Gesellschaft

Krokodilstränen der Manager: von der Finanz- zur Nervenkrise

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2008
In Europa gehen Schreckgespenster um: die krisengeschüttelten Manager. Privilegiert, überbezahlt und verwöhnt? Von wegen, erwidern sie: Die Wirtschaftskrise hat sie eiskalt erwischt.

„Supermanager? Ach was!“, wehren sich die Berufsverbände. Unter dem Weihnachtsbaum werden sie ©Gianluca Constantiniweniger - bis gar keinen - Bonus und mehr Stress vorfinden, weniger Luxuskarossen und mehr Sitzungen beim Psychotherapeuten. Das Hauptargument auf der Tagesordnung ist immer dasselbe: die Krise. Und vor dieser Krise versuchen sich die Manager zu schützen. Die einen rebellieren, die anderen wenden sich an Spezialisten. Aber alle wollen der Welt mitteilen, dass auch sie - die sehr oder relativ reichen Manager - Tränen vergießen.

Von der Limo zur Tupperware

Wenn man die Zahlen sieht, scheint im Euroland niemand von der Krise verschont zu werden, auch nicht die Manager. Einer kürzlich veröffentlichten Studie des italienischen Statistikinstituts ISTAT zufolge, teilen sich die Manager in Italien mit den Hausfrauen Platz eins der am stressgeplagtesten Berufsgruppe, wobei die Krise mit Kündigungen und Konsumrückgang die Situation noch verschlimmert. Laut dem Berufsverband Manageritalia, der 33.000 italienische Führungskräfte vertritt, hat die Arbeitslosigkeit der Manager 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 15% zugenommen. Rund 58% der Befragten sind gezwungen, ihren Konsum zu zügeln, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Ergebnisse einer Untersuchung von Associazione Donne e qualità della vita („Verband für Frauen und Lebensqualität“) haben ergeben, dass eine progressive Verarmung sich auch auf die Nahrungsgewohnheiten auswirkt. Das „Syndrom Arbeitslosigkeit“ hat zur Folge, dass sogar die Manager auf die proletarischen Tupperware-Behälter zurückgreifen. Immerhin 25% haben nämlich erklärt, dass sie ihr Mittagsessen von zu Hause mitnehmen.

Auch in Frankreich ist die Situation für die Führungskräfte nicht rosig. Laut einer Befragung von Viavoice befürchten neun von zehn Managern eine Zunahme der Arbeitslosigkeit. Ein Drittel rechnet mit einer Verschlimmerung der Wirtschaftslage. Mit der Armut in Lauerstellung steigt der Stress, der sowieso schon hoch ist, ins Unermessliche, wie die Befragung durch hereisthecity.com, eine Seite für Finanzexperten, ergab. 70% der Befragten erklärten jetzt stressgeplagter als noch vor sechs Monaten zu sein. 69% gaben zu, Anzeichen von Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeit und Apathie zu haben, wobei sich 30% wehrlos gegenüber diesen Symptomen fühlen.

In England erholen sich Manager, die am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen, (nur die Supermanager, weil die Behandlung satte 20.000 Euro pro Woche kostet) im Causeway Retreat, einer Klinik in der Nähe von London. In Italien trösten sich die weniger Reichen mit dem, was sie sich leisten können: Die einen mit „Manager-Zen-Stunden” im Ascom in Bergamo, die anderen, die laut einer Umfrage der Organisation Help me immerhin 30% ausmachen, mit dem Gebet.

Der Open Space bringt mich noch um

©Editions VuibertObwohl die Manager europaweit leiden, hat sich das Unbehagen nur in Frankreich zu einem lauten Hilfeschrei in den Medien entwickelt, der klarmacht, wie schwierig diese Arbeit mal abgesehen von der derzeitigen Krise ist. Die beiden Soziologen David Courpasson und Jean-Claude Thoenig haben in ihrem Buch Quand les cadres se rebellent die raffinierten Formen des Widerstandes der Führungskräfte gegen ihre Firmen analysiert. Dabei haben sie Personal „mit hohem Potential“ von großen Unternehmen interviewt und festgestellt, dass „die Manager viel öfter rebellieren, als man sich vorstellt, und die Unternehmen daran erinnern, dass ihre Privatsphäre nicht verletzt werden darf.“ Die „Rebellen“ lehnen Beförderungen ab, kündigen, suchen sich eine No Profit-Tätigkeit, und dies alles, um nicht dem Diktat des Managements unterworfen zu sein.

©Editions Hachette LittératuresAuch Alexandre des Isnards und Thomas Zuber - ehemalige Studenten an der namhaften Universität Sciences Po in Paris und heute Unternehmensberater in den Dreißigern - können dies nur bestätigen. In L’open space m’a tuer kritisieren sie die Kontrolle, die sich hinter den „lockeren“ Formen des Management versteckt. Man duzt sich, man arbeitet in Open Spaces, wo es anscheinend keine Kontrolle von oben gibt, und schmeißt nur so mit englischen Wörtern wie „forwarden“, „timesheet“ und „brief“ um sich. Alles nur Schein: Den Druck gibt es trotzdem, aber er wird in Form einer „Diktatur des Humors und der Geselligkeit“ präsentiert, wie die Autoren in der Ausgabe des Nouvel Observateur vom 2.Oktober 2008 erklärten.

Wenn man das Leserforum liest, merkt man, dass die Autoren mit ihrem Buch voll ins Schwarze getroffen haben. Nathalie gesteht: „Ich arbeite seit zwei Jahren in einem Open Space und ich habe die Schnauze voll von diesem engen Kontakt. Es herrscht immer Chaos und die Folge ist Stress.“ „In einem Open Space tätig zu sein ist wie zu Zeiten von Zola zu arbeiten!“, so Mathilde, während Leute wie Bruno gar damit drohen, sie in Flammen zu setzen, weil „wir heute vor unseren Computern wie die Arbeiterinnen in der Textilindustrie im 19. Jahrhundert, die vor ihren Nähmaschinen saßen, sind.“ Manager auf der ganzen Welt, vereint euch und beginnt eure Samtene Revolution auf Facebook: Die Gruppe 'L’open space m’a tué' zählt bereits 884 Mitglieder.