Gesellschaft

Karrikierte Aufklärung

Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2006
Die Krise um die Mohammed-Karrikaturen ist nicht nur ein europäisches Medien-Ereignis, sondern zeigt auch, dass die Medien nicht angemessen reagieren. Anstatt aufklärerisch zu wirken, gießen sie Öl ins Feuer.

Der Kampf der Kulturen: Seit langem wird er beschworen, nun scheint er gekommen. In zahlreichen muslimischen Ländern protestieren Muslime gewaltsam gegen die Mohammed-Karrikaturen, die die dänische Zeitung "Jyllands Posten" am 30. September vergangenen Jahres veröffentlichte. In Afghanistan sterben Menschen bei Demonstrationen, hunderte Palästinenser haben in Hebron den Sitz der internationalen Beobachtermission angegriffen, in Damaskus und Beirut spielen sich ähnliche Szenen ab. Die Katastrophe scheint unausweichlich.

Ein europäisches Medien-Ereignis

Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man in den letzten Tagen eine Zeitung aufgeschlagen oder den Fernseher eingeschaltet hat. Die Krise ist ein Medienereignis, es gibt kaum ein Blatt, das nicht mit dem Streit um die Karrikaturen täglich seine Titelseite füllt. Und: Die Krise ist ein echt europäisches Medienereignis. Die Redakteure in den einzelnen Ländern beobachten genau, wie sich ihre Kollegen im Ausland verhalten. Die englische Boulevardpresse hält sich auffällig zurück, der Chefredakteur der französischen « France Soir » wurde entlassen, in Deutschland lehnte die Internetausgabe des « Spiegel » die Veröffentlichung der Karrikaturen ab, Welt.de liess sich im Gegensatz dazu nicht davon abhalten.

Die Auseinandersetzung um die Karrikaturen trifft das Selbstverständnis von Journalisten in seinem Kern: Wie weit darf Pressefreiheit gehen? Es ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Die Philosophen der Aufklärung waren im 18. Jahrhundert davon überzeugt, dass freie Meinungsäußerung in der Presse den Menschen zu sich selbst führe, da er so seine größte Gabe, die Vernunft, frei ausüben könne.

Gezielte Provokation

« Jyllands Posten » wollte testen, ob dieses Gut im eigenen Land noch etwas gilt. Der Anlass: Die Kinderbuchautorin Kaare Bluitken hatte für ihr Buch über Mohammed keinen Zeichner gefunden. Deshalb forderten die Redakteure von « Jyllands Posten » Cartoonisten dazu auf, zu zeichnen, wie sie Mohammed sehen.

Doch damit haben die Redakteure der dänischen Zeitung den Werten der Aufklärung einen Bärendienst erwiesen. Man hätte Mohammed ja zeichnen können, aber warum muss man ihn gleich mit Bombe auf dem Kopf darstellen? Die Zeichnungen waren eine gezielte Provokation, kein sachdienlicher Beitrag zur Debatte um Meinungsfreiheit in Dänemark. Jede Zeitung, die die Karrikaturen nun nachdruckt, schützt damit nicht die Pressefreiheit (die in Europa in keinster Weise gefährdet ist), sondern gießt Öl ins Feuer.

Vernunft und Beschwichtigung wäre im Umgang mit der muslimischen Welt aber angebracht. Dort sitzt der Frust tief. Die Geschichte der Kolonisation spukt noch in den Köpfen, vermengt sich mit dem Entwicklungsrückstand, die ihre Länder gegenüber dem Westen haben und der Wut auf die diktatorischen Herrscher, die nicht selten mit dem Westen gemeinsame Sache gemacht haben. Islamisten finden Zulauf, weil ihre gehässigen Parolen diese Wut kanalisieren. Und die Regime lassen die Demonstraten gewähren, weil sie vor ihnen Angst haben.

Zurück bleiben nur die Bilder

Doch selbst wenn keine einzige Zeitung in Europa die Karrikaturen nachdrucken würde, würde das nicht beschwichtigend wirken. Die meisten Zeitungen bemühen sich zwar um eine sachliche Darstellung. Es werden wohlgemeinte Aufrufe von Politikern und Analysen von Islam-Experten veröffentlicht. Doch in den Köpfen der Menschen bleiben nur Bilder zurück. Ein Photo von einem bärtigen Islamist vor einem brennenden Botschaftsgebäude ist wirkungsvoller als die ganzseitigen Ausführungen von Islamexperten in "Le Monde" oder "FAZ".

Dass ist nicht die Schuld der Journalisten, sondern der Struktur, in der sie sich befinden. Zeitungen hängen von Auflage und Anzeigen ab. Wenn ein Thema « heiss » ist, muss man darüber berichten. Über die Bürger bricht eine Flut von Schlagzeilen und Bildern ein, die sie nicht mehr bewältigen können. Das Ergebnis: Einer neuen Umfrage des Forsa-Institutes zufolge empfinden 55% der Deutschen die in ihrem Land lebenden Muslime nicht nur als Bereicherung, sondern auch als Bedrohung.

Das ist keine Aufklärung, sondern die Karrikatur von Aufklärung.