Gesellschaft

Kosovo - Verborgene Leichen im Land der schwarzen Amseln: Kapitel 6

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2014

War der Kosovo zu Beginn der 2000er Schauplatz für Organhandel mit den Organen inhaftierter Serben, die von kosovarischen Guerillakämpfern gefangen gehalten wurden? Silvana kennt sich gut mit den Aspekten einer unlösbaren Gleichung aus. Sie, die Frau, die ihren Mann hat weggehen sehen und der nie wieder zurückkam, kennt sie sogar besser als jede(r) Andere. Ein Portrait.

VI - Silvana

Im Juni 1999 wütet der Krieg im Kosovo zwischen dem Serbien, das der ethnischen Reinigung beschuldigt wird, und der UÇK, die für die Unabhägigkeit der Provinz kämpft. Nach den Bombardierungen Serbiens durch die NATO schneien internationale Truppen und die KFOR ins Land herein: Verstärkt kommt es zu Mord, Raub und Vergewaltigungen. Viele derjenigen, die der serbischen Minderheit angehören, entscheiden sich zu flüchten. Als junge Ehefrau, Mutter zweier Kinder - einer dreijährigen Tochter und eines nur wenige Monate alten Säuglings - hat Silvana keine Wahl. Sie muss bleiben. Von zwei Cousins begleitet erzählt Bojan ihr, dass er mit dem Mini-Bus eine Runde drehen will, und fährt am 15. Juni in Richtung Serbien.

Er wird nie wieder zurückkehren. Silvana lässt drei Sommertage vergehen, gezeichnet von Schreien und Verbrechen. Sie versucht einen kühlen Kopf zu bewahren. Und ein gehobenes Haupt. Eines Abends kommt einer ihrer Nachbarn vorbei. Ein Albaner, langjähriger Freund der Familie, der häufig mit ihrem Mann bei der Polizei von Gračanica zusammengearbeitet hat. "Eine Vertrauensperson", sagt sie. Während des Kriegs wurde ihr Nachbar von der kosovarischen Befreiungsarmee, der UÇK, "zwangsrekrutiert". Unter der Androhung von Sanktionen wird er gezwungen mitzuarbeiten. Er erzählt ihr von der Szene, die er am Tag von Bojans Verschwinden miterlebt hat. Auf der Bundesstraße, auf der Höhe des Dorfs Guiraje wird der Mini-Bus ihres Mannes an einem Checkpoint der UÇK angehalten. Sie erkennen sich, begrüßen sich, der Nachbar diskutiert mit den Partisanen, um zu versuchen ihn zu befreien. Doch die Anderen lehnen ab: "Wir brauchen ihn als Druckmittel." Einer der drei Männer wird aus nächster Nähe erschossen, die anderen werden gefangen genommen.

Silvanas Nachbar gibt ihr die Liste der Namen der UÇK-Soldaten, die an dem Tag anwesend waren. Es waren Einwohner von Gračanica, die Silvana fast alle kennt. "Und dann fing er an zu weinen und sich dafür zu entschuldigen, dass er nichts getan hat." Silvana ihrerseits vergießt keine Träne. Sie wendet sich an die internationalen Truppen, die das Land administrieren und hofft, dass sie für Gerechtigkeit sorgen werden. "Als ich im lokalen Büro der KFOR angekommen bin, im britischen Mandatsgebiet, sagte mir man, dass die Region, in der die Entführung stattgefunden hat, unter amerikanischer Kontrolle sei. Also bin ich zu ihnen hingegangen, doch sie haben mich zurück zu den Briten geschickt." Dem Konflikt und Chaos entsprechend ist die Grenze zwischen den Verwaltungszonen nicht klar definiert. Die internationale Mission gesteht ihre Ohnmacht ein. Silvana ist wütend. "Ich kannte diejenigen, die über das Schicksal meines Mannes entschieden haben,  ich sah sie sogar manchmal in der Straße!"

Ihr Nachbar kehrt zurück und erwähnt die Existenz eines illegalen Lagers für serbische Gefangene in einer nah gelegenen Grundschule. Er deutet an, dass ihr Ehemann möglicherweise dort festgehalten würde. Lebend, nur ein paar Kilometer weiter entfernt von hier.  Silvana sucht erneut die KFOR auf. Sie erzählt den Soldaten, Polizisten und Beamten ihre Geschichte. Sie nennt Orte, Namen, Zeitpunkte. Ihr Nachbar willigt sogar eine Zeugenaussage ein.  Ein paar Wochen später wird eine Streife an die Orte geschickt. Sie finden ein paar Hinweise aber keine Leichen. Die Ermittlungen werden eingestellt.

Der 18-jährige Bruder ihres Nachbarns wird getötet, als "Vergeltungsmaßnahme". Ganz gleich ob Serben oder Albaner, feige oder schwach, Männer oder Kinder, Denunzianten oder Verräter, sie werden keine Bürger des neuen Kosovos sein, des unabhängigen und freien Kosovos, wie ihn die UÇK herzustellen verspricht.

Im August 1999 ist die UNMIK an der Reihe und taucht in Gračanica auf. Silvana zieht wieder ins Feld. "Ich habe an allen möglichen Türen geklopft. Mein Mann war Polizist: Ich kannte die Leute, die für die kosovarische Polizei und für die UNMIK gearbeitet haben, ich hatte Zeugen und Informationen." Sie wiederholt ihre Geschichte,  weist die Identität der Peiniger nach. Man erklärt ihr, dass ihr Fall "verloren" sei, dass er "verschwunden" ist. Das ausländische Personal gibt sich die Klinke in die Hand. Die ausländischen Soldaten, die in den Kosovo entsandt wurden, waren "noch Kinder, jung, erfahrungslos", beklagt Silvana heute, ohne Groll. Andere internationale NGOs, wie das Rote Kreuz, führen lokale Aktionen durch, organisieren Bereitschaftsdienste und verteilen den Einwohnern humanitäre Hilfspakete. Seit sie von den Gerüchten über den illegalen Organhandel gehört hat, die weitgehend von den serbischen Medien aufgegriffen wurden, verbirgt Silvana nicht ihre Verzweiflung.  "Wir haben seine Leiche nie wiedergefunden, deswegen könnte alles möglich sein".

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