Gesellschaft

Madrid: Lesbisch in Lavapies

Artikel veröffentlicht am 20. November 2013
Artikel veröffentlicht am 20. November 2013

Julia erzählt, wie sie ihr heimisches Paris gegen Madrid eintauschte. Willkommen in Lavapiés.

Ich bin am 20. August 2012 in Madrid bei Temperaturen von 45 Grad  angekommen. Ich hatte einen Rucksack auf und in jeder Hand einen Koffer und kampierte auf dem Sofa des besten Freundes eines Freundes meines besten Freundes, solang bis ich etwas Eigenes gefunden hatte. Ich kam ohne Ziel, für vier Monate. Doch als meine Beziehung in Paris zu Bruch ging, beschloss ich, nicht zurückzukehren.

Eine Lesbe im Exil, da überfiel mich schnell die Lust, an Menschen wie mich zu geraten. Gleich darauf folgte jedoch auch die Angst, die mir aus Paris geblieben ist. Die Angst,  dass die Menschen in meinem Alter keine neuen Freunde mehr in ihr Leben lassen, dass die Türen nur für neue Sexabenteuer geöffnet werden. Und ich, ich wollte keine Liebhaberinnen, ich wollte Freunde,  also trat ich einer Batucada-Gruppe bei, ging Rollschuhlaufen, gab Französischunterricht und spielte Tischfußball. Dank dieser Aktivitäten habe ich mich in das lesbische Milieu von Madrid integrieren können. Ich mag es nicht, wenn man über eine Gruppe allgemein spricht, und ich habe mit Sicherheit nur ein Bruchstück des Gesamtbildes gesehen. Aber ich möchte trotzdem mit euch über die Eindrücke sprechen, die ich von den Lesben hier habe. Mein Eindruck ist, dass sie Mumm haben, jeder Altergruppe angehören und dass sie sich leidenschaftlich gerne unter Leute mischen. Diese Frauen wussten, wie man sich von den sozialen Diktaten freimacht welche die Pariserinnen über sich ergehen lassen: sei schön, sei schlank, finde jemanden, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen wirst und mach' Kinder. Sie sind feministisch, und queer - alternativ und verweigern es,  unsichtbar zu sein.

In diesem leicht schizophrenen Land, welches sich erst recht spät des Franquismus (1977) entledigt hat, aber eines der ersten Länder war, das bereits 2005 die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte, haben sie ihre Spuren hinterlassen: Tags wie "long hair lesbian" (Langhaarlesbe), den Tag der 'Sichtbarkeit der Lesben', an dem Lutscher in Form einer Muschi geleckt werden, das Ladyfest, die Webseite dramafreemadrid und ihre "Ideen und Ressourcen für Lesben" oder die Gay Pride der Empörten eine Woche vor der "echten" Pride.

Hier ist frau zuhause

Die Lesben haben Chueca, den Madrider Sumpf, verlassen, um ihre Hauptquartiere in Lavapiés zu beziehen. Dort, zwischen dem marokkanischen Barbier, indischen Restaurants und chinesichen Trödelhändlern belagern sie im Viertel die netten, kaum angesagten Plätze und Bars für Frauen, wo einen bisher noch niemand wegen zu schlichten Klamotten von oben bis unten mustert. Denn Chueca ist zwr ziemlich teuer, aber riecht nach Plastik und Ghetto zugleich.

Ich verstehe diese Mädels, die kein eigenes Viertel für sich alleine bunkern wollen, sondern als Minderheit unter vielen anderen in Lavapiés leben möchten. In den steilen Straßen des ehemaligen Elendsviertels vermischen sich Alter, Farben und Sprachen nach Belieben. Es ist der madrilenische Stadtteil mit den meisten Hausbesetzern, den meisten Nationalitäten, mit der dynamischsten Vereinsaktivität und politischem Engagement.

In Lavapies pendeln die Mädels zwischen dem von Frauen selbstgeführten sozialen Zentrum "Eskalera Karacola", dem 33 zum Tanzen, dem Mojito zum Trinken und derAntigua taqueriazum Essen. Tendenz steigend. Heutzutage macht eine Bar nach der nächsten auf, eine Frauenquote braucht das Viertel garantiert nicht. Und trotzdem ist es schön, dass sich die lesbische Kultur nicht auf eine Seitenstraße konzentriert. Hier im Viertel kann man Gott und die Welt kennenlernen, nicht nur zum Baggern. Außerdem ist es ziemlich praktisch, dass die anderen, "nicht spezifisch LGBT-freundlichen" Plätze im Viertel in Wirklichkeit gay friendly sind und dass es einen guten Überredungskünstler braucht, um jemandem mehr als 2 Euro fürs Bier abzuknöpfen. Egal an welchem Ort in diesem Viertel, hier ist 'frau' zuhause.

In Madrid lernte ich Marian kennen, die mir sehr exotisch erschien, als sie mir gestand eine geschiedene Lesbe zu sein. Martouchi, die im Alter meiner Mutter ist, jedoch nach mir ins Bett geht. Bea, die ein französiches Kauderwelsch spricht. Isa, die alle Lesben von Madrid in ihr Schwimmbecken lässt, wenn in der Stadt eine Affenhitze ausbricht. Maria, ihre Nichte, die beim Clubbing ihr rechter Arm ist. Und viele, viele mehr, die das Madrid ausmachen, von dem ich euch gern weiter bis in die Morgenstunden erzählen würde.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Blog barbieturix.com veröffentlicht.