Gesellschaft

Kremena Budinova: Wie das Land, So die Roma

Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 9. Juli 2014

Kremena Budinova ist eine bulgarische Journalistin mit Roma-Wurzeln und einer langen Karriere im Fernsehen, in den Printmedien und im Radio. Kremena wurde im Stadtviertel Fakulteta in Sofia geboren und verlor mit 14 Jahren ihr Augenlicht. Sie bewies allen, auch ihr selber, dass es für eine blinde Person, die wegen ihrer Ethnizität stereotypisiert wird, möglich ist, FernsehreporterIn zu werden.

„Es gibt kein Ghet­to in Bul­ga­ri­en, das ich nicht be­sucht habe", sagt Kre­me­na Bu­di­no­va, nach­dem sie mich in ihrem Haus herz­lich be­grüßt und in den groß­zü­gi­gen Gar­ten ge­führt hat.  Kre­me­na und ihr Sohn haben das neue Zu­hau­se, wel­ches an dem einen Ende des Fa­kul­te­ta-Vier­tels in Sofia liegt, sel­ber ge­baut und ein­ge­rich­tet.

„Meine Mama hat das ge­macht", sagt der 13-jäh­ri­ge Ognyan Bu­di­nov, als er auf das Mau­er­werk, das aus sym­me­trisch an­ge­ord­ne­ten, run­den Stei­nen ge­baut wurde, zeigt. Das ist umso be­ein­dru­cken­der, wenn man be­denkt, dass diese Frau seh­be­hin­dert ist. Vor ei­ni­ger Zeit kam Arte nach Bul­ga­ri­en, um einen Film über Kre­me­na zu dre­hen und den Haus­bau zu do­ku­men­tie­ren.

Kre­me­na mag keine Ste­reo­ty­pen und be­kämpft sie hef­tig. „De­fi­ni­tio­nen sind il­lu­so­risch, ich per­sön­lich habe keine De­fi­ni­ti­on für mich sel­ber", sagt sie, wenn sie dar­über ge­fragt wird, wie sie sich sel­ber de­fi­nie­re. „Ich be­rich­te seit 17 Jah­ren über die­ses Thema. Davor ar­bei­te­te ich als Pu­bli­zis­tin über ver­schie­dens­te The­men, aber un­glück­li­cher­wei­se werde ich als 'Ro­ma-Jour­na­lis­tin' an­statt 'Jour­na­lis­tin' be­zeich­net. Dies steckt mich in eine Schub­la­de."

Fakul­teta

Wie das Land, so die Roma", hebt Kre­me­na her­vor, wenn sie heik­le The­men wie den Man­gel an Bil­dung und Ar­beit an­spricht. Sie er­zählt mir, dass sich in Fa­kul­te­ta seit Jah­ren nichts ge­än­dert habe und wie die be­acht­li­chen Geld­be­trä­ge, die von den EU-In­sti­tu­tio­nen be­reit­ge­stellt wur­den, ver­schwun­den seien. Kre­me­na rich­tet ihre Kri­tik so­wohl an die Roma, als auch an die staat­li­che Po­li­tik. Die Men­schen in der Nach­bar­schaft wis­sen aus­wen­dig, wie viel jede ein­zel­ne po­li­ti­sche Par­tei ihnen be­zahlt, damit sie bei Wah­len für sie stim­men.

In­mit­ten un­se­res Ge­sprächs schmet­tert laute Musik von einem Ton­band. Kre­me­na und ich tau­schen Bli­cke aus (ich habe rea­li­siert, dass das auch mit einer seh­be­hin­der­ten Per­son ge­sche­hen kann). Un­weit von dem Haus steht ein mehr­stö­cki­ges, wei­ßes Ge­bäu­de, aus dem Mu­sik­wel­len jeden Abend die be­nach­bar­ten Well­blech­hüt­ten über­flu­ten. Ein Junge aus der Nach­bar­schaft er­klärt: „Das ist ein Re­stau­rant, manch­mal eine Disko", und alles drin­nen „dort ist aus Gold ge­macht". Fa­kul­te­ta, mit einer Be­völ­ke­rung von 45.000 Men­schen, ist ein Vier­tel vol­ler Kon­tras­te.

Fal­sche Ste­reo­ty­pen

Das Haus hat einen groß­zü­gi­gen Gar­ten mit Ro­sen­bü­schen und blü­hen­den Bäu­men. Kre­me­na sagt, dass die Roma üb­li­cher­wei­se keine Gär­ten um ihre Häu­ser mögen, son­dern es be­vor­zug­ten, wenn die Hin­ter­hö­fe ze­men­tiert seien, was so­zio-kul­tu­rell als Zei­chen für Sau­ber­keit an­er­kannt sei. Wenn sie über die zu­meist fal­schen Ste­reo­ty­pen über die Ro­ma-Ge­mein­schaft ge­fragt wird, be­ginnt sie auf­zu­zäh­len. „Kin­der: die Leute glau­ben, dass Roma nur wegen der So­zi­al­hil­fe Kin­der be­kom­men. Nun, das stimmt nicht. Wie sol­len sie sich mit die­sen 35 BGN (Bul­ga­ri­sche Lev - Anm. der Re­dak­tion) er­näh­ren? Die Roma lie­ben es, wenn ihr Haus vol­ler Kin­der, vol­ler Freu­de ist, das ist in ihrer Kul­tur. Al­ler­dings haben Roma wegen der Krise we­ni­ger Kin­der be­kom­men."

Kre­me­na er­klärt uns, dass dersel­be Trend, der bei der rest­li­chen bul­ga­ri­schen Be­völ­ke­rung auf­gezeigt wer­den kann, auch auf die Ro­ma-Min­der­heit zu­trifft: in­ten­si­ve Im­mi­gra­ti­on in die Haupt­stadt und Ver­ar­mung au­ßer­halb von ihr.

„Es gibt keine grö­ße­ren Pa­trio­ten als die Zi­geu­ner", fügt Kre­me­na hinzu, als sie sagt, dass Roma nor­ma­ler­wei­se nicht emi­grie­ren wür­den, außer bei gro­ßer öko­no­mi­scher Not­wen­dig­keit. Als sie über die An­zahl der Roma in Bul­ga­ri­en ge­fragt wird, ant­wor­tet sie, dass das Thema an sich ge­fähr­lich sei, da es „so­zia­le Span­nun­gen" kre­iere. Gemäß ihren An­ga­ben über­steigt die An­zahl der Roma 800.000 Men­schen.

Un­ter­stüt­zung

Sen­dungen über Ro­ma-An­ge­le­gen­hei­ten wur­den schon immer ex­ter­n pro­du­ziert, was heißt, dass Kre­me­na ihr Aus­kom­men da­durch ver­diente, stän­dig neue Spen­der zu su­chen. NGOs haben ihr die stärks­te Un­ter­stüt­zung ge­ge­ben, das BNT (Bul­ga­ri­sches Na­tio­nal­fern­se­hen, An­mer­kung d. Re­dak­tion) ge­währt ihr le­dig­lich ein wenig Sen­de­zeit. An der Preis­ver­lei­hung in Ber­lin hat Kre­me­na von ihren aus­län­di­schen Kol­le­gen er­fah­ren, dass sol­che Sen­dun­gen in an­de­ren EU-Län­dern volle Un­ter­stüt­zung von den Na­tio­nal­fern­se­hen ge­nieß­en.

Mo­men­tan war­tet Kre­me­na auf Ant­worten von ei­ni­gen Stel­len, bei denen sie Fi­nan­zie­rungs­mit­tel be­an­tragt hat. Trotz der Un­si­cher­heit fühlt sie sich dank­bar für ihre Kar­rie­re und ihr Leben. Am Ende un­se­res Ge­sprächs zeigt sie mir die knos­pen­den Ro­sen­bü­sche im Gar­ten sowie ihren Hund, der an­statt mich an­zu­knur­ren, freund­lich mit dem Schwanz we­delt, wenn er Leute ken­nen­lernt.

Bi­og­ra­phie:

Kre­me­na Bu­di­no­va ist eine bul­ga­ri­sche Jour­na­lis­tin mit Ro­ma-Wur­zeln. Sie hat eine lan­ge Kar­rie­re im Fern­se­hen, in den Print­me­di­en und im Radio hinter sich. Sie wurde im Fa­kul­te­ta-Vier­tel in der Haupt­stadt Sofia, wel­ches vor­wie­gend von Roma be­wohnt wird, ge­bo­ren. Kre­me­na ver­lor im Alter von 14 Jah­ren ihr Au­gen­licht. Spä­ter, ob­wohl sie phy­si­sche Schwie­rig­kei­ten mit der Vor­be­rei­tung auf Prü­fun­gen hatte, er­hielt sie 1993 an der Uni­ver­si­tät eine der besten Noten bei der Auf­nah­me­prü­fung für Li­te­ra­tur. Wäh­rend sie Bul­ga­ri­sche Phi­lo­lo­gie und Jour­na­lis­mus stu­dier­te, ar­bei­te­te sie für meh­re­re Me­di­en. Kre­me­na be­wies (auch sich sel­bst), dass es für eine blin­de Per­son mög­lich ist, Fern­seh­re­por­terIn zu wer­den, ob­wohl sie zu­sätz­lich durch Vorurteile wegen ihrer Herkunft her­aus­ge­for­dert wurde. Ihre Ar­beit in Bezug auf die Ro­ma-Min­der­heit be­gann 1997 mit dem Ro­ma­no Dun­yas"-Pro­gramm auf TV7, wel­ches spä­ter zum bul­ga­ri­schen Na­tio­nal­fern­se­hen unter dem Namen Die Welt der Roma" wechselte. In der Folge kam das Format 2011 unter die Fe­der­füh­rung der Do­ku­men­tar­se­n­dung Klei­ne Ge­schich­ten". Kre­me­na er­leb­te ihre här­tes­te Zeit, als sie 2012 vor­über­ge­hend ihre Ar­beits­stel­le ver­lor. Sie fand da­nach zwar eine Fi­nan­zie­rung für das Pro­jekt, aber noch heute be­geg­net sie fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, um das Pro­gramm auf Sen­dung zu hal­ten. Im Mai 2014 wur­den Kre­me­na und der Do­ku­men­tar­film-Re­gis­seur Sve­tos­lav Dra­ga­nov mit dem CIVIS Me­di­en­preis  in Ber­lin aus­ge­zeich­net.