Gesellschaft

Mazedoniens Frauen zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Es gibt viele Gesetze, die die Gleichheit der Geschlechter in Mazedonien regeln. Im Alltag der Frauen ist davon wenig zu spüren.

Die Rockmusik kracht durch das Treppenhaus der Mala Stanica. Die neue NGO Women Unlimited of Macedonia stellt sich vor und empfängt die Besucherinnen mit lauter Musik, zeitgenössischem Tanz und Schmuckständen – Aktivismus und Kommerz gehen hier eine merkwürdige Symbiose ein. Die NGO hat erkannt, dass die verzweigten aktiven Frauengruppen in Mazedonien zusammengeführt werden müssen, das themenübergreifende Motto des Tages lautet Networking, denn „ohne Netzwerk erreicht man gar nichts im 21. Jahrhundert“, klärt die hochgewachsene niederländische Botschafterin Simone Philippine die zahlreich gekommenen Besucherinnen auf. Sie möchte die verschiedenen Gruppen von Frauen – muslimisch oder christlich, jung oder alt, berufstätig oder Hausfrau – erreichen und sie dazu ermuntern, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Seit 1991 ist Mazedonien ein unabhängiger Staat und die Zugehörigkeit zu Jugoslawien zwanzig Jahre her. Doch mit wem man auch über die Situation von Frauen in Mazedonien spricht – sie alle beschwören die jugoslawischen Zeiten. Die junge Bloggerin und Aktivistin Irena Cvetkovic (29) seufzt: „Unter der jugoslawischen Regierung war nicht alles paradiesisch, aber immerhin hatten die Frauen einen Beruf, der sie befähigte außerhalb des Hauses und der Familie selbstbestimmter zu leben. Heutzutage sind Männer und Frauen gleichermaßen Opfer des Neoliberalismus.“ Sie erzählt von Textilfabriken in Stip, in der ausschließlich Frauen zu extremen Niedriglöhnen in zwei Schichten pro Tag arbeiten. Ihre Männer sitzen zu Hause, in der Kneipe oder in der Spielhalle. „Sieht so die Emanzipation der Frau aus?“

Wie gleichberechtigt sind Frauen und Männer in Mazedonien heute?

Die European Gender Equality Law Review von 2010 bescheinigt Mazedonien eine der Europäischen Union angepasste Gesetzeslage in puncto Gleichberechtigung. Doch die alltägliche Wirklichkeit sieht anders aus. Denn patriarchale Strukturen durchdringen noch immer viele Bereiche des gesellschaftlichen, beruflichen und persönlichen Lebens. Die konservative Regierungspartei VMRO-DPMNE und Ministerpräsident Nikola Gruevski haben mit ihren Verbindungen zur orthodoxen Kirche die traditionelle Rollenverteilung untermauert: Einführung der Religionslehre im staatlichen Schulsystem, wenige Angebote für Kleinkindbetreuung sowie mediale Kampagnen für ein drittes und viertes Kind und gegen Abtreibung sind nur einige der Folgen, die den Frauen im alltäglichen Leben zusetzen.

Weibliche Selbstwahrnehmung fördern

„Das Problem sind nicht nur die Männer und patriarchale Werte, die Frauen müssen auch selbst erkennen, wann und wie sie Opfer von Diskriminierung werden.“ Savka Todorovska, eine Ikone in der Frauenbewegung des Landes, führt die Umfrage des Barometer of equal opportunities von 2009 an, wonach sich 40% der Befragten zwar diskriminiert fühlten; die Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes aber nur als fünfter von sechs möglichen Gründen angegeben wurde. Die kleine drahtige Frau, die ständig von anderen Frauen angesprochen, umringt und umarmt wird, setzt sich seit Mazedoniens Unabhängigkeit 1991 für die politische Mitbestimmung von Frauen ein. Zusammen mit der Macedonian Women Lobby hat sie erreicht, dass die ersten zehn Commissions on Gender Equality in Gemeinden etabliert wurden. Heute sind in 14 Ministerien und in 79 von 84 Gemeinden Kommissionen und Beauftragte für Gender Equality verantwortlich. Informationen über die tatsächlichen Aktivitäten dieser Kommissionen gibt es jedoch laut European Gender Equality Law Review keine.

„Wenn Frauen besseren Zugang zu Jobs hätten, gäbe es weniger Probleme mit häuslicher Gewalt und Frauenhandel.“

Frauen als Platzhalter in der Politik

Ist die politische Mitbestimmung der Frauen in Mazedonien also nur eine Farce hinter der die Männer weiter ihre Fäden ziehen? Nach den diesjährigen Wahlen sind 42 von insgesamt 123 Abgeordneten im mazedonischen Parlament weiblich, doch „diese Frauen sitzen im Parlament nur aufgrund der Quotenregelung, die Frauen vom Women Parliamentarians' Club 2006 eingeführt haben“, erklärt Dijana Stojanović Djordjević, die in ihrer Masterarbeit diese außergewöhnliche parteiübergreifende Initiative untersucht hat. Jeder dritte Platz auf der Wahlliste steht dem weniger repräsentierten Geschlecht zu – doch auch wenn die Anzahl der Frauen im Parlament gestiegen ist, mehr weibliches Mitspracherecht sei nicht zu erwarten, denn „die weiblichen Abgeordneten haben nach dem langen Schweigen um Gender Themen keine gemeinsame Haltung entwickelt und werden nur als Wahlmaschinen für die Partei, die sie vertreten, gesehen. Es geht in den politischen Diskussionen leider viel zu selten um die Inhalte als darum, wer zur konservativen Regierungspartei VMRO-DPMNE und wer zur Oppositionspartei SDSM hält.“

Irena, Valentina, Savka und Daniela kämpfen in Mazedonien nicht nur gegen ein traditionelles Bild der Frau als Mutter und Hausfrau, sondern auch dafür, dass die Gesetze, die ihnen die Gleichheit versprechen auch endlich Wirklichkeit werden.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter 2010/ 2011.

Illustrationen: Homepage ©Sabrina Boudon; im Text ©Christiane Lötsch; Video: (cc)Aquariusdesign1/YouTube