Gesellschaft

Lesben und Schwule in litauen : « Ein Schritt vorwärts, zwei zurück » (Teil 2)

Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2014

80% der Li­tau­er sind be­ken­nen­de Ka­tho­li­ken. Der Ein­fluss der Kir­che auf die Le­bens­um­stän­de der Les­ben und Schwu­len ist ent­spre­chend groß. Letz­tes Jahr hat die Kir­che die Me­di­zin-Unis mehr­fach dazu auf­ge­for­dert,  In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und Ab­trei­bung aus dem Stu­di­en­plan zu strei­chen“, be­rich­tet die Pro­fes­so­rin und Fe­mi­nis­tin Ma­ri­ja Pa­vi­lio­ni­ene. Bei Eh­tik­de­bat­ten im Par­la­ment in­ter­ve­nie­rten Ver­tre­ter der Kir­che re­gel­mäßig von der Zu­schau­er­tri­bü­ne aus. „Bei den Wah­len 2008 konn­te man an be­stimm­ten Kir­chen Pla­ka­te mit den Na­mens­lis­ten jener Frau­en und Män­ner fin­den, für die man nicht stim­men soll­te. Mein Name stand auch auf die­ser Liste", fährt Pa­vi­lio­ni­ene fort. „Das ist völ­lig il­le­gal. Wir be­fin­den uns in einem Land, in dem die Tren­nung von Kir­che und Staat exis­tiert!"

Das Prin­zi­p der Nicht-de­s­kri­mi­nie­rung

Tat­sa­che ist auch, dass die Me­di­en in der Sache eine frag­wür­di­ge Rolle spie­len. Prak­tisch alle sind offen ho­mo­phob. „Sie ver­spot­ten Ho­mo­se­xua­li­tät auf sehr vul­gä­re Art", fin­det Pa­vo­lio­ni­ene. „So zie­hen sie ihre Leser an." Die­ses Ver­hal­ten hat auch Min­dau­gas Ja­cke­vičius, Jour­na­list des In­for­ma­ti­ons­web­sites Delfi, be­stä­tigt: „In der Regel ist die Art, wie die Me­di­en über Ho­mo­se­xu­el­le be­rich­ten, vol­ler Ste­reo­ty­pen und un­ter­schwel­li­gen Dro­hun­gen. Ho­mo­se­xu­el­le seien eine Ge­fahr für tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en­wer­te."

Die Jeans von Gražulis (siehe Teil Eins un­se­rer Re­por­ta­ge, Anm. der Red.) fand durch­aus po­si­ti­ves Echo in den Me­di­en. Nur Delfi hat die Geste miss­bil­ligt. Gražulis sei „eine Schan­de für Li­tau­en", so Ja­cke­vičius. Si­mon­ka ruft in Er­in­ne­rung, dass „Li­tau­en Russ­land sehr nahe ist. Dort gibt es eine wahre Hys­te­rie rund um Ho­mo­se­xua­li­tät. In Li­tau­en emp­fan­gen wir auch sehr viele rus­sisch­spra­chi­ge Sen­der. Rus­sisch ist hier eine gän­gi­ge Spra­che. Auch des­halb hört man we­ni­ge po­si­ti­ve Stim­men", be­dau­ert er.

Was kann Eu­ro­pe für Li­tau­en tun, das seit 2004 EU-Mit­glied ist? Das Prin­zip der Nicht-Dis­kri­mi­nie­rung ist ein wich­ti­ges Ele­ment in der eu­ro­päi­schen Ge­setz­ge­bung. Das Eu­ro­päi­sche Ab­kom­men, sowie die Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ro­päi­schen Union, leh­nen Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung ab. Trotz allem schei­nen die Rech­te der Ho­mo­se­xu­el­len in Li­tau­en ge­fähr­det.

In die­sem Zu­sam­men­hang meint der Ak­ti­vist Juris Lavri­kovs, dass die EU die Ho­mo­pho­bie in Li­tau­en aus­rei­chend zur Kennt­nis nimmt. In einer Ko­lum­ne des EU­ob­ser­ver be­klagt er, dass die EU weder über die Rechts­mit­tel ver­fü­ge, um be­trof­fe­ne Län­der zur Ord­nung zu rufen, noch eine wahre Stra­te­gie der Mit­glieds­län­der vor­zu­wei­sen hätte, ob­wohl eine sol­che Stra­te­gie für Dritt­län­der sehr­ wohl exis­tie­re. Si­mon­ko be­dau­ert das auch: „Vor zwei Jah­ren hatte ich ein Ge­spräch mit Vi­via­ne Re­ding (EU-Kom­mis­sa­rin für Jus­tiz, Grund­rech­te und Bür­ger­schaft, Anm. des Au­tors). Sie hat mir da­mals ver­spro­chen, die Si­tua­ti­on in Li­tau­en sehr genau zu ver­fol­gen, aber sie hat nichts Kon­kre­tes un­ter­nom­men." Im Vor­feld des im No­vem­ber in Vil­ni­us ab­ge­hal­te­nen EU-Gip­fels zur öst­li­chen Part­ner­schaft, hat die EU unter dem Vor­sitz Li­tau­ens Druck auf die Ukrai­ne ge­macht, die Dis­kri­mi­nie­run­gen von Ho­mo­se­xu­el­len aktiv zu be­kämp­fen. Dabei ist die Lage in Li­tau­en in kei­ner Weise bes­ser.

DAs ver­hal­ten li­tau­ens ist « schein­hei­lig» 

Die Re­gie­rung in Vilnius hat erst im Ok­to­ber 2013 den Wi­der­stand gegen die aus dem Jahr 2008 stam­men­de An­ti-Dis­kri­mi­nie­rungs-Di­rek­ti­ve der EU auf­ge­ge­ben, die die lo­ka­le Ge­setz­ge­bung er­gän­zen soll. In den letz­ten drei Jah­ren hatte sich Li­tau­en da­ge­gen­ge­stellt, erst durch den EU-Vor­sitz war diese Po­si­ti­on nur mehr schwer zu ver­tei­di­gen. „Es ist ein­fach schein­hei­lig", meint Si­mon­ko. Und Gražulis, was denkt er dar­über? Für ihn ist die EU der Grund allen Übels: die EU sei es, „die uns Ho­mo­se­xua­li­tät dik­tiert", und die „die See­len der Men­schen stiehlt. Die EU wird zu­grun­de gehen, es ist nur eine Frage der Zeit."

Den ers­ten Teil un­se­rer re­por­ta­ge gibt es hier zu lesen.

Die Ge­sprä­che führ­te Ju­dith Sin­ni­ge