Gesellschaft

Marsch der Barfüßigen: Florenz läuft für Flüchtlinge

Artikel veröffentlicht am 22. September 2015
Artikel veröffentlicht am 22. September 2015

Hunderte ohne Schuhe in Florenz: Unter dem Applaus vieler Touristen ziehen die "Barfüßigen" vorbei am Baptisterium San Giovanni durch die Straßen der Innenstadt. Der Protestmarsch führt auf den Platz der Republik und endet mit einem sehr bewegenden Flashmob.

In über 60 Städten in ganz Italien, so auch in Florenz, sind am 11. September die "Barfüßigen" losgezogen, um sich zu solidarisieren mit den tausenden Flüchtlingen, die seit Monaten von Nordafrika und aus dem Nahen Osten versuchen, Europa zu erreichen. Für ihren Protest hat sich die von Andrea Segre gegründete Bewegung ein Datum ausgesucht, das an tragische Momente der Geschichte geknüpft ist. Egal, ob Protestmarsch oder Flashmob, die "Barfüßigen" haben eine Reihe von Kundgebungen organisiert - alle haben eins gemeinsam: den Aufruf, denen zu helfen, die vor Krieg, Bombardierungen, Tod und Zerstörung fliehen." Auch wir Italiener durchleben gerade eine schwierige Phase", sagt Marta, eine der Teilnehmerinnen der Demo, "aber es gibt Menschen, denen es schlechter geht. Es ist unsere Pflicht als Menschen, ihnen so gut wir können, zu helfen!" Auf den Plakaten steht die Forderung, endlich "menschliche Korridore" für die Flüchtlinge zu öffnen, um die Reise nach Europa zu erleichtern und ihnen einen würdevollen Empfang zu ermöglichen. Das würde die Integration in Europa unterstützen. Stattdessen werden die Flüchtlinge in zentrale Erstaufnahmelager gesteckt, die alte Geister aufleben lassen. Manch einer, der die Bilder der ankommenden Flüchtlinge sieht, wird daran denken müssen, wie in den Dreißiger- und Vierzigerjahren mit den Juden umgegangen wurde.

Der Protest

Los geht es 18 Uhr auf dem Santa Maria Novella-Platz. Von dort zieht der Protestzug durch die Via de' Cerretani bis zum Domplatz. Der Marsch endet auf dem Platz der Republik. Etwa tausend Personen bilden eine Menschenkette. Mit Slogans erheben sie ihre Stimme gegen die Unterdrückungspolitik vieler europäischer Länder. Sie protestieren auch gegen die Gleichgültigkeit der europäischen Institutionen, angesichts der Tragödien, die sich Tag für Tag auf dem Mittelmeer und auf dem Balkan abspielen. Fast alle sind barfuß unterwegs, eine symbolische Geste für die unendlich langen Fußmärsche, die viele Flüchtlinge mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf sich nehmen.

Der Flashmob

Angekommen auf dem Platz der Republik, endet der Protest mit einem Flashmob. Jeder Teilnehmer bekommt einen Zettel mit einer Jahreszahl. Durch einen Lautsprecher werden die Jahre aufgerufen, gemeinsam mit der Zahl der Toten in diesem Jahr. Der Protestler, dessen Zahl aufgerufen wird, stellt seine Schuhe in der Mitte des Platzes ab. Es herrscht eine surreale Atmosphäre, Grabesstille und eine kollektive Empathie – ein beeindruckender Moment. Nach 15 Minuten liegen einige hundert Paar Schuhe in der Mitte des Platzes. Um sie herum strecken sich spontan viele Teilnehmer auf dem Boden aus: Eine Anspielung auf Aylan, den Flüchtlingsjungen, der tot am Strand von Bodrum gefunden wurde. Das Foto ging um die Welt. Die Geste steht aber auch für das Elend, dem die Flüchtlinge während ihrer endlosen Märsche ausgesetzt sind. Immer in der Hoffnung, dass sich die Bilder dieser Tage, wie das von Aylan, nicht wiederholen.