Gesellschaft

Krakauer Studentinnen proben den Krieg

Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2016

In der Akademischen Legion von Krakau, ähnlich wie in vielen anderen polnischen Gemeinden, trainieren junge Polen den Umgang mit Waffen. Auch Frauen wollen zunehmend für den Ernstfall gerüstet sein.

Es ist ein mulmiges Gefühl, mit dem wir an diesem nasskalten Novembernachmittag in den kleinen Waldweg einbiegen. Unsere Schritte werden von dumpfen Detonationen begleitet, die im Abstand von wenigen Minuten ertönen und langsam näherkommen. Die Attentate in Paris sind gerade wenige Tage her. Logisch also, dass eine derartige Geräuschkulisse Gänsehaut verursacht.

Irgendwann zeichnet sich eine kleine Gruppe in Tarnkleidung ab. Die volle Montur: da gibt es Strumpfmasken, Soldatenhelme und Headsets, polnische Embleme auf Uniformen und Munitionsgürtel. Krass, stünde der Termin nicht, hätte ich richtig Muffensausen. Aus der Entfernung sieht das hier nach einem ziemlich freakigen Grüppchen aus.

Als wir uns nähern, schieben einige von ihnen ihre Schals über die Nase. Andere setzen ihre Masken auf, sie wollen unerkannt bleiben. Für kurze Zeit fühlen wir uns wie Eindringlinge. Wir sind in keinem Land, in dem gerade Krieg herrscht, sondern in Polen, in einem Waldstück unweit von Krakau. „Du hättest kurz anrufen können“, sagt Piotr Wilczyński (32), der Trainer der Gruppe, schroff und weist uns an, bestimmte Teilnehmer nicht zu fotografieren. Es seien heute auch Mitglieder des polnischen Sicherheitsdienstes hier. Deshalb.

Geschätzt 25 junge Menschen, darunter 6 Frauen, sind heute zum Outdoor-Training der Legia Akademicka (Akademischen Legion) gekommen, das bereits seit den frühen Morgenstunden läuft. Die Neuankömmlinge wollen lernen, wie man im Extremfall Waffen bedient, sich selbst und sein Vaterland verteidigt. Dafür haben sie heute mit verschiedenen Waffen hantiert, Granaten zünden gelernt und in kleinen Gruppen in dem mit Graffiti übersäten verlassenen Gebäude gegeneinander 'Krieg geprobt'. Und obendrein dafür bezahlt: Der theoretische Teil kostet 5 Zloty, wenn Waffen und Schießtraining ins Spiel kommen, zahlen 'Legionäre' 75, Nichtvereinsmitglieder sogar 90 Zloty. In den letzten Jahren sind auch immer mehr junge polnische Frauen an solchen Gruppenübungen für zivile Verteidigung interessiert.

Liegestütze und lila Fingernägel

Dominika ist eine von ihnen. Sie ist gerade 19 und studiert im ersten Jahr 'Nationale Verteidigung' an der Jagielloński-Universität in Krakau. Über Freunde habe sie vom Training der Legia gehört. Die junge Polin trägt einen lachsfarbenen Mantel und einen dicken schwarzen Wollschal über ihrer Uniform. „Es ist wichtig für Frauen, die eigene Sicherheit gewährleisten zu können“, sagt sie. „Wer weiß schon, ob vielleicht irgendwann wieder Krieg sein wird.“

Laut einer Studie des Fernsehsenders TVN24 aus dem Jahr 2015 ist Dominika längst nicht die einzige, die so denkt. 39 Prozent der Polen befürchten, es könne bald zu einem neuen Krieg im Land kommen. 49 Prozent meinen sogar, dass die internationale Community in einem solchen Fall nicht für Polen eintreten würde.

Seit den Ukraine-Konflikten mit Russland haben sich in Polen zunehmend Bürger formiert, um ihr Land in Heimatschutzvereinen zu verteidigen. Zwischen 30- und 40 000 Polen und Polinnen stünden heute im Falle eines Kriegsausbruches zur Landesverteidigung bereit. Seit dem letzten Jahr arbeiten diese Gruppen auch mit dem Verteidigungsministerium zusammen. Die Krakauer Legia, die ihre Rekruten ausschließlich aus dem akademischen Milieu bezieht, kann heute auf 600 Mann zählen, erklärt Piotr, der das ursprünglich 1918 gegründete studentische Freikorps 2012 wieder zu neuem Leben erweckt hat. Als wir Dominika bitten, für ein Porträt zu posieren, gibt der Trainer ihr einen Schubs, sie solle ihre Waffe gefälligst gerade halten. „Für mich ist es nichts Besonderes, eine Waffe zu bedienen“, sagt eine andere Kommilitonin. „Man fühlt sich irgendwie mächtig“.

Go, go, go, go, go“, ruft ein wenig später einer meiner Mitstreiter und macht eine Bewegung mit dem Kopf in Richtung des Gebäudes. Wir hocken in einer Sechsergruppe hintereinander am Eingang, mit dem Ziel das feindliche Team zu eliminieren, das irgendwo versteckt im Inneren wartet. Das Atmen durch die tarnfarbene Schutzmaske fällt schwer. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Waffe halte. Und die ist zugegeben ziemlich schwer. Mal im Ernst, wieso tun junge Polinnen sich sowas an einem Samstagnachmittag an?

Eine gute Autostunde von Airsoft-Waffen und Strumpfmasken entfernt, warte ich zu einem früheren Zeitpunkt im Krakauer Stadtzentrum auf Patrycja. Auch sie hat bereits an einem Training der LA teilgenommen und war eine der wenigen Frauen, die sich über Facebook zu einem Treffen bereit erklärt hatten. Obwohl die Teilnahme an einem Training längst nicht geheim ist und so gut wie alle Mitglieder öffentlich auf Fotos getagged sind, wird ziemlich viel Geheimniskrämerei um die Legia betrieben, die ein bisschen wie die Social Media-Eliteseite A small world funktioniert - man muss jemanden kennen, der jemanden kennt - by invitation only.

 „Ehrlich gesagt habe ich beim Schießen nie an echte Menschen gedacht“, sagt Patrycja. „Für mich war das eher ein Sport, eine neue Herausforderung. Doch wenn du dir ansiehst, was da in Paris und anderswo um uns herum los ist, dann denke ich, dass es da draußen Gefahren für mich und meine Familie und Freunde gibt. Dann ist es gut, eine Waffe bedienen zu können“, erklärt die 25-jährige Environmental Ingeneering-Studentin ihre Motivation und fährt dabei mit ihren perfekt blass lila manikürten Fingernägeln durch ihr braunes langes Haar. Zur Gefahr einer russischen Invasion gesellt sich neuerdings auch der islamistische Terror. „Weißt du, hätte nur eine Person im Bataclan eine Waffe gehabt, dann hätte man dort einige Leben retten können.“

Joghurt, Patriotismus und polnische Paranoia

Auch Piotr bestätigt, dass die Gefahren heute multipler Natur seien. „Die Leute wollen vor allem ihre Heimat verteidigen. Aber sie wissen nicht genau, gegen wen. Das können grüne Männchen aus Russland, aber auch feindlich gestimmte Einwanderer oder andere Kriminelle sein. Niemand vertraut unserer kleinen Armee oder Polizei.“ Eine Art polnische Paranoia? Piotr weiß um die Wunden seiner Nation, das Land wurde immer wieder zum Spielball ausländischer Großmächte. Polen will seine errungene 25-jährige Unabhängigkeit nicht gleich wieder hergeben müssen. Aber wir leben im Jahr 2016 und Polen ist die sechsgrößte Wirtschaft der EU? „Alles westliche Propaganda“. Polen sei längst zur Kolonie ausländischer Unternehmen verkommen. Politisch engagiert sei die Legia allerdings nicht, beteuert er auf die Frage hin, ob der Vorwurf einer nationalistischen Ausrichtung der Heimatschutzvereine gerechtfertigt sei. Mitmachen dürfe, wer die polnische Staatsbürgerschaft besitzt. 

Wenn Piotr nicht gerade im Wald steht, ist er regulär Geografiedozent an der Uni Krakau. Gerade ist Sprechstunde und Studenten tummeln sich vor seinem Büro Nummer 425. Fast wie in einem Spionagefilm kommt man sich vor, wenn Piotr von glorreichen Aktionen der Legia, russischen Spionen und seinem „romantischen Patriotismus“ erzählt. „Du wirst es ja selbst sehen, it's real“, lacht er, während seine Kollegin seelenruhig neben uns Joghurt löffelt.

Mittlerweile sind wir in dem Gebäude mit zerbrochenen Fenstern bis ins Untergeschoss vorgedrungen. Ich wurde vom gegnerischen Team getroffen und scheide aus (getroffen werden tut übrigens höllisch weh). Die Stimmung ist jetzt ausgelassener, die Leute ein wenig aufgetaut, Masken werden gelüftet, Würstchen gegrillt, Waffen wieder im Kofferraum verstaut. Fast kommt ein bisschen Pfadfinderstimmung auf. Wäre da bloß nicht ein 'Legionär' mit einer blutenden Schusswunde im Gesicht. Kein Wunder, dass die meisten Mädels, laut Piotr, nur einmalig zum Training kommen.

„Jede neue Erfahrung macht eine bessere und interessantere Person aus dir“, erinnert sich Patrycja an ihr erstes Waffentraining. „Egal ob Sprachkenntnisse, Bauchtanzen, Lernen mit Waffen umzugehen oder ein Buch lesen - Schießen ist gut für dich, aber ich sehe mich nicht wirklich im Krieg kämpfen. Weißt du, ich bin ein einfaches Mädchen, ich studiere, habe Freizeitaktivitäten und will irgendwann mal eine Familie gründen. Viele Leute sprechen heute von einem Dritten Weltkrieg. Und ein Prozent von mir denkt, da könnte was Wahres dran sein. Und das macht mir, gerade als Frau, dann doch ein wenig Angst.“  

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.