Gesellschaft

Juliane Kokott: 'Ich habe hier nie eine Machostimmung verspürt'

Artikel veröffentlicht am 12. April 2008
Artikel veröffentlicht am 12. April 2008
Madame l'avocat général (50) ist eine Frau der Superlative: sie ist die Karriereleiter steil bis zum EuGH, wo sie seit 2003 eine von 8 Generalanwälten ist, emporgeklettert und ist ganz nebenbei Mutter von 6 Kindern.

Dass die erst dritte Generalanwältin in der mehr als 50-jährigen Geschichte des Europäischen Gerichtshofes ihre Funktion sehr ernst nimmt, hat sie oft bewiesen. Am 7. Oktober 2003 von der Bundesregierung als Nachfolgerin von Siegbert Alber nach Luxemburg berufen, scheute sich die forsche Anwältin nicht, öffentlich Stellungnahme gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Berlusconi zu beziehen. Der italienische Medienmogul - zu diesem Zeitpunkt am politischen Ruder - hatte das nationale Bilanzrecht zu seinen Gunsten verändert. Doch da hatte er nicht mit Kokott gerechnet. Die zarte Frau am Europäischen Gerichtshof machte ihm ohne zu Zögern einen Strich durch die Rechnung. Unvereinbarkeit mit dem EU-Recht lautete der Vorwurf!

In einer der wichtigsten Entscheidungen des EuGH, dem Manninen-Urteil, waren die Richter Kokotts Schlussantrag gefolgt. Der finnische Aktionär wollte nicht einsehen, dass er schwedische Wertpapiergewinne doppelt versteuern muss. Kokott belehrte ihn und Aktionäre auf dem ganzen Kontinent eines besseren. Saftige Steuerrückzahlungen waren die Konsequenz. Im Allgemeinen folgen die Richter den Empfehlungen des Generalanwaltes in ungefähr 80 Prozent der Fälle. Mit ihren unabhängigen Gutachten sollen die 8 Generalanwälte am EuGH den 27 Richtern der Mitgliedstaaten hilfreich zur Seite stehen.

Der Meisterin Lehrjahre

Es ist ein warmer Herbsttag, als die zierliche Anwältin, für die Europa kulturelle Vielfalt und Friede bedeutet, uns am Europäischen Gerichtshof in ihrem Büro am Plateau de Kirchberg, dem Geschäfts und Regierungsviertel in Luxemburg, empfängt. "Ich bin im saarländischen St. Ingbert und in Bonn aufgewachsen", fängt die Bürgermeisterstochter mit ruhiger Stimme an über ihre Kindheit zu erzählen. Dabei nippt sie an einem Tee. "Den Wunsch Rechtswissenschaften zu studieren hatte vor allem meine Mutter." Sich gegen ihren Wunsch aufzulehnen, habe sie nie verspürt. Es sei auch nicht so, dass ihre Eltern sie besonders trimmten. "Man hätte natürlich auch etwas anderes, wie beispielsweise Biologie machen können. Aber die Grundlagen fehlten. Die Schule war nicht auf Naturwissenschaften ausgelegt. Der Schwerpunkt lag auf Sprachen."

Professor Dr. Dr. Kokott sitzt in ihrem großen Büro auf ihrem schwarzen Ledersessel, während sie von ihrem juristischen Weltenbummler-Dasein in Bonn, Genf, Heidelberg, Tunis und Washington D.C. erzählt. Sie hat in Deutschland und den USA doppelt promoviert, später verschiedene Lehrtätigkeiten an juristischen Fakultäten in Deutschland und der Schweiz aufgenommen. Die Kinder kamen ganz nebenbei, erzählt sie oft und gern der internationalen Presse. Man könnte meinen, man hätte das Paradebeispiel einer erfolgreichen Karrierefrau und Mutter vor sich sitzen. Ein Wunderkind? "Ich bin nicht als Wunderkind geboren. Ich glaube, dass manche Menschen belastbarer sind als andere. Ich habe auch nie soviel Schlaf gebraucht."

Geballte Frauenpower

Juliane Kokotts Werdegang verlief jedoch nicht immer so rosig, wie sie es gern schildert. Als Frau wurden der jungen Anwältin oft Steine in den Weg gelegt. "Als ich als erste Frau am Heidelberger Max-Planck Institut in Internationalem Recht habilitieren wollte, wurde mein damaliger Professor dafür belächelt. So etwas gab es damals noch nicht. Ich hatte jedoch immer eine klare Auffassung davon, was und wohin ich wollte. Von diesem Weg habe ich mich nie abbringen lassen." Harte Arbeit, ein starker Willen und Organisation haben dieser koketten Frau, an der die Zeit vorbeigegangen scheint, den Weg geebnet. "Ich mache meine Arbeit gern und mit viel Leidenschaft", beschreibt Kokott ihre Motivationsquelle.

Es ist ein 12-Stunden-Tag - geprägt von Aktenstudium und Sitzungen - den sie von Montag bis Donnerstag, wenn sie in Luxemburg ist, zu bewältigen hat. Umzüge wollte sie ihren Kindern nie antun. Deshalb ist sie selbst zur Pendlerin geworden. Karriere und Kinder bringt sie perfekt unter einen Hut. "Es stimmt schon, dass mehr Männer am Europäischen Gerichtshof arbeiten, aber ich habe nie eine Machostimmung verspürt. Außerdem hat der Europäische Gerichtshof im Laufe seiner Geschichte die Gleichberechtigung von Männern und Frauen immer wieder voran getrieben". Weshalb trotzdem mehr Männer am Gerichtshof arbeiten, wisse sie nicht. Aber am Gerichtshof erster Instanz sei der Prozentsatz der Frauen mit 7 von 27 erfreulicher Weise wiederum höher als am EuGH.

Kinder- und Karrieremarathon

Die 'Ursula Leyen des Europäischen Gerichtshofes' hat auf ihrem Lebensweg nie eine Entscheidung gegen Kinder oder für die Karriere getroffen. Es haben sich immer Mittel und Wege gefunden, um beides zu kombinieren. "Das richtige Umfeld spielt eine wichtige Rolle." Ihr Mann, selbst Anwalt, habe sie immer unterstützt. So habe sie auch keine langen Babypausen benötigt. "Er hat mir nie Steine in den Weg gelegt."

"Natürlich wäre das alles auch ohne die Hilfe von qualifizierten Hilfskräfen nicht zu bewältigen", fügt sie hinzu. Juliane Kokott beschäftigt an manchen Tagen Studenten oder auch eine Putzfrau. Mittlerweile sei ihr ältester Sohn aber auch in dem Alter (20), die Betreuung für die jüngeren Geschwister zu übernehmen. Dass es andere Frauen, die keine Unterstützung haben, schwieriger haben, wisse sie. "Es müssen die richtigen Rahmenbedingungen vorhanden sein", gesteht sie. "Ich bewundere deshalb Frau van der Leyen, die selber sieben Kinder hat", und ein Lächeln zaubert sich auf ihrem Gesicht. "Es ist gut, dass sie sich dafür einsetzt, dass Frauen einen Rechtsanspruch auf einen Kinderkrippenplatz haben." Allerdings hat auch Frau Leyen die Möglichkeit, die Kinder während der Arbeitszeiten professionell betreuen zu lassen. Trotzdem müsse sich die Einstellung der Menschen ändern, dass eine Mutter rund um die Uhr da sein muss. "In Frankreich würde niemand auf die Idee kommen so etwas zu sagen. Die emotionale Basis zwischen Eltern und Kindern muss stimmen. Außerdem muss es einen gesicherten Rahmen geben, in dem die Kinder aufwachsen und zur Selbständigkeit erzogen werden."

Die langsame Entwicklung eines Kindes zum autonomen Menschen trifft in Kokotts Augen auch auf den EU-Verfassungsvertrag zu. "Man muss sich keine Sorgen machen, wenn man sich nicht sofort auf etwas einigt. Es kann nicht immer schnell und in einem Non-Stop-Tempo gehen. Nach einer Zeit des Nachdenkens und der Konsolidierung wird es wieder vorwärts gehen. Man muss in Etappen denken. Außerdem ist der neue Reformvertrag ja bereits im Werden!" Bis 2009 soll er von allen Mitgliedstaaten ratifiziert werden.

Gibt es etwas das sie jungen Menschen für die Zukunft raten würde? "Man sollte sich nicht auf Niederlagen fixieren, auf seine innere Stimme hören, sich eine klare Auffassung machen, wie man leben möchte und sich überlegen, ob einen dieses Leben auch in zwanzig Jahren glücklich machen würde."