klein. Ich wage es nicht, mit den Freunden und Verwandten, die ich hier habe, über meine Homosexualität zu sprechen. Bestenfalls würde man über mich reden und mich ausschließen. Vielleicht hätte ich in Istanbul oder Izmir eine Möglichkeit, weil diese Städte viel mehr Einwohner und ein sehr aktives kulturelles Leben haben. Hier könnte ich nicht frei sein."

Freiheit existiert nur online

Und wie kann sich ein Schwuler in der Türkei frei fühlen? Ja, vielleicht indem er Teil des kulturellen Establishments wird, in dem laut der Vorstellung der Allgemeinheit die Sitten lockerer sind. Das einzige berühmte Beispiel in der Türkei ist der türkisch-italienische Regisseur Ferzan Özpetek. Den Normalsterblichen bleibt jedoch nur das Internet. "Ich erkenne andere Schwule in wenigen Sekunden, aber niemand würde es je zugeben. Im Internet ist das natürlich anders, auch wenn hier Fakes ein Problem sind", erzählt Mehmet. "Aber auch wenn du jemanden real triffst, sucht der fast immer ausschließlich nach Sex. Eine feste Beziehung aufrechtzuerhalten wäre so gut wie unmöglich, also begnügt sich die Mehrzahl von uns mit Abenteuern für eine Nacht, ohne sich etwas Anderes zu erhoffen."

Außerdem wurde der größte Teil dieser Seiten von der Regierung zensiert, die im Einklang mit den Schaltzentralen des Islam Homosexualität nicht toleriert, nicht einmal virtuell. Nur wenn man alle Arten von Filtern umgeht, ist der Zugang zu diesen Seiten möglich, die per Gesetz gesperrt wurden.

Schwulenszene in Istanbul: “Wir haben die Eier, es laut zu sagen”

Und wenn jemand eine Beziehung eingehen möchte? "In der Türkei unterliegt Homosexualität keiner Norm, sie wird weder verurteilt noch unterstützt. In der Armee wäre ein Homosexueller natürlich nicht denkbar, das ist eine Macho-Welt. Aber im Alltag reicht der gesellschaftliche Druck vollkommen aus, um uns zu kastrieren. Dass wir nicht riskieren, aufgehängt zu werden wie in einigen extrem islamischen Ländern bedeutet nicht, dass alles rosig aussieht."

Ein Eindruck, den außer Mehmet auch andere interviewete Schwule bestätigen, die von gewaltigen kulturellen Unterschieden zwischen den verschiedenen Teilen des Landes berichten. Im Zentrum und im Osten ist man nicht so offen eingestellt. Viele Schwule heiraten irgendwann - nicht so sehr, um sich selbst zu schützen (sie könnten tun, als seien sie auf andere Weise "verrückt", um ihre Entscheidung, keine Familie gründen zu wollen, zu rechtfertigen), sondern um ihre Lieben vor Ächtung zu schützen, die sehr starke Konsequenzen haben kann.

Dabei suchen viele Schwule ein zweites, "bisexuelles" Leben, geschützt vor den Blicken der Familie und der eigenen Ehefrau. "Am Ende hängen wir doch immer irgendeinem Imam am Rockzipfel, egal wie laizistisch wir tun", fasst Mehmet zusammen. "Ich habe Angst, dass die Städte sich, wenn sie weiter wachsen, zurückentwickeln, dass ihre liberale Kultur verloren geht, wenn viele Menschen vom Land mit konservativen Ansichten zuziehen".

Das Interview mit Mehmet ist Teil der cafebabel.com Serie LGBT-Porträts.

Illustrationen: Teaser ©Adrien Le Coärer graphimse.com; Im Text ©Julian Turner/flickr, ©Thomas Weidenhaupt/flickr