Gesellschaft

Kroatische Studis sagen „Europa wird uns nicht retten“

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2012
Ein Jahr vor dem Beitritt zur Europäischen Union sehen junge Kroaten ihrer beruflichen Zukunft skeptisch entgegen.

Es sind die letzten Tage vor den Schulferien in Kroatien. Auf dem zentralen Ban-Jelačić-Platz ist eine große Bühne aufgebaut, auf der kleine Mädchen mit grünen Schleifen im Haar Kinderlieder singen. Die größeren Schüler präsentieren stolz eigene Modekreationen, extravagante Kleider aus CDs oder Knöpfen. Andere tanzen komplizierte Choreographien zu dem längst veralteten Hit „Gangstas Paradise“ von Coolio. Eltern fotografieren, Lehrer bieten Getränke an, die Stimmung ist gelöst. Doch wie geht es für die Jugendlichen weiter, die ihren Schulabschluss in einigen Tagen in der Hand halten werden?

7 staatliche Universitäten, 13 Fachhochschulen und 28 private Berufsfachhochschulen – zahlreiche Studienmöglichkeiten in einem Land von 4,3 Millionen Einwohnern. Nachdem die kroatische Regierung 2001 die Bolognareform unterzeichnete, befindet sich das Land in umfassenden Reformen für die höhere Ausbildung, um sich den EU-Standards anzugleichen. Das Institute for Higher Education achtet seitdem auf die Qualität des Unterrichts, transparente Hochschulpolitik und den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, inklusive großzügige Stipendienprogramme.

Eine ideale Situation für junge Kroaten? „Die Universitäten produzieren hoch qualifizierte junge Arbeitskräfte wie am Fließband, doch einen Job bekommen danach die wenigsten“ berichtet der 25-jährige Matija, ein langhaariger Student der Informationswissenschaften. Die Rechnung geht so: Zu viele Universitäten plus wenig Gebühren und Stipendienprogramme ergibt zu viele Absolventen für zu wenige qualifizierte Jobs.

Laut dem Kroatischen Amt für Beschäftigung HZZ lag die Jugendarbeitslosigkeit2011 bei 45%. Zudem sehen sich 47% der kroatischen Hochschulabgänger zunächst gezwungen, einen Job in einer anderen Branche anzunehmen. Matija sieht die Jobperspektiven trotzdem gelassen. „Ich sehe meine Zukunft nicht so düster. Wir werden sehen, was passiert“ sagt er, während er sich eine Zigarette dreht. Gerade hat er einen Nebenjob als Bibliothekar ergattert, durch den er praktische Berufserfahrung auf seinem Gebiet sammeln kann.

Berufserfahrung: ein Zauberwort, das durch alle Gespräche über die Jobsituation in Kroatien geistert. Auch hier scheint es eine Rechnung – oder eher einen Teufelskreis – zu geben: Ohne Berufserfahrung – keinen Job. Ohne Job – keine Berufserfahrung. Eine Hürde, die auch andere europäische Berufsanfänger überwinden müssen - meist mithilfe schlecht bezahlter Praktika. In Kroatien helfen dabei persönliche Kontakte und Beziehungen.

Berufspraxis plus Vitamin B = Job?

„Manche Arbeitgeber stellen nur Arbeitnehmer ein, die sie kennen. Nachbarn, Schulfreunde, Familienmitglieder“, beschwert sich Klara (28). „Oft wird nicht nach Qualifikationen und Kompetenzen, sondern nach Bekanntheitsgrad mit dem Chef entschieden.“ Die Übersetzerin hat einen bezahlten Praktikumsplatz am Europäischen Rechnungshof in Luxemburg gefunden. Zusätzlich absolviert sie einen Master in Wirtschaftswissenschaften, der ihr weitere Qualifikationen bringen soll. Klara sieht ihre berufliche Perspektive im Ausland. Als Übersetzerin für Kroatisch und Französisch hat sie in den europäischen Institutionen gute Chancen, zumal der kroatische Beitritt kurz bevor steht. Dass sie eine anonyme Aufnahmeprüfung mit allen anderen Bewerbern durchlaufen muss, damit aus dem Praktikum ein Job wird, findet sie gerecht. Dass kroatische Arbeitgeber keine Unbekannten einstellen, könnte ihrer Meinung nach daran liegen, dass das gegenseitige Vertrauen seit den Balkan-Kriegen stark gesunken ist.

Der lange Kampf um einen Job hinterlässt Spuren

Eine Theorie, die sich wissenschaftlich nicht belegen lässt, aber eine Stimmung, die sich in den Gesprächen wiederfindet. Die quirlige Margita (35) mit den langen lila-blau lackierten Fingernägeln beklagt den Vertrauensverlust, der sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirke. Sie hat die Hoffnung aufgegeben, jemals in ihrem erlernten Beruf als Gesundheitstechnikerin zu arbeiten. Im Jahr 2000 hat sie ihren Abschluss gemacht und seitdem als Verkäuferin, Stewardess auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen und für die Allianzversicherung gearbeitet.

„Ich kämpfe schon so lange, ich bin müde. Ich habe keinen Mann und keine Kinder, weil ich keine Zeit, keinen Raum und auch kein Geld für eine Familie hatte.“ Der lange Kampf um einen Job und eine Perspektive im Leben hinterlässt Spuren. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass noch mehr in mir steckt, dass ich noch mehr geben könnte, aber ich kann es nicht rauslassen.“ Sie kennt Freunde, die in eine politische Partei eingetreten sind – nur der Kontakte wegen. Für sie komme das aber nicht in Frage.

Gutgemeinte politische Maßnahmen werden der komplexen Situation nicht gerecht

Dass junge hoch qualifizierte Kroaten keinen Job finden, hat inzwischen auch die Regierung kapiert. Arbeitsminister Mirando Mrsic schlug im April dieses Jahres ein Job-Programm vor, das es jungen Absolventen erleichtern soll, erste Arbeitserfahrung zu sammeln. Sie sollen u.a. in der öffentlichen Verwaltung, aber auch in privaten Firmen arbeiten. Die Sozialabgaben werden vom Staat bezahlt. Das Honorar fällt mit 220 Euro pro Monat eher mager aus, wenn man bedenkt, dass ein Netto-Durchschnittsgehalt laut dem Kroatischen Statistikinstitut bei 5,499 HRK (917 Euro/ März 2012) liegt. Ein Vorschlag, der in den kroatischen Medien hohe Wellen der Entrüstung ausgelöst hat. „Einen Witz“, nennt Journalistin Ana (27) dieses Programm, denn die Absolventen werden als Praktikanten eingestellt, die man nach einem Jahr nicht – wie erhofft – einstellt, sondern durch den nächsten billigen Absolventen austauscht.

Kann der EU-Beitritt im Juli 2013 etwas an der verfahrenen Situation ändern? Auf dem Campus der Universität, wo Studenten von außerhalb auch am Wochenende Mittagessen bekommen, ist man skeptisch: „Die Europäische Union wird uns nicht retten“, sagt Matija. „Wir sind ein junges Land, sind erst seit zwanzig Jahren eine Demokratie, und noch zu sehr mit uns selbst beschäftigt“, bringt Petra ein. „Kroatien hat so lange um seine Unabhängigkeit gekämpft. Jetzt wollen wir uns nicht schon wieder in eine politische und wirtschaftliche Abhängigkeit begeben.“ Ana: „Das Vertrauen in die Stabilität der Europäischen Union ist seit der Finanzkrise stark gesunken. Wer kann garantieren, dass mit Kroatien nicht das gleiche wie mit Griechenland passiert? Auf der anderen Seite: Wir brauchen wirtschaftliche Investitionen und die Öffnung zum Reisen und Studieren. Ohne die Europäische Union fallen wir zusammen wie ein Kartenhaus.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 Orient Express Reporter II, ein Austauschprojekt zwischen jungen Journalisten aus Europa und vom Balkan.

Fotos: Teaser (cc)Pliketi Plok/ flickr/ pliketiplok.com/nedjelja; ©Julien Faure Photo für Orient Express Reporter II von cafebabel.com