Gesellschaft

Martha Beatriz Roque, kubanische Entschlossenheit

Artikel veröffentlicht am 23. August 2006
Artikel veröffentlicht am 23. August 2006
Während der kranke Fidel Castro seinem Bruder Raúl die Regierungsgeschäfte in Cuba übergibt, klagt die Regimegegnerin Martha Beatriz Roque die Regierung an, das Volk zu vernachlässigen.

„Atención! Wir werden gefilmt!“ Das Interview hat noch nicht einmal begonnen und schon zerschneidet der empörte Blick der kubanischen Regimegegnerin Beatriz Roque Cabello förmlich die feuchte Luft des Patios, der uns umgibt. Wir befinden uns in der Altstadt von Havanna, in einem der vielen Hotels, die von dem staatlichen Unternehmen Habaguanex geführt werden. In unserer Nähe posiert eine Frau für einen nicht allzu glaubwürdig wirkenden „Touristen“, der eindeutig kubanischer Herkunft ist. Die Videoaufnahmen gelten allerdings nicht der Roque, sondern uns.

„Das Vaterland gehört allen“

Die einundsechzigjährige Martha Beatriz Roque zeigt sich nicht sonderlich überrascht: „Seit Monaten werde ich fotografiert sobald ich mein Haus verlasse.“ Aber wie kam es dazu, dass sie heute unter dem kommunistischen Regime Fidel Castros unter polizeilicher Überwachung steht? „Alles begann 1989. Damals unterrichtete ich Wirtschaftswissenschaften an der Universität Havanna. In einer Vorlesung kritisierte ich die Erschießung von General Arnaldo Ochoa, eines ehemaligen Helden der Revolution Castros, der des Rauschgifthandels beschuldigt worden war. Wenige Tage später wurde ich entlassen.“

Diese Zeit brachte auch den Beginn der kubanischen Wirtschaftskrise, da die UdSSR unter Gorbatschow die Handelsabkommen auf Eis gelegt hatte, dank denen das Land Zucker zu Wucherpreisen verkaufen und Erdöl günstig beziehen konnte. „Zwischen ’89 und ’95 wurde keine einzige offizielle Statistik veröffentlicht“, tadelt die Wirtschaftsexpertin. „Aus diesem Grund beschloss ich, das Instituto Cubano de Economistas Independientes zu gründen, um der Welt die wahre Situation in Kuba zu zeigen und die Desinformation zu bekämpfen.“ Castros Rache ließ nicht auf sich warten und 1997 wurde sie gemeinsam mit Félix Bonné, René Gómez und Vladimiro Roca für drei Jahre inhaftiert. Sie alle hatten das Dokument „La patria es de todos“ (Das Vaterland gehört allen) unterzeichnet, in dem man gewagt hatte, eine offizielles Schriftstück der kubanischen Kommunistischen Partei zu kritisieren. Martha Beatriz Roque verbüßte die Strafe und wurde im März 2003 als einzige Frau von 75 verurteilten Gegnern des Castro-Regimes erneut inhaftiert. Und dieses Mal ist die Strafe ein Exempel: 20 Jahre. Die weltweite Empörung ist jedoch so groß, dass die EU Sanktionen gegen Havanna ankündigt. Im Juli 2004 erleidet die Regimegegnerin einen Herzinfarkt und die Gefängnisstrafe wird in Hausarrest umgewandelt.

In jedem Kubaner versteckt sich ein Polizist

Die Schikane geht weiter: „Ich werde von diesem Regime ständig verleumdet. Meine Familie darf nicht einmal mit mir sprechen, ansonsten würden sie ihre Arbeitsplätze verlieren. Am 25. April 2006 bin ich sogar bei mir zu Hause angegriffen worden“. Das Castro-Regime ist perfekt organisiert: in jedem Häuserblock und selbst in den entlegensten Gegenden des Landes gibt es einen ehrenamtlichen Vorsitzenden des „Comité de defensa de la revolución“, der das Privatleben der Bürger überwacht. „Sie wissen alles über dich: wie viel du verdienst, wohin du gehst und wen du zu Gast hast. Und neuerdings kommen sie mit der Ausrede ‚Inspektionen zur Bekämpfung der Mückenplage’ sogar in die Häuser. Das ist eine furchtbare Bespitzelung, an der das ganze Volk teilnimmt, in jedem Kubaner versteckt sich ein Polizist“, sagt Roque. Derweil bleiben auch die Kellner und Hotelpersonal, normalerweise unauffindbar, an unserem Tisch: „Desean algo, señores?“ (Haben Sie noch einen Wunsch?). Die Filmaufnahmen gehen weiter und in der Schwüle der kubanischen Hauptstadt, in diesem seltsam menschenleeren Hotel-Patio, wird die Atmosphäre immer drückender.

„Apartheid gegen Kubaner“

Wann wird sich endlich etwas ändern in Kuba? „Das Castro-Regime lebt noch immer für die Zukunft und verspricht dem Volk das Blaue vom Himmel. Dabei wird allerdings die Gegenwart völlig vergessen“, meint Roque. „Nur wenige glauben noch an Veränderungen, die meisten wollen das Land verlassen. Andererseits ist der Alltag der Kubaner so hoffnungslos, dass sich einfach etwas ändern muss, und zwar bald.“ Müssen wir das Ableben des achtzigjährigen Castro abwarten? „Nicht unbedingt“, antwortet Roque etwas übereilt und nicht besonders überzeugend. „Es kann sich auch schon vorher etwas ändern, denn die Kubaner leiden derzeit unter einem unerträglichen Apartheid-Regime: viele Orte, wie z.B. die Region Varadero, sind allein Touristen vorbehalten und dürfen von Kubanern überhaupt nicht betreten werden. Ebenso unerreichbar sind viele Konsumgüter (ein Kubaner verdient im Durchschnitt 9 Dollar im Monat und ein Paar Schuhe kostet 20 Dollar). Aber wenn die Massenmedien alle zensiert sind, wie kann man dann die öffentliche Meinung beeinflussen? „Ja, das Problem besteht, auch die Nutzung von Internet ist außerordentlich eingeschränkt. Der Journalist Guillermo Fariñas ging vom 31. Januar bis zum 30. Juni 2006 sogar in den Hungerstreik, weil ihm die Regierung die Internetnutzung verboten hatte. Aber auch 1994 konnte die Opposition nicht mit der Bevölkerung kommunizieren und dennoch gingen die Leute in Havanna spontan zum Malecón (Strandpromenade) um gegen das Regime zu demonstrieren.“ Inzwischen sind die zwei „Touristen“, die zuvor uns gefilmt hatten, dazu übergegangen, geschäftig die Marmortreppe des Hotel-Patios zu fotografieren.

„Europa hilft, sagt es aber nicht“

Was können andere Länder für Kuba tun? „Viel. Aber die Wende muss letztendlich von innen kommen. Wir werden niemals ein weiteres Sternchen auf der US-Flagge oder ein Mitgliedstaat der EU sein.“ Aber die internationale Unterstützung ist dennoch wichtig: „Die USA unterstützen unseren Kampf. Bisweilen erhalten wir Güter von regierungsexternen Organisationen, aber kein Geld. Ich bin keine Söldnerin (A.d.R.: als solche werden Regimegegner von der Regierung gern bezeichnet). Was ich tue, tu ich wegen meinem Verlangen nach Demokratie.“

Und Europa? „Auch die EU, einschließlich der offiziellen Vertretung in Havanna, hilft. Sie sagt es aber nicht. Kürzlich habe ich den französischen Botschafter getroffen, der mir, wie auch andere europäische Diplomaten, nach dem Überfall Blumen geschickt hatte.“ Und was ist mit den Sanktionen gegen die kubanische Regierung, die Ende 2005 angekündigt worden waren? Hier sendet Martha Beatriz Roque eine ganz klare politische Botschaft: „Ich hätte gedacht, die EU sei stärker. Letztendlich engagiert sich nur die spanische Regierung sehr für freundschaftliche Beziehungen mit Havanna.“ Die Zeit für unser Interview ist abgelaufen. Befürchten Sie Konsequenzen? „Nein“, scherzt sie, „ich hab immer Kleidung zum Wechseln in der Tasche, für den Fall, dass ich verhaftet werde.“

Und was unseren Reporter betrifft, wird er am Flughafen zwei Stunden lang durchsucht... Zufall?