Gesellschaft

Medizintourismus in Warschau: Zahnpastalächeln made in Polen

Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2010
Eine kleine Reise, um sich medizinisch behandeln zu lassen - warum nicht?. Auch dazu trägt die europäische Mobilität bei. Aber sind wir dabei, unseren Zahnarzt zukünftig per Billigflieger als per Bus aufzusuchen?

Von den Plakaten an den Gepäckstauräumen eines Billigfliegers wirft uns eine junge Blondine in einer schneeweißen Bluse ihr strahlendstes Lächeln entgegen. Sie wirbt für ein nagelneues Zahnpastalächeln made in Polen. Das Plakat preist die Dienste polnischer Zahnärzte an, die billiger und vor allem schneller behandeln würden als ihre Kollegen in Westeuropa. Ein Zahnimplantat, das zum Beispiel in Frankreich zwischen 1600 und 3000 Euro kostet, bekommt man in Osteuropa für 60% weniger

Viermal preiswerter

Fabrice hat nicht auf diese Werbekampagne gewartet, um sich im Ausland behandeln zu lassen. Der 32 Jahre alte Franzose lebt und arbeitet bereits seit sechs Jahren in Dublin. Seine finanzielle Situation ist nicht schlecht. Doch Fabrice bezahlt keinen Beitrag mehr an die Sozialversicherung in Frankreich und das irische Gesundheitssystem sei ihm „zu teuer und nicht effizient genug“. Deshalb hat er sich entschieden, alle nicht wirklich dringenden Behandlungen, wie Augenoptik oder Zahnprothesen, in Polen vornehmen zu lassen. Von dort stammt seine Lebensgefährtin Monega. „Mit den Angeboten der Billigairlines kann ich mich in Polen viermal billiger behandeln lassen. Und außerdem sehe ich meine Schwiegereltern.“

Auch wenn der Medizintourismus noch ein schlecht erfasstes Phänomen ist - selbst die Welttourismusorganisation hat keine offiziellen Zahlen bezüglich dieses Themas - preisen zwei Internetseiten in Warschau die medizinische Mobilität: Medical Tourism in Poland und Medical Tourism abroad Poland. Doch leider antwortet eine der beiden Praxen weder auf Mails noch auf Anrufe, während die andere „Organisation“ aus zwei Bürotischen besteht, auf denen sich die Zigarettenstummel häufen. 

©damian.plMit dem Medizintourismus aus dem Internet sei also Vorsicht geboten, bewegen wir uns in ein etabliertes Ambiente: das Tourismusbüro in Warschau. Auf ein Post-it kritzelt die Empfangsdame den Namen und die Adresse von zahlreichen Privatkliniken. Eine davon ist das Damian Center ein Krankenhaus, in welchem sich vor allem reiche Polen und Celebrities behandeln lassen. Einer der vier Ableger des Centers befindet sich im Süden der Stadt. Die Anzeigetafeln sind auf Englisch, ein europäisches Zertifikat von 2002 hängt eingerahmt in der Eingangshalle: Alles weist darauf hin, dass es sich hierbei um die Referenz des Medizintourismus in Polen handeln muss. Außer vielleicht, dass am Empfang keine der Damen Englisch spricht. 

„Eine Möglichkeit, die Stadt zu besichtigen“

Ein bisschen weiter sitzt Justyna Maerowicz, eine medizinische Assistentin, die sich über eine unberechenbare Anzahl Dossiers beugt, die ihr ständig von praktizierenden Ärzten vorgelegt werden. Sie erzählt stolz von drei Patienten, die sie diesen Sommer empfangen wird: Eine Polin, die in Deutschland lebt, eine Engländerin und einen Monegassen. „Vor einigen Monaten haben wir sieben bis acht Personen pro Monat empfangen. Aber interne organisatorische Probleme haben uns gezwungen, die Patientenanzahl zu reduzieren. Unsere primäre Absicht war es, unsere Niederlassung in Warschau zu behalten.“

Früher arbeitete im Damian Center ein dreiköpfiges Team, heute muss sich Justyna Maerowicz allein mit den Aktivitäten der Klinik zurechtfinden. „Es fehlt ein wahres Marketingkonzept, das ich alleine nicht realisieren kann." Demnächst soll eine Internetseite realisiert werden, denn die ausländischen Patienten nehmen am häufigsten online Kontakt auf. Auf Anfrage kann die Arztgehilfin auch ein Hotel reservieren. Die praktizierenden Ärzte ihrerseits sind äußerst pragmatisch. Auch wenn alle eine wahre Begeisterung für den potentiellen Patienten aus England oder Deutschland teilen, so hat doch niemand präzise Informationen: „Es bringt uns primär mehr Arbeit und wir können unser Know-How anwenden!“, meint der Zahnarzt Damian Niemczyk, "und für die Patienten ist es außerdem eine Möglichkeit, die Stadt zu besichtigen.“

Polnische Babies in Deutschland

Aber nicht jeder wagt es, seine Gesundheit einem Arzt anzuvertrauen, der 800 Kilometer weit entfernt von zu Hause praktiziert. In einem Stockwerk eines Einkaufszentrums im Zentrum von Warschau gleicht die Praxis einer ursprünglich portugiesischen Klinik eher einem Warenhaus als einem Krankenhaus. Das Mobiliar am Empfang ist aus grauem Metall. Ein Mann im Anzug ist über seinen Laptop gebeugt. „Die meisten unserer Junden stammen ursprünglich aus Polen, leben aber im Ausland. Sie trauen den öffentlichen Krankenhäusern nicht und nutzen die Gelegenheit eines Familienbesuchs für eine Zahnbehandlung.“ Andere Patienten reisen auch an, um verbotene oder bei ihnen noch wenig verbreitete Behandlungen vornehmen zu lassen - eine medizinische Mobilität, die nicht auf die Öffnung der Grenzen der EU gewartet hat: „Die ersten, die sich dieser Art von Dienstleistung bedient haben, waren die Russen in den 1980er Jahren“, erklärt Béatrice Majnoni d’Intignano, Wirtschaftsexpertin und Autorin des Buches Santé et économie en Europe (Gesundheit und Wirtschaft in Europa). „In St. Petersburg bietet eine Klinik Laser-Chirurgie an, um Kurzsichtigkeit zu behandeln.“ Aber laut der Expertin sei diese medizinische Mobilität immer minoritär geblieben. „Sie ist positiv in dem Sinne, dass sie den Wettbewerb fördert und die Schwächen der nationalen Systeme aufdeckt.“

Zudem hat die Europäische Kommission die Mitgliedsländer der Union dazu verpflichtet, die Behandlungen in den öffentlichen Krankenhäusern der EU zurück zu erstatten. Resultat dieses Phänomens ist, dass selbst die Polen dieser Bewegung nicht entkommen. Im Westen des Landes ziehen es einige Mütter vor, in deutsche, qualitativ bessere Krankenhäuser zu gehen, um dort zu gebären. Einige Tage vor der Geburt überqueren sie die Grenze mit dem immer gleichen Leitmotiv: Das Beste haben immer die Anderen.

Fotos: Zahnprotesen ©depinniped/flickr; Damian Center ©damian.pl