Gesellschaft

Linke Champagnerlaune

Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2011
Meinungsmacher, die sich in der Öffentlichkeit als politisch links ausgeben, in Wirklichkeit aber außer Kontakt mit den Werten ihrer angeblichen Schäfchen sind, sind ein gemeinsames europäisches Phänomen. Auch die Begriffe, welche die Medien für ihre Zielscheibe verwenden, sind sich recht ähnlich…

Was besonders auffällt: die deutliche Mehrheit der Ausdrücke steht in Verbindung mit teuren Gaumenfreuden – ein Seitenhieb auf den angeblichen Geschmackswandel der Beschimpften. Und ein Anzeichen für den journalistischen ‚Appetit‘ auf Skandalgeschichten?

Verschiedene europäische Medien erklären ihre linken Meinungsmacher zu begeisterten Trinkern von Champagner, dem wohl festlichsten aller Getränke: Die Deutschen sprechen von der Champagnerlinken, die Schweizer von Cüpli-Sozialisten (Cüpli steht für ein Glas Champagner) und die Engländer von champagne socialists. Während der Ursprung des Champagners in Frankreich liegt, geht seine politische Verwendung auf England und Russland zurück. Zum einen bestand die englische Tradition, auf bekannte Sozialisten mit Champagner anzustoßen. Zum anderen schrieb der russische Philosoph Alexander Herzen in seinem Werk From the Other Shore (1855), die Elite unterhalte sich „über Gebäck und Champagner“, während die Armen draußen erfrieren und verhungern.

In Anlehnung an die Schaumwein-Genüsse existiert in Deutschland außerdem die Bezeichnung der Rotweinlinken, in Schweden die der Rödvinsvänster („Rotweinlinke“).

Doch nicht nur das Reich der teuren Getränke machen sich die europäischen Medien zu eigen, um die Scheinheiligkeit ihrer linken Meinungsmacher anzuprangern, sondern auch das des teuren Essens – speziell die wohl kostspieligsten Fischeier überhaupt. So benutzen französische Journalisten immer wieder den Begriff gauche caviar, portugiesische sagen esquerda caviar (beides Mal „Kaviar-Linke“) und englische caviar socialist („Kaviar-Sozialist“).

Einen weiteren Ausdruck in Zusammenhang mit einem ausschweifenden, (nicht nur) kulinarischen Lebensstil haben die deutschen Medien erfunden. Diese assoziieren die Abweichungen ihrer Politiker vor allem mit der italienischen Region Toskana – die so schön und lecker ist, dass es die Toskanafraktion dort häufig zum Urlaub oder gleich für die ganze Rentenzeit hinzieht. Der Begriff kam Ende der 80er Jahre auf, um den Wandel der einst ach so glühenden 86er-Rebellen zu bürgerlichen Genussmenschen bloßzustellen. Ob die Beschimpften tatsächlich alle schon mal ihren Fuß in die Toskana gesetzt haben, steht dabei nicht immer fest…

Die Journalisten des Landes, in dem die Toskana beheimatet ist, distanzieren sich hingegen vom Heißhunger ihrer europäischen Kollegen und sprechen lieber von radical chic („radikaler Schick“) – was den Landesruf als Modemekka unterstreicht. Seinen Ursprung hat der Begriff in den USA, wo der Journalist Tom Wolfe in seinem Essay Radical Chic (1970) die Aneignung radikaler, politischer Ziele durch die High Society anprangerte. Seine erste Verwendung fand das Wort jedoch durchaus im Land der dolce vita: In den 1970ern wetterte der italienische Journalist Indro Montanelli in einem Artikel in der Zeitung Corriere della Sera gegen die Reichen, die die Aktionen roter Truppen unterstützten. Der größte radical chic-Politiker ist für die heutigen italienischen Medien Massimo D'Alema, früherer Premierminister und Leiter der demokratischen Partei, der fürs Segeln schwärmt und mehrere Boote besitzt. Womit er in der Toskana gar nicht falsch wäre…