Gesellschaft

Jung, Rom und Europäer: "Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich"

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2009
In der EU wird in Bezug auf die Gemeinschaft der Roma und Sinti viel geredet, aber in der Regel wenig gehandelt. Meinungen von jungen Roma und Europäern, von jungen Europäern und Roma.

Ende Mai. 90 Mitglieder verschiedener Romafamilien campen in einem Park in Berlin, um dem Elend in ihrem Heimatland Rumänien zu entkommen. Kurz darauf beginnen Auseinandersetzungen: Die Polizei versucht mehrmals, sie zu vertreiben. Zahlreiche Vereine beklagen den Mangel an Respekt gegenüber den Grundrechten dieser Menschen mit vollem EU-Staatsbürgerrecht.

Solche Situationen wiederholen sich in ganz Europa und verletzten auf eindringliche Weise die Mitglieder der Gemeinschaft der Roma und Sinti, die circa 9 bis 12 Millionen Personen umfasst. Während die EU den Erweiterungsprozess fortführt und interne Identitäts- und Gesellschaftsprobleme mehr oder weniger erfolgreich löst, bleibt die Frage dieses Wandervolkes offen. Dies bestätigen Berichte vom Amnesty International oder den Vereinten Nationen, die Rassismus und Menschenrechtsverletzungen innerhalb dieser ethnischen Gruppe anklagen. Nicht immer erhalten sie eine politisch überzeugende Antwort.

Treffen in Berlin

Drei Wochen vor der medial ausgeschlachteten Ankunft der rumänischen Familien in Berlin, traf sich eine andere Gruppe Roma und Sinti aus ganz Europa in der deutschen Hauptstadt. Ihnen wurde jedoch ein anderer Empfang bereitet. Fünfzig junge Roma und Sozialarbeiter von Jugendorganisationen aus 14 Ländern nahmen mit Unterstützung der Europäischen Kommission an einem Seminar des deutschen Vereins Amaro Drom und Roma Active Albania teil. Das Treffen war dem Erfahrungsaustausch und der Entwicklung zukünftiger Projekte gewidmet. Sechs Teilnehmer sprechen Klartext:

Hamze Bytyci (27) - deutscher Kosovare, tätig für Amaro Drom

Foto: Andreu JerezHamze fühlt sich als “Großstädter, Europäer und Rom.” Für ihn hat die Zukunft seiner Gemeinschaft in Europa “zwei Seiten”. “Jetzt werden die ersten Schritte für eine Verbesserung der Situation in die Wege geleitet. Es ist in etwa so wie der Anfang einer friedlichen Revolution. Andererseits ist uns allen bekannt, was mit der Roma-Minderheit in Italien oder der Tschechischen Republik passiert. Wir brauchen mehr Geld und mehr Zeit.”

Admir Biberovic (25) - Jura-Absolvent, Bosnien

Foto: Andreu JerezAdmir denkt positiv über die Zukunft seiner Gemeinschaft in Bosnien: “Die Regierung meines Landes ist Mitglied des Projekts Decade of Roma Inclusion, das zum Ziel hat, die Gemeinschaft der europäischen Roma und Sinti besser zu integrieren. Bosnien hat schon 3 Millionen Euro investiert.” Admir ist optimistisch. Wenn Menschen überzeugt seien, etwas zu ändern, könnten sie dies auch erreichen. Seiner Meinung war das Treffen in Berlin ein Beweis dafür, dass diese Art von Überzeugung reell ist.

Ionut Stan (24) - Polizist, Rumänien

Foto: Andreu JerezIonut fühlt sich als Rom, weil “er nichts anderes sein kann”. Er weiß, dass seine Gemeinschaft weiterhin diskriminiert wird. Doch er bemerkt auch einen Wandel: “Es ist wahr, dass es in einigen Regionen in Rumänien sehr arme Roma und Sinti. Aber dann sind da auch Mitglieder meiner Gemeinschaft, die sehr gut integriert sind, studiert haben und arbeiten.” Ionut hatte die Möglichkeit 6 Monate mit einem Stipendium in Brüssel arbeiten zu können. Deshalb weiß er die Bedeutung der EU zu schätzen. Ionut steht der Zukunft optimistisch gegenüber: “Das Leben meiner Kinder wird besser sein als meines”.

Karolina Mirga (26) - Studentin, Polen

Foto: Andreu Jerez“Offiziell besitze ich die polnische Staatsbürgerschaft, aber im Herzen bin ich polnische Rom. Karolina ist sich über die Zukunft unsicher, erkennt aber an, dass der Wandel “bereits begonnen hat“: “Vielleicht ist in 50 Jahren der Präsident der USA ein Rom”, lacht sie.

Kike Jiménez (24) - Sozialarbeiter, Spanien

Foto: Andreu JerezKike arbeitet für den Verein Kale dor Kayiko im Baskenland. Es ist sicher nicht einfach, seine Identität zu definieren? “Schwer zu beantworten, wenn man die politische Lage im Baskenland berücksichtigt. Dazu kommt dann noch meine Identität als Rom. Ich fühle mich gleichzeitig als Rom, Baske, Spaneir und als Europäer”. Kike bestätigt, dass die Roma und Sinti in Nordspanien beim Thema Bildung hinter anderen Regionen wie Katalonien, Andalusien oder Madrid hinterherhinken. “In den letzten 50 Jahren hat sich die Romagemeinschaft stark verändert. In 50 Jahren werden wir überall dort sein, wo wir sein wollen“, schließt er.

Nesime Salioska (27) - Koordinatorin des Vereins Roma Organization for Multicultural Affirmation - SOS Prilep in Mazedonien

Foto: Andreu JerezNesime ist pessimistisch: “Viele der EU-Mitgliedsländer diskutieren nur über die Situation der Roma und Sinti, handeln aber nicht. Deutschland und Spanien sind zwei gute Beispiele: Ständig wird darüber geredet, dass man die Lage der Romagruppen in anderen Ländern wie zum Beispiel in Mazedonien dringend verbessern müsste. Aber weder Spanien noch Deutschland ergreifen konkrete Maßnahmen, um die Probleme in ihren eigenen Ländern Herr zu werden.“