Gesellschaft

Macholand: Ausweitung der feministischen Kampfzone

Artikel veröffentlicht am 4. März 2015
Artikel veröffentlicht am 4. März 2015

Macholand ist nicht nur eine französische Webseite, die aktiv gegen Alltagssexismus vorgeht. Sie ist auch Ausdruck eines Feminismus, der poppiger, lustiger aber auch beängstigender daherkommt. Clara Gonzales (24) ist einer der Köpfe hinter dem Projekt. Sie weiß zu besänftigen, aber auch anzgreifen. Ein Spaziergang durch Macholand mit Jasmintee.

cafébabelMacholand steht dafür, dass das Maß gestrichen voll ist. Woher kommt diese Haltung?

Clara Gonzales: Dafür müssen wir ein Jahr zurückgehen, als Elliot Lepers und ich die Satireseite Les 343 connards [Die 343 Vollidioten] in Reaktion auf das Manifest "Lass die Hände von meiner Nutte", an der unter anderem der französische Autor Fréderic Beigbeder beteiligt war, veröffentlicht haben. Die Idee war nicht, in die Debatte für oder gegen die Strafbarkeit von Prostitution einzusteigen, sondern zu zeigen, dass man diesen Leuten mit so sexistischen und debilen Äußerungen nicht die Deutungshoheit überlässt.

cafébabel: Und wann kam Macholand dazu?

Clara Gonzales: Zusammen mit Caroline de Haas, der Gründerin des Vereins Osez le féminisme [Feminismus wagen, Verein, den sie mittlerweile verlassen hat, A.d.R.] sind wir uns darüber klar geworden, dass das Web eine Fundgrube für Aktivisten ist, die dem Sexismus an den Kragen wollen. Ziemlich schnell haben wir drei uns dann um einen Tisch gesetzt und die Konturen von Macholand besprochen. Unser Prinzip lautet: mit Tweets, Facebook-Posts oder E-Mails Menschen und Organisationen zuballern, die sich sexistisch äußern. Bei uns nennen wir das 'Aktionen'.

cafébabel: Wie bist du selbst zu diesem Engagement gegen Alltagssexismus gekommen? 

Clara Gonzales: Als ich 11 oder 12 Jahre alt war ,sah ich schon aus wie eine junge Frau. Ich konnte spüren, dass ich eine Art Lustobjekt wurde, obwohl ich mir selbst noch kaum darüber bewusst war. Das war ein Schock für mich und etwas, das mir von âlteren Männern über Blicke oder Kommentare, die teilweise echt daneben waren, aufgezwungen wurde. Vielleicht waren es diese ersten Impressionen, die mich zu meinem Interesse für Gender-Fragen geführt haben. Irgendwann wurde ich mir darüber bewusst, dass Mädels Sexismus nicht immer direkt erkennen. Das hat mich zunehmend sauer gemacht. Ich habe mir gesagt, wenn sie den Sexismus, der sie ja selbst betrifft, nicht erkennen oder nicht den Mut oder die Intelligenz haben, ihn zu entlarven, dann komen wir nie aus dieser Sache raus. Viele Menschen sind davon überzeugt, für die Gleichstellung von Mann und Frau zu sein, und sind trotzdem noch voller sexistischer Codes. In meinem privaten Umfeld ist es das, was am schwierigsten zu dekonstruieren war.

Außerdem denke ich, dass der Sexismus in den französischen Medien in den letzten fünf Jahren wieder Aufwind erhalten hat. Meistens über öffentliche Perönlichkeiten, denen man zu viel Platz einräumt. Als junge Frau habe ich eine Welt vor mir gesehen, deren Repräsentanten sich immer wieder das Recht herausnahmen, einen vorgefertigten Weg für Frauen in Stein zu meißeln. Und das vor allem von den älteren Herren der Schöpfung in ihren 50ern, die aus dem Mittelalter zu entstammen scheinen. Ihnen an dieser Stelle die Deutungshoheit zu überlassen heißt, sich in einer Welt zu verschließen, die sich der Ungleichheit verschrieben hat.

cafébabel: Aber da gab es doch schon bestimmte Leute vor euch, die in diesem Bereich aktiv waren.

Clara Gonzales: Man hat ihnen aber leider nicht genug Platz eingeräumt, um sich auszudrücken. Der Feminismus ist erst kürzlich zum Mainstream geworden, aber seit 30 Jahren wurde nicht mehr ernsthaft darüber gesprochen.

cafébabel: Das Internet ist also die perfekt Spielwiese für den modernen Feminismus geworden?

Clara Gonzales: Ja. Indem man das Wort denjenigen überlässt, die in den dominanten Medien zu wenig Platz haben, lässt man endlich die Bürger ans Ruder. Das Internet hat den Kampf also klar erleichtert. 

cafébabel: Findest du, dass auch genügend über Machismus gegenüber Männern gesprochen wird? 

Clara Gonzales: Der Macho ist auch jemand, der fähig ist, Homosexuelle zu diskriminieren. Auch deshalb sind die LGBT-Fragen und der Kampf gegen Sexismus eng miteinander verbunden. Das System, über das wir sprechen, betrifft auch Männer. Viele haben uns beispielsweise gefragt, warum wir nicht auch 'Aktionen' gegen Seiten wie die Dating-Plattform Adopte un Mec durchführen. Aber sind die tatsächlichd er Kern des Problems? Heißt das, dass wir heute in Frankreich ein Problem mit dem Sexismus gegen Männer haben? Nein, das komplette Gegenteil ist der Fall.

cafébabel: Ja schon. Aber es gibt auch diese Kategorie Mann, denen bei feministischen Aktionen ernsthaft der Angstschweiß auf der Stirn steht. Sie sind sich ziemlich sicher, dass ihr sie kastrieren wollt.

Clara Gonzales: Es ist normal, Angst davor zu haben, deine Privilegien zu verlieren. Aber wirkliche Gleichheit hat es noch nie gegeben. Wir leben seit Jahrtausenden auf dieser Erde. Und nicht zu einem einzigen Moment waren Frauen den Männern gleichgestellt. Wenn man also heute sagt "ja, ja, wir werden es schon schaffen, das ganze wird im 21. Jahrhundert stattfinden", dann ist es komplett normal, dass manche Leute Schiss kriegen. Sowohl Männer als auch Frauen übrigens. Wenn ich Freunde sehe, die mir sagen "wir werden jetzt komplett von unseren Frauen dominiert", dann ist das wohl am allerehesten eine gute Möglichkeit für sie, aus einer komplizierten Beziehung rauszukommen. Paare waren schon immer kompliziert. Daran hat auch der Feminismus nichts geändert.

cafébabel: Warum gibt es dann aber trotzdem noch Typen, die denken, dass Feminismus bedeutet "dass alle Männer Schweine sind und alle Frauen Opfer"?

Clara Gonzales: Weil es eine sehr starke feministsiche Bewegung in den Siebzigern gegeben hat. Ein ziemlich brutales Aufbegehren, das man jedoch erklären kann. Eine Revolte kann man nie Hand in Hand mit den Unterdrückern durchziehen. Das würde keinen Sinn machen, wenn die Unterdrückten sich von ihren Unterdrückern an die Hand nehmen lassen würden. Das wäre ja so, als hätten die Weißen den Kampf für die Rechte der schwarzen Bevölkerung gekämpft. Man kann sie natürlich einschließen, aber es ist an der schwarzen Bevölkerung, ihren Kampf selbst anzugehen. Und genauso verhält es sich mit den Frauen.

cafébabel: Welche Konsequenzen kann man heute daraus ziehen?

Clara Gonzales: Heute gibt es eine Art Retourkutsche. Man hat lange Zeit versucht uns zu überzeugen, dass das, was die Feministinnen erzählen, schlecht ist, dass sie die Männer dominieren wollen. Und in diesem sozialen Konstrukt sind wir seit 40 Jahren gefangen. Wir kommen heute also auf einem ziemlich abgegrasten Terrain an. Und nun liegt es an uns, alte Denkmuster zu dekonstruieren.

cafébabel: Und wie reagiert die Gesellschaft 2015 auf modernen Feminismus?

Clara Gonzales: Sie ist mehr oder weniger aufnahmebereit. Aber als wir Macholand gestartet haben, gab es trotzdem einen Artikel in der Marianne [links gerichtetes Magazin; A.d.R.], in dem uns erklärt wurde, dass wir 'Mutti-Feminismus' machen würden. Das Minimum als Journalist wäre es doch, ein paar Recherchen zu machen. Ich hätte gern, dass mir diese Frau mal erklärt, worin sie bei uns Mutti-Feminsmus sieht. Für mich ist sie von einem Denkschema beeinflusst, das sie von der herrschenden Klasse geerbt und unserer Methode angeheftet hat. Das ist ziemlich dumm und vereinfachend.

cafébabel: Marianne hat auch kritisiert, dass ihr euch für ziemlich nebensächliche Debatten interessiert, anstatt die tatsächlichen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau anzugehen: unterschiedliche Gehälter, häusliche Gewalt, Hausarbeit etc.

Clara Gonzales: Man kann nicht überall gleichzeitig sein. Zunächst einmal sprechen wir auch über diese Fragen. Und ich sag's nochmal klar und deutlich: alles hängt zusammen. Wir attackieren ein System und jede Organisation kämpft gegen verschiedene Facetten dieses Systems. Ich gehe ja auch nicht zu einem Verein, der sich gegen häusliche Gewalt einsetzt, und sage: "Wieso kümmert ihr euch denn nicht um die Frauen, die nicht die gleichen Gehälter wie ihre Männer bekommen?"

Macholand-Trailer vom 14. Oktober 2014

cafébabel: Wie haben deine Freunde auf Macholand reagiert?

Clara Gonzales: Ich hatte Freunde, die sich mehr oder weniger für Feminismus interessierten, aber keiner war wirklich aktiv. Was mich ziemlich glücklich macht, ist, dass ich Freundinnen habe, für die Feminismus keine Priorität darstellte und die heute zu mir kommen und sagen "vielleicht habe ich mich getäuscht". Insbesonders nach den Hate-Mails, die wir bekommen haben.

cafébabel: Davon habt ihr eine ganze Menge erhalten. Hattet ihr mit dieser Reaktion gerechnet?

Clara Gonzales: Nicht in diesem Ausmaß. Kinder aus dem Videospielforum jeuxvideo.com erklärten, dass unsere Seite nur gehackt werden konnte, weil sie von Frauen codiert wurde. Dabei war es Elliot, der unsere Seite programmiert hat! Die besten Kommentare haben wir auch auf einem tumblr veröffentlicht.

cafébabel: Oft wird Feministen vorgeworfen, sie hätten keinen Humor. Was ist für dich ein echter Macho-Witz?

Clara Gonzales: Darin geht es imer um Ausschluss. Ich nehme mal wieder den Rassismus als Beispiel. Stell dir vor, ich sitze dir gegenüber, du bist schwarz, ich bin weiß. Ich reiße einen richtig schlechten Witz über Schwarze. Würdest du lachen? 

cafébabel: Kommt ganz darauf an...

Clara Gonzales: Nun stell dir mal vor, dass dein Tischnachbar sich vor Lachen verbiegt und einen zweiten rassistischen Witz reißt. Und am nächsten Morgen erhältst du noch ein paar Hate-Comments und am Ende kriegst du immer wieder zu hören "olala, du bist aber echt gar nicht witzig drauf, du bist ja total verklemmt". Prinzipiell ist es doch so: Wenn ich über das lache, was du bist, schließe ich dich von der Möglichkeit aus, mit mir zusammen zu lachen.

cafébabel: Und wenn du Jokes liest wie "Rugby für Frauen? - Schlussverkauf" - bringen die dich nicht zum Schmunzeln?

Clara Gonzales: Nein, das finde ich nicht lustig. Aber das ist nicht schlimm. Schlimm wird es erst, wenn Witze über Vergewaltigung gemacht werden. 

cafébabel: Denkst du, dass die Leute dich mit Samthandschuhen anfassen, wenn sie mit dir über das Thema Feminismus sprechen? 

Clara Gonzales: Ich hoffe doch nicht! Aber es stimmt schon. Es gibt Leute, die versuchen, mich zu provozieren. Wenn du dich für eine Sache engagierst, hast du ein anderes Verständnisraster. Du kannst dich ziemlich schnell einschließen und deine Zeit nur noch mit denjenigen verbringen, die so wie du denken. Aber ich denke nicht, dass das gesund ist. Man sollte sich lieber mit anderen Weltansichten konfrontieren.

cafébabel: Was hältst du vom Feminismus-Verständnis unserer Generation?

Clara Gonzales: Wir informieren uns heute besser. Aber wir sollten trotzdem aufpassen. Ich denke an diese Generation von Männern, die immer noch nicht verstanden haben und fast ausrasten. Wir haben auch den Zug der Bildung verpasst, denn nachwievor wachsen wir in Schulen heran, in denen Mädchen und Jungen nicht auf die gleiche Art behandelt werden. Aber wir haben natürlich Fortschritte gemacht.