Gesellschaft

Mannsbilder

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007
Wie eine Invasion von Außerirdischen haben sich Metrosexuelle, Übersexuelle und Retrosexuelle auf unserem Planeten ausgebreitet und bringen den "klassischen" Mann derart in Bedrängnis, dass er schon beinahe als vom Aussterben bedrohte Spezies gilt.

Wer bin ich? Das ist die Frage, die sich den Männern heute stellt. Verloren, isoliert und kastriert haben sie seit der feministischen Revolution der 1970er Jahre mit ansehen müssen, wie ihnen Jahrtausende lang sicher geglaubte Domänen streitig gemacht wurden: finanzielle und berufliche Macht, gesetzliche Vormundschaft und nicht zuletzt die patriarchale Ausrichtung der Familie. Seitdem suchen sie verzweifelt nach einer neuen Identität. Das heißt, sich neu zu erfinden und weiter zu entwickeln. Und das wiederum haben Werber, Trendforscher und Produktdesigner bestens verstanden.

Überunverständlich

Der metrosexuelle Mann, eine Spezies, die unter unseren Antipoden weite Verbreitung findet, wurde unsterblich durch den Briten David B., der dank galant gefärbter Haarspitzen und einem Look vom Scheitel bis zu den Stollen weltweit bekannt wurde. Gewissen Zeitungen zufolge, soll dieser Herr auch begnadeter Fußballer sein.

Der metrosexuelle Mann ist vor allem Großstädter, sieht sich als vollkommen heterosexuell, aber betont gleichzeitig sein Anrecht auf die gewisse Note Weiblichkeit und Ästhetik. Er pflegt seinen Körper, verbringt ausgedehnte Momente im Bad und würde es nie wagen, Morpheus gegenüberzutreten, ohne zuvor seine pflegende Eisenkrautcreme aufgetragen zu haben.

Ein anderer Prototyp ist der übersexuelle Mann, der übrigens von einem amerikanischen Werber als Gegenangriff auf seinen metrosexuellen Artgenossen entworfen wurde. Er zeichnet sich vor allem durch ein maskulines Auftreten aus. Bezugsperson für diesen Typ Mann ist für gewöhnlich der amerikanische Schauspieler George Clooney. Er ist männlich, aber nicht Macho. Er pflegt seinen Dreitagebart, mimt den blasierten Abenteurer, gibt sich selbstsicher, aber wirkt nie überheblich. Kurz: Er ist ein Mann jenseits des Männlichen. Einer, der das Leben liebt.

Und was den Retrosexuellen betrifft: Er ist, was gemeinhin als 'reifer Mann' bezeichnet wird, also etwa zwischen 40 und 65, scheut sich nicht, mit seinem Alter zu prahlen, kultiviert eine klassische Eleganz und beeindruckt durch sein natürliches Charisma. Er weiß seine Lebenserfahrung geschickt zu nutzen. Seine Inkarnation in den Klatschspalten? Richard Gere, der ergraute Buddhist.

Verwirrende Schubladen

Allen, die sich als Genderexperten hervortun möchten, sei zudem der pomosexuelle Mann ans Herz gelegt. Auch als omnisexueller Mann bekannt, ist er so etwas wie die lasche Variante des Metrosexuellen, zeigt sich jedoch vor allem sämtlichen sexuellen Neigungen gegenüber unvoreingenommen. Der Trend zur 'Schubladisierung' der männlichen Identität ist also offensichtlich ungebrochen. Weitere Beispiele: die Heteroverrückten, in etwa Abbilder des französischen Modezaren Jean-Paul Gaultier. Diese eher androgynen Männer verkehren in Schwulenkreisen, aber bevorzugen dennoch Frauen. Sie sind übrigens nicht mit lesbischen Männern zu verwechseln. Diese lieben zwar auch Frauen, aber fühlen sich dabei selbst ganz Frau. Wieder eine andere Marke sind die Heteroflexiblen, die oft verheiratet sind oder bereits Kinder haben - und darauf auch besonders stolz sind - sich aber ab und zu in ein homosexuelles Abenteuer stürzen.

Die Erscheinung dieser Vielzahl von gut verpackten Klassifizierungen wird für die Kosmetik- und Parfumindustrie zum reinsten Marktforschungsspielplatz. Kaum auf den Zug aufgesprungen werden groß angelegte Werbekampagnen aus dem Boden gestampft -zugunsten des Mannes, der auf seine Pflege achtet, zum Beispiel. Der Anstieg der Verkaufszahlen lässt dabei kaum auf sich warten. Vom Aufschwung ergriffen, haben französische Männer 2005 allein 800 Millionen Euro für Pflegeprodukte ausgegeben. 2007 verwendet ein Drittel aller Männer in den Industrienationen Hautpflege-Produkte. 1990 waren es nur vier Prozent.

Wenn der boomende Sektor der Männerzeitschriften beginnt, seine männerfreundschaftlichen Ratschläge zu Bräunung, Enthaarung und Ernährung auszupacken, bleibt dem postmodernen Mann kaum etwas anderes über als sich dem Diktat der neuen Männlichkeit zu unterwerfen. Was ist aus dem Marlboro Mann geworden? „Er hat sich in einen Pudel verwandelt“, meint Nicolas Riou, Autor des Buches Pourquoi mon mec est comme ça (Warum mein Macker so ist). Was tun? Einen auf 'hart' machen und seine sensible Seite nach außen kehren.

Eric Zemmour, eine Art männliche Eva Hermann ohne Geschichtsklitterei, ist Autor des Pamphlets Le premier sexe (Das erste Geschlecht, in Anlehnung an Simone de Beauvoirs Le deuxième sexe, A.d.R.). Es geht ihm um nichts Geringeres als die Rettung der klassischen Geschlechterrolle des Mannes. "Der Mann hat in der Familie eine andere Rolle, als Betten zu machen." Er sollte auch von den anderen Arbeiten im Haushalt die Finger lassen, weil ihn das "zu einem Kind wie alle anderen machen würde - untergeordnet unter das Joch eines allmächtigen Matriarchats." Andere Experten für Geschlechterpsychologie raten Männern in Beziehungen, "ihre Verletzbarkeit, ihre Sanftheit und ihre Gefühle" zu zeigen, um wieder zum 'Freund der Frau' zu werden. Am besten sollte diese Strategie natürlich angewandt werden, wenn es um Gartenarbeit oder Ähnliches geht.

Es bleibt nur noch festzuhalten, dass dieses allgemeine Unbehagen auch gesundheitliche Folgen hat. Britische Statistiken betonen, dass sich sogar das Geschlechterverhältnis von Depressionserkrankungen zu Ungunsten der Männer wendet. Bleibt vom einstigen Adam also nichts als ein medizinischer Notfall?

Foto: Geooooooorge (Architectural Orphans/flickr)