Gesellschaft

Mafia in Mailand - die wahre Hauptstadt der 'Ndrangheta

Artikel veröffentlicht am 5. April 2010
Artikel veröffentlicht am 5. April 2010
Seit 15 Jahren engagiert sich der von Don Luigi Ciotti gegründete Verband Libera im Kampf gegen die „Mafien“ - jawohl, im Plural, da es sich hierbei keineswegs um eine einzelne Organisation handelt. Als Symbol dieses Kampfes hat Libera den 21. März, also den Frühlingsanfang gewählt und zum nationalen Gedenktag an die Mafiaopfer erklärt.

Jedes Jahr wird der Gedenktag in einer anderen Stadt begangen. Im vergangenen Jahr fand er in Neapel statt, dieses Jahr hingegen in der ehrenwerten italienischen Finanz- und Industriehauptstadt Mailand. Fast 150.000 Jugendliche, Lokalpolitiker, Familienangehörige von Mafia-Opfern und andere Personen nahmen an der Protest-Demo gegen die Mafien teil. Die organisierte Kriminalität hat ihre Tentakel über die traditionellen Territorien längst hinausgestreckt und sich zu einer dynamischen, florierenden, außerordentlich flexiblen Wirtschaftsmacht entwickelt, die in der Lage ist, jede Geschäftschance für sich zu nutzen.

Mafia: Warum gerade Mailand?

Mailand, 21. März 2010Dem Jahresbericht des parlamentarischen Anti-Mafia-Untersuchungsausschusses zufolge sind Mailand und die Lombardei „die Metapher der molekularen Verzweigung der ‘Ndrangheta (kalabresische Mafia, A.d.R.) in ganz Norditalien“. Dies erklärte Vincenzo Macrì, stellvertretender Antimafia-Staatsanwalt und Autor des Referats, in dem er Mailand als die „wahre italienische Hauptstadt der ‘Ndrangheta“ bezeichnet. Mailand und Norditalien seien die wichtigsten Marktplätze für den Handel mit Kokain und anderen Drogen. Denn Mailand und dessen Peripherie eigneten sich hervorragend, um, auch über das Baugewerbe, Gelder aus illegalen Aktivitäten rein zu waschen.

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Und nicht nur das. Im Jahr 2015 wird in Mailand die Welt-Expo stattfinden. Dieser gigantische Messetermin bringt der Stadt Unmengen öffentlicher Gelder - offiziellen Zahlen zufolge über 15 Milliarden Euro - die für den Bau der neuen Infrastrukturen verwendet werden sollen. ’Ndrangheta-Familien von Rang und Namen wie die Morabito, die Piromallo oder die Mancuso sind schon seit langer Zeit im wirtschaftlichen und politischen Gefüge von Mailand fest etabliert, vor allem im Umland, und warten nur darauf, sich eine fette Scheibe von der Expo-Torte abzuschneiden.

Libera-GründerDie Gefahr einer politischen und ökonomischen Infiltration kalabresischer Clans, oft mit Namen unbekannter Lokalunternehmen getarnt, in die Expo-Projekte ist nach Ansicht der Mailänder Antimafia-Bezirksdirektion nicht nur eine Hypothese, sondern eine konkrete Bedrohung. Schon seit Jahren agieren die kalabresischen ‘ndrine (Mafia-Clans A.d.R.) in der Unterwelt der lombardischen Wirtschaft. Jetzt, mit der Wirtschaftskrise, kommen sie an die Oberfläche gekrochen und machen ein großes Geschäft.

Die finanziellen Schwierigkeiten vieler krisengeplagter Bauunternehmen haben der organisierten Kriminalität den Weg geebnet und die Möglichkeit gegeben, wichtige Anteile des lombardischen Baugewerbes zu günstigen Bedingungen an sich zu reißen. Aber die Fassade ist gewahrt. Die Namen bleiben unverändert und machen aus den Unternehmen bequeme Strohmänner, um an öffentlichen Ausschreibungen für die großen Bauprojekte zur Expo teilnehmen zu können.

Die Infiltration der Mafia in Mailand begann in den 1970er Jahren. Das Bewusstsein dieser Einwurzelung ins Stadtgefüge besteht allerdings erst seit kurzer Zeit. Selbst die lokalen Behörden leiden seit jeher an dem Defizit, die Realität nicht erkennen zu wollen. Noch in den 1990er Jahren erklärte der Mailänder Bürgermeister Pilitteri: „Wir sagen nicht, dass es in Mailand Mafia gibt“.

Fahne des Antimafia-Vereins

Mafia im Theater

Und doch, es gibt sie, die Mafia in Mailand. Den Mut, dies laut auszusprechen, hat jedoch ein Theaterschauspieler, der unmissverständlich und öffentlich gegen die unsichtbare Mafia aussagen will. Nach der Aufführung seines Theaterstücks „Do ut Des“ im Jahr 2008, in dem er die traditionellen Rituale der Mafia parodierte, wurde Giulio Cavalli bedroht und lebt seitdem unter Geleitschutz. Cavalli hat sich für ein anspruchsvolles Volkstheater entschieden. Damit legt er Zeugnis über eine Mission ab und nutzt seine Kunst als zentrales Instrument, um der Allgemeinheit klar zu machen, wie nah die Gefahr der Mafien ist, auch in Norditalien.

Fotos: ©RICCIO/flickr; ©flavio.leone/flickr; ©Alessio Baù/flickr; ©btw/flickr