Gesellschaft

"Legalisiert Drogen": Interview mit einem  Polizeibeamten a.D.

Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2014

Tom Lloyd hat in sei­nen drei­ßig Jah­ren bei der Po­li­zei aus nächs­ter Nähe mit­er­lebt, was Dro­gen an­rich­ten kön­nen. Sein Ur­teil ist ein­deu­tig: nicht die Dro­gen sind das Pro­blem, son­dern das Ge­setz. Jetzt setzt er sich in Cam­bridge für die Le­ga­li­sie­rung und Re­gu­lie­rung von Dro­gen ein.

Warum ist Tom Llyod so fest davon über­zeugt, dass Dro­gen le­ga­li­siert wer­den soll­ten? Weil er schon zu Be­ginn sei­ner Po­li­zei­kar­rie­re das Ge­fühl hatte, dass etwas schief lief. Er er­zählt mir, wie Dro­gen­süch­ti­ge „​in einen Raum vol­ler Ma­trat­zen ge­wor­fen wur­den. „The Pit" (die Falle, Anm. der Red.) hieß die­ser Ort. So­bald sie wie­der auf den Bei­nen waren, wur­den sie ohne wei­te­re Hil­fe­stel­lung oder Nach­be­hand­lung vor die Tür ge­setzt." Die meis­ten Dro­gen­süch­ti­gen hät­ten ernst­zu­neh­men­de Trau­ma­ta er­lebt, meint Lloyd: „Ir­gend­et­was ist im Leben die­ser Men­schen schief ge­gan­gen. Ihnen dafür die Schuld zu geben, ist ein völ­lig fal­scher An­satz. Man soll­te eher ver­su­chen, ihnen aus der schwie­ri­gen Le­bens­lage zu hel­fen. Das wäre auch für die ganze Ge­sell­schaft ein bes­se­rer An­satz­punkt. Und diese Art von In­ter­ven­ti­on kos­tet we­sent­lich we­ni­ger."

Und was ist mit den Frei­zeit­kon­su­men­ten, die zur Ent­span­nung Can­na­bis rau­chen oder bei Par­ties Pil­len neh­men? „Die meis­ten Dro­gen­kon­su­men­ten haben kein wirk­li­ches Pro­blem", er­klärt Llyod, „wenn du al­ler­dings tat­säch­lich ein Dro­gen­pro­blem hast, ist eine Ver­haf­tung und straf­recht­li­che Ver­fol­gung genau das, was du nicht brauchst. Und wenn du kein Dro­gen­pro­blem hast, ist eine Ver­haf­tung und straf­recht­li­che Ver­fol­gung auch genau das, was du nicht brauchst." Diese Aus­sa­ge bringt es genau auf den Punkt. Warum sehen das nicht alle Men­schen so? Llyod macht die Angst­ma­che­rei durch die Me­di­en dafür ver­ant­wort­lich. „Un­se­re emo­tio­na­le Angst vor Dro­gen und dem, was sie an­rich­ten, weckt bei uns ein völ­lig ir­ra­tio­na­les Ver­hal­ten."

Ma­ri­hua­na ist nur gold wert, weil es ver­bo­ten ist.

Sucht­mit­tel­ge­set­ze sol­len die Men­schen vor Dro­gen schüt­zen. Llyod meint al­ler­dings, dass die Rea­li­tät an­ders aus­sieht: diese Ge­set­ze set­zen Men­schen grö­ße­ren Ge­fah­ren aus. Ein Dro­gen­ver­bot be­deu­tet für den Staat keine Dro­gen­kon­trol­le, son­dern min­dert die Kon­troll­mög­lich­kei­ten. Men­schen ster­ben nicht an Ec­sta­sy, son­dern an den von skru­pel­lo­sen Ver­bre­chern hin­zu­ge­füg­ten, ver­schmutz­ten Sub­stan­zen.

Wir spre­chen auch über die zu­neh­men­de Ver­brei­tung der so­ge­nann­ten„​le­gal-highs", die in Groß­bri­tan­ni­en im Jahr 2012 für den Tod von 52 Men­schen ver­ant­wort­lich ge­macht wur­den. „Es ist wie beim Schnee­ball­ef­fekt", sagt Llyod, „an­statt zu re­la­tiv harm­lo­sen Dro­gen wie MDMA und Can­na­bis zu grei­fen, neh­men sie diese un­be­kann­ten, sehr ge­fähr­li­chen Sub­stan­zen." Ich frage ihn, ob an jedem Dro­gen­to­ten letztendlich die Re­gie­rung schuld sei? „Das ist viel­leicht ein biss­chen krass aus­ge­drückt. Die Frage ist, ob die über tau­send To­des­fäl­le, die di­rekt im Zu­sam­men­hang mit einer Über­do­sis an He­ro­in, Me­tha­don oder an­de­ren Dro­gen ste­hen, ver­mie­den wer­den kön­nen? Die Ant­wort dar­auf ist: Ja! Jeder Ein­zel­ne davon."

Ein Ar­gu­ment wird Lloyd stän­dig ent­ge­gen­ge­hal­ten, näm­lich dass die Le­ga­li­sie­rung von Dro­gen mehr Men­schen zum Kon­sum an­stif­ten würde. Er weist die­ses Ar­gu­ment zu­rück und spricht vom Bei­spiel Por­tu­gal, wo die Zahl der Dro­gen­ko­sumen­ten zehn Jahre nach der Ent­kri­mi­na­li­sie­rung um die Hälf­te ge­sun­ken ist. Llyod meint, dass das Ar­gu­ment des stei­gen­den Ko­sums völ­lig am Thema vor­bei geht. „Der Fokus soll­te auf der Be­kämp­fung der „schlech­ten" Dro­gen und nicht auf der Markt­be­gren­zung lie­gen. In mei­nen Augen kann man einen il­le­ga­len Markt nicht nach­hal­tig be­kämp­fen, weil die Prei­se eben durch die Il­le­ga­li­tät künst­lich in die Höhe ge­trie­ben wer­den. Ma­ri­hua­na ist ei­gent­lich Un­kraut. Es ist nur des­halb Gold wert, weil es ver­bo­ten ist." Als er ins grüne Cam­bridge ge­zo­gen ist - diese ver­träum­te klei­ne Stadt mit tau­send Türm­chen - hat Llyod nicht damit ge­rech­net, mit dem Kon­sum von har­ten Dro­gen kon­fron­tiert zu wer­den. Aber an einem ein­zi­gen Tag wur­den sie­ben Crack-Dea­ler ver­haf­tet. Der ge­wal­ti­ge fi­nan­zi­el­le An­reiz, ge­schaf­fen durch den il­le­ga­len Markt, ist heute der Grund dafür, dass sich Dro­gen­kon­sum wie ein Lauf­feu­er ver­brei­tet.

Die Brutalsten, korruptesten Gangs gedeihen

Die Po­li­zei muss Re­sul­ta­te in Form von Zah­len brin­gen und ver­haf­tet des­halb vor­zugs­wei­se harmlose, leicht zu schnap­pen­de klei­ne Dro­gen­dea­ler - die tief hän­gen­den Frücht­chen. Wei­ter oben wach­sen die skru­pel­lo­sen Dea­ler in aller Ruhe weit

er. Es ist eine Art Wirt­schafts­dar­wi­nis­mus, „wo das Ge­setz die bru­tals­ten, kor­rup­tes­ten und ge­fähr­lichs­ten Gangs ge­dei­hen läßt." Harm­lo­se Dro­gen­kon­su­men­ten sind oft die Opfer des Ge­set­zes. Llyod er­zählt mir, wie Po­li­zei­be­am­ten klei­ne Can­na­bis-Pflan­zen be­schlag­nah­men und ihre Be­sit­zer ver­haf­ten, die oft nur freund­li­che Hip­pies sind. Die Pflan­zen wür­den auf den Fens­ter­bret­tern der Po­li­zei­wa­che ge­hegt und ge­gos­sen wer­den, bis sie blü­hen, um vor Ge­richt als Be­weis­mit­tel zu die­nen. Das Ab­schre­ckungs­mit­tel Ge­rich­t schreckt nie­man­den wirk­lich ab. Es be­fleckt viel­mehr das sonst oft ta­del­lo­se Leben der harm­lo­sen Klein­kon­su­men­ten, schließt ihn aus dem Ar­beits­markt aus und kann sie auf lange Sicht in echte Kri­mi­na­li­tät trei­ben. Wenn man es rich­tig be­trach­tet, stellt die straf­recht­li­che Ver­fol­gung von Dro­gen­kon­su­men­ten für Kleinkonsumenten eine grö­ße­re Be­dro­hung dar, als die Dro­gen selbst.

„Die Re­gie­rung hat nicht den Dro­gen den Krieg er­klärt, son­dern der Be­völ­ke­rung", meint Lloyd. An­ders als bei an­de­ren Krie­gen setzt die Re­gie­rung auf kos­ten­auf­wän­di­ge Zer­mür­bung. Wer hart gegen Dro­gen vor­geht, hat gute Chan­cen bei den nächs­ten Wah­len. Der Krieg muss wei­ter­ge­hen. Eine Stu­die des Ver­eins Trans­form zeigt, dass der Kampf gegen Dro­gen dem bri­ti­schen Staat jähr­lich 16.75 Mrd. £ kos­tet. Sollte darüber nachgedacht werden? Nicht in den Augen der Po­li­ti­ker. Die weh­ren sich seit über zehn Jah­ren gegen eine Kos­ten­ana­ly­se. LauffeuerLauffeueDer Man­gel an Stu­di­en ist be­ab­sich­tigt", sagt mir Lloyd, „weil die Re­gie­rung mit die­sen Stu­di­en zu­min­dest aus fi­nan­zi­el­ler Sicht zu­ge­ben müss­te, wie in­ef­fi­zi­ent die ge­gen­wär­ti­ge Straf­ver­fol­gungs­po­li­tik ist." Sie sehen die im Dro­gen­krieg ver­puff­ten Mil­li­ar­den als PR-Aus­ga­ben, statt in sinnvolle Drogen-Pro­jekt investiert zu werden.

„Diese Plei­te der Ver­bots­po­li­tik gilt für die gan­ze Welt", meint Lloyd vol­ler Emo­ti­on, „Es ist eine Miß­ach­tung der Men­schen­rech­te." Aber Ver­än­de­run­gen sind mög­lich. Als Por­tu­gal, die Tsche­chi­sche Re­pu­blik, Uru­gu­ay, Co­lo­ra­do und Wa­shing­ton ihre Dro­gen­ge­set­ze re­for­miert haben, ging eine Welle der Em­pö­rung und der Angst duch die Me­di­en und Par­la­men­te der Welt. „Es wird wie­der pas­sie­ren", sagt Lloyd, „Ver­än­de­run­gen sind auf dem Vor­marsch, wir haben die Kraft dafür". „Der Dro­gen­krieg" - vor kur­zem noch ein un­an­tast­ba­res Dogma, ist heute ein of­fe­nes Dis­kus­si­ons­the­ma.

Das In­ter­view in vol­ler Länge gibt es auf Eng­lisch HIER zu lesen.