Gesellschaft

‘Les Petits Riens’ in Brüssel: Soziales Netz in Krisenzeiten

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2010
Wenn in Zeiten der Wirtschaftskrise das Geld nicht mehr so locker sitzt, schnallt man den Gürtel enger - was Gebrauchtes muss her. Fündig wird man in Brüssel im Geschäft des Vereins Les Petits Riens. Dort findet man nicht nur günstige Möbel, Bücher oder Klamotten - für Obdachlose ist es ein Ort, an dem ihnen noch eine Chance gegeben wird.

Laurent und Johan stehen in der Einfahrt zum Geschäft Les Petits Riens (‘Die kleinen Nichtigkeiten’) an der Rue américaine 101, sammeln kleine rosafarbene und blaue Zettelchen mit Verkaufsnummern von den Kunden ein, geben Tüten mit Einkäufen heraus und begrüßen und verabschieden die Kunden. „Dankeschön, auf Wiedersehen“, sagt Laurent und nickt einer älteren Dame zum Abschied zu.

Ich würde jede Arbeit machen.

Er hat seine graue Schiebermütze in die Stirn gezogen und zieht an einer Zigarette. „Na ja“, sagt er. „Es ist schon gut, dass es das hier gibt. Aber ehrlich gesagt - das ist doch auch nur ein Business. Ein Sozial-Business. Die machen doch Geld damit.“ Drei Jahre hat er im Gefängnis gesessen, seit Juni 2009 lebt er in einer Unterkunft von Les Petits Riens und arbeitet hier. „Ich will aber richtig arbeiten und Geld verdienen“, sagt er und verabschiedet nebenbei freundlich einen anderen Kunden. „Natürlich kann ich verstehen, dass es hier Leute gibt, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben und erst daran gewöhnt werden müssen. Aber für Leute wie mich? Ich würde jede Arbeit machen. Nicht nur diese ‚Aktivitäten’ wie sie das hier nennen. Aber trotzdem bin ich schon froh, dass ich hier sein kann.“ Mit Aktivitäten meint er die Aufgabe am Eingang. Wer bei Les Petits Riens unterkommt, hat Kost und Logis frei und muss dafür bestimmte Aufgaben übernehmen.

Brüssel seit den 1930ern im Kampf gegen die Armut

Dieses System hat sich über die Jahre entwickelt. Angefangen hat es in den 1930er Jahren, als der Vikar Edouard Froidure Spielplätze für benachteiligte Kinder aufbaute und Kleider und Möbel sammelte, um sie an Mittellose weiterzugeben. 1937 gründete er in Brüssel das erste Wohnheim für obdachlose Männer, die dort nicht nur zusammen lebten, sondern sich auch ihre eigene Arbeit schafften: Sie sammelten Möbel und Kleider, um sie weiterzuverkaufen.

Die Idee von Froidure hat bis heute Bestand: „Unsere Aufgabe ist der Kampf gegen die Armut und die soziale Ausgrenzung in Belgien. Wir versuchen den Menschen, die sich an uns wenden, nachhaltige Lösungen vorzuschlagen“, fasst Geschäftsführer Julien Coppens die Mission der Organisation zusammen. Nach wie vor sammelt die Organisation Sach- und Geldspenden, verkauft gebrauchte Ware weiter und steckt die Erlöse in verschiedene Sozialprojekte, wie die Unterkünfte für Obdachlose. 120 Menschen können in einem Wohnheim in Brüssel untergebracht werden. Dazu kommen rund 20 Plätze für ehemalige Obdachlose, die in sozialen Wohnprojekten betreut werden. In den Geschäften in denen die Waren weiterverkauft werden arbeiten 170 reguläre Angestellte. Zudem gibt es etwa 120 weitere Mitarbeiter, die einen auf ein Jahr befristeten Vertrag haben und auf den Wiedereinstieg in den normalen Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. Ermöglicht werden die sozialen Projekte durch die viele Spender und nicht zuletzt die Kunden, die gebrauchte Waren in den Geschäften kaufen. „Etwa 60 Prozent der Kunden haben kein regelmäßiges Arbeitseinkommen“, schätzt Coppens. „Das sind entweder Arbeitslose, Studenten, Geringverdiener oder Rentner.“ Deren Motivation bei Les Petits Riens etwas zu kaufen, sei natürlich finanzieller Natur. Die anderen 40 Prozent haben ein normales Einkommen. „Sie kommen zu uns wegen der günstigen Preise, der Originalität des Angebots und dem Spaß daran, zu stöbern und etwas Besonderes zu finden.“

Krise hat Probleme verschlimmert, die vorher schon da waren

"L’Aire de Rien" - ein neues Sozialcafé“L’Aire de Rien” - ein neues Sozialcafé | Konzept in Saint-Gilles (Brüssel)Im ersten Stock gibt es Möbel: Esstische, Couchtische, Stühle, Sessel, Sofas. An manchen klebt ein Preisschild, auf einigen pappt schon ein „verkauft“-Aufkleber. An einem der Tische sitzt Bayram und dreht unaufhörlich Zigaretten. Fünf liegen schon vor ihm, die sechste ist gerade in Arbeit. Bayram trägt einen Blaumann und ein schwarzes Käppi, im März wird er 59. „Ja, ich arbeite hier“, sagt er. „Probleme mit der Familie und dann bin ich arbeitslos geworden.“

In der Nähe von Ankara in Anatolien geboren, kam er 1973 nach Belgien. „Ich habe immer gearbeitet - bis 2006.“ Die Arbeitslosigkeit habe ihn 2007 zum ersten Mal zu Les Petits Riens gebracht. Danach war er zwischenzeitlich in einem anderen Wohnheim und seit Juli 2009 lebt und arbeitet er wieder hier. Das sei schon eine Krise für ihn. „Aber ich bedaure nichts, ich bin zufrieden. Und von der Krise da draußen, da bekomme man hier drin eh nicht so viel mit. „Im Moment arbeite ich umsonst, aber das ist nicht schlimm.“ Er dreht weiter an einer Zigarette und hält noch einmal inne: „Eins fällt mir noch ein, wegen der Krise. Man darf jetzt nicht mehr drinnen rauchen“, sagt er und grinst über seine Brillengläser hinweg.

„Die Bewohner lernen hier zu arbeiten und andere zu respektieren“, erklärt Henri das Konzept. Der 49-Jährige arbeitet seit drei Jahren bei Les Petits Riens und ist für den ersten Stock verantwortlich. „Manchmal muss man auch einfach nur zuhören. Nicht nur den Bewohnern, die dort helfen, sondern auch Kunden, die hier etwas kaufen. Die brauchen manchmal einfach jemanden, der ihnen zuhört.“ Es sei schon etwas Besonderes, die Zusammenarbeit von Freiwilligen, Angestellten und Bewohnern. „Man muss das schon mögen“, findet Henri.

Auf die Verkäufe und die Spendenbereitschaft hat sich die Wirtschaftskrise nicht wesentlich ausgewirkt. Der Verkauf von Kleidung sei seit Mai 2009 um etwa fünf Prozent gefallen, sagt Geschäftsführer Coppens. „In den anderen Bereichen sind die Verkäufe stabil geblieben oder leicht gestiegen.“ Die Anfragen nach Unterkunft und Verpflegung steigen dagegen schon seit drei Jahren: „Die Krise hat Probleme verschlimmert, die vorher schon da waren“, sagt Coppens. Schwierig sei für den Verein vor allem die Unorganisiertheit der belgischen Politik mit ihren diversen Entscheidungsebenen für ein und dieselbe Sache und fehlende Investitionen im Sozialsystem. „Die Anhäufung der Probleme, denen sich unsere Bewohner gegenübersehen, machen eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft einfach immer schwieriger.“

Fotos: ©Stanislaw Jagiello; petitsriens.be/