Gesellschaft

Lidl: Ausbeutung, europaweit

Artikel veröffentlicht am 18. August 2006
Artikel veröffentlicht am 18. August 2006
Die deutsche Supermarkt-Kette Lidl unterhält Filialen in ganz Europa. Die Gewerkschaft ver.di wirft dem Unternehmen in einem Schwarzbuch vor, seine Angestellten stark unter Druck zu setzen.

Erst musste Krystyna W. aus dem polnischen Wroclaw „nur“ 45 Stunden wöchentlich arbeiten, doch von Monat zu Monat wurde die Arbeitszeit ausgeweitet – auf bis zu 16 Stunden täglich. In den polnischen Niederlassungen des deutschen Discounters Lidl sind solch’ ausgedehnte Arbeitszeiten an der Tagesordnung. Der Autor Andreas Hamann hat zusammen mit einer Forschergruppe Ende Juni 2006 das „Schwarz-Buch Lidl Europa“ veröffentlicht, das die Praktiken des Unternehmens in Polen und anderen europäischen Ländern dokumentiert.

Regelmäßig Überstunden

„Globalisierung buchstabiert sich bei Lidl überall gleich“, heißt es im Vorwort des Buches. „Es gilt, immer höhere Gewinne durch eine aggressive Billigpreis-Politik zu erzielen.“ Und immer exportiere Lidl auch sein in Deutschland erprobtes System „Billig auf Kosten der Beschäftigten“. Wie bereits das Ende 2004 veröffentlichte erste „Schwarz-Buch Lidl“ zur Situation in Deutschland gezeigt hat, lässt das Discountunternehmen, das ebenso wie Kaufland zur Unternehmensgruppe Dieter Schwarz gehört, seine Beschäftigten in den Filialen unter enormem Arbeitsdruck schuften, ordnet regelmäßig Überstunden an und verhindert mit allen Mitteln die Gründung von Arbeitnehmervertretungen.

Über sämtliche Regelungen des jeweiligen nationalen Arbeitsrechtes setzt sich allerdings nicht einmal Lidl hinweg. So kann das Unternehmen in Skandinavien weder Betriebsräte verhindern noch Tarifrechte umgehen. Und dennoch nutzt der Discounter jede rechtliche Lücke, um die Arbeitsstandards zu verschlechtern. „Um den Druck zu erhöhen werden die Angestellten auch in Schweden kontrolliert“, heißt es im Schwarz-Buch Lidl Europa. Und an anderer Stelle im selben Kapitel: „An den regelmäßig auftretenden Konflikten in Lidl-Filialen ist nach Ansicht von Gewerkschaftern nicht zuletzt die für schwedische Verhältnisse extrem hierarchische Unternehmensstruktur schuld.“

Tatsächlich werden bei Lidl – wie auch bei der ebenfalls europaweit vertretenen Warenhaus-Kette Kaufland – alle Fäden in der Zentrale der Schwarz-Gruppe im baden-württembergischen Neckarsulm gezogen.

Die Abwärtsspirale stoppen

Hier wurde in den zurückliegenden Jahren auch die Expansion des Unternehmens beschlossen: Im Moment ist die Schwarz-Gruppe in 23 europäischen Ländern mit fast 7.400 Lidl- und Kaufland-Filialen vertreten. 2005 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro, zu dem die Auslandsfilialen mehr als fünfzig Prozent beitrugen. Und die Schwarz-Gruppe hat noch längst nicht genug: In Kroatien ist der Lidl-Markteintritt noch für dieses Jahr geplant, ebenso in Slowenien, den drei baltischen Staaten sowie in der Schweiz.

Die Berichte des Buches zeigten, so heißt es im Vorwort des ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske und der stellvertretenden Vorsitzenden Margret Mönig-Raane, „dass es notwendig ist, die Abwärtsspirale zu stoppen und weiter für die Durchsetzung gemeinsamer globaler sozialer Standards zu kämpfen“. ver.di will mit anderen europäischen Handelsgewerkschaften weiter hartnäckig daran arbeiten, dass auch bei Lidl und Kaufland Beschäftigte unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten können – sei es in Polen, Frankreich oder Schweden.

Die Autorin ist freiberufliche Journalistin und hat am "Schwarzbuch Lidl Europa" mitgewirkt