Gesellschaft

Kann man europäische Nachrichten machen? - "Die Tausend-Euro-Frage"

Artikel veröffentlicht am 3. März 2010
Artikel veröffentlicht am 3. März 2010
Bereits seit September 2008 ist der Online-Fernsehkanal Europarl.tv auf der Webseite des Europäischen Parlaments verfügbar. Seine Aufgabe ist es, über die parlamentarischen Sitzungen zu berichten sowie aktuelle Reportagen zu Texten und Parlamentariern anzubieten. Doch wie verleiht man einer Institution ein "menschliches Gesicht"? Jean-Yves Loog vom Pressedienst des Portals steht Rede und Antwort.

Können Sie in wenigen Worten das Porträt von Europarl.tv zeichnen? Wann wurde der Sender gegründet? Wer hatte die Idee dazu?

Die Entscheidung wurde 2006 getroffen. Damals kam die Idee eines "Web-TV-Senders" auf. Es war viel zu kostspielig, über einen traditionellen Fernsehsender oder über Satellitenfernsehen zu senden, und wir dachten uns, dass das Internet-Modell Früchte tragen würde. Seit September 2008 arbeiten zwei Dienstleister auf Europarl.tv. Mostra, eine Brüsseler Medienagentur, ist als externer Partner für die Inhalte des Senders zuständig.

Die Reportagen werden in 22 Sprachen übersetzt. Wie kann man denn immer auf dem aktuellen Stand sein, wenn man alle Europäer erreichen will?

Der Web-Kanal will dem Parlament einen "menschlicheren Anstrich" gebenDie Hälfte der Europarl.tv-Mitarbeiter widmet sich allein den Übersetzungen. Das sind 20 Übersetzer, zu denen etwa 10 professionelle Journalisten hinzukommen. Insgesamt sind von der Produktion bis hin zur Übersetzung ungefähr 50 Personen in den Prozess involviert. Im Parlament steht eine TV-Plattform zur Verfügung, an der die Journalisten drei von fünf Tagen die Woche arbeiten. Nehmen wir beispielsweise die Fernsehnachrichten: Die drei Nachrichtensendungen werden um neun Uhr morgens online gestellt und anschließend in die sechs gebräuchlichsten Sprachen Europas übersetzt. Gegen Mittag liegen sie übersetzt in allen verfügbaren Sprachen vor. Wenn es sehr wichtig ist, wenn wir zum Beispiel die Gelegenheit haben, Jean-Claude Trichet, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, zu interviewen, kommt das Video sofort auf Französisch oder Englisch (die auf den Finanzmärkten gesprochenen Sprachen) ins Internet. Später wird das Ganze dann übersetzt.

Wie positionieren Sie sich im Vergleich zu anderen "europäischen" Medien auf dem Markt, wie zum Beispiel Euractiv?

Unser Hauptaugenmerk gilt dem Leben im Europaparlament. Wir möchten den Rahmen der institutionellen und politischen Aktualität erweitern und bieten Übertragungen von Debatten oder erklärende Themensendungen an. Nicht jeder kennt sich mit dem "europäischen Ungetüm" aus. Ein neues Programm, die Sendung "Starting Point" (Ausgangspunkt) ermöglicht es, das räumliche Umfeld kennen zu lernen, einen Text in den Mittelpunkt der Debatten zu rücken, über das aktuelle Geschehen im Parlament zu berichten und den Europa-Abgeordneten, seinen Hauptakteuren, eine Stimme zu geben.

Europarl.tv ist das Werkzeug des Europäischen Parlaments, wie respektieren Sie das dort herrschende politische Gleichgewicht? Haben Sie Verpflichtungen, Themen, die unbedingt behandelt oder, im Gegenteil, vermieden werden müssen?

Die Tausend-Euro-Frage!Konkret erfassen wir regelmäßig statistisch die Teilnahme der verschiedenen Abgeordneten aus den unterschiedlichen politischen Gruppierungen an unseren Programmen. Im Allgemeinen sind die berichterstattenden Abgeordneten der Kommissionen unsere bevorzugten Gesprächspartner. Das sind die Personen, die am dichtesten an den Vorgängen dran sind. Nehmen Sie beispielsweise Evelyne Gebhardt, sie ist unschlagbar im Bereich Verbraucherschutz. Wir wählen entsprechend der aktuellen Gegebenheiten im Parlament aus und wägen die Wichtigkeit der Themen ab.

Wie muss man denn Ihrer Meinung nach über Europa sprechen, um die Bürger für die Funktionsweise und das aktuelle Geschehen der Union zu interessieren?

Das ist die Tausend-Euro-Frage! Ich denke, man muss ihr ein menschliches Gesicht geben. Das schaffen wir nicht in jedem Fall, aber wir versuchen, die zu institutionellen Fragen zu übergehen und folgen zum Beispiel den Europa-Abgeordneten auf ihrem Spezialgebiet. Es ist richtig, dass es eine starke Konkurrenz im Informationssektor gibt. Auf den Fluren in Brüssel spricht man von Informations-"Überfülle". Man muss also verschiedene Wege beschreiten und wissen, wie weit man gehen kann. Ich denke auch, dass wir hinter die Kulissen der Macht in Straßburg oder Brüssel schauen müssen, dahin, wo die Entscheidungen getroffen werden. Die Technik entwickelt sich sehr schnell weiter und wir benötigen beträchtliche Mittel, um da mitzuhalten. Sagen wir es mal so: Die Technologien sind schneller als die Institutionen. Wir versuchen kurze Programme zu produzieren, das Wesentliche lässt sich in zwei, drei Minuten übermitteln, und die Mobilversion ist in Arbeit, um diese Themen auch auf Mobiltelefonen verfügbar zu machen. Mein Hauptanliegen ist es allerdings, dem Europäischen Parlament und seinen Abgeordneten ein menschliches Antlitz zu geben.