Gesellschaft

Jugonostalgie in Sarajevo: Che 'Tito' Guevara und Nekrophilie

Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2012
Jugonostalgie? Die Verherrlichung der jugoslawischen Vergangenheit betreffe nur die ältere Generation, versichert ein bosnischer Kollege. Dass aber auch die nach 1990 geborene Generation dem ehemaligen jugoslawischen Führer Josep Broz Tito nachtrauert, ist in Sarajevo unverkennbar.

Doch hinter dem Wunsch nach der Renaissance einer längst vergangenen Idylle, verstecken sich oft Zukunftsängste und der Frust über das aktuelle politische System in Bosnien und Herzegowina.

“Tito ist unser Che Guevara” - Goran Behmen lacht ein bisschen befangen. Der 36-Jährige hat sich schick gemacht, trägt ein weißes Hemd und eine himmelblaue Krawatte. Er sitzt vor einer überlebensgroßen Bronzebüste von Josep Broz Tito, dem jugoslawischen Diktator, der das Land bis 1980 regierte.

Dass die Jugend in Sarajevo jugonostalgisch sei, hält er für Quatsch. Für die in den 1990ern geborene Generation sei Tito eher ein Symbol: „Sie sehen ihn als einen Helden. Tito ist die größte Marke Jugoslawiens.“ Goran ist das offizielle Gesicht des Tito-Vereins von Sarajevo, der im Mai 2002 gegründet wurde und es sich zur Aufgabe gemacht hat, „auch über die positiven Errungenschaften“ des Diktators zu berichten: Sicherheit – man konnte sorglos auf der Straße übernachten - freier Zugang zu Kultur, und Reisefreiheit – all das habe es damals in Jugoslawien gegeben.

Jahr für Jahr organisiert der Tito-Verein von Sarajevo Debatten, Exkursionen zum kroatischen Geburtsort und die jährliche Party zum Geburtstag von Tito – dem 25. Mai.„Es war keine Diktatur wie in Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei oder Rumänien.“ Als „Sozialisten mit menschlichem Antlitz“, würde der Sohn des Bürgermeisters Tito lieber definiert wissen – „er war nicht der typische Diktator, sondern demokratischer. Ein starker Balkan-Typus.“ Das sehen auch 30% der jungen Bosnier so, die heute die Vereinsstruktur bereichern.

'Wir gehören zu Tito und Tito gehört zu uns'

Aida sieht das anders. Für die junge Bosnierin sei die bosnische Jugend auf keinen Fall nostalgisch nach der Tito-Zeit. Sie war gerade 9 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. „Ehrlich gesagt ist uns das scheiß-egal“, sagt die Couchsurferin. „Wir wollen alle nur unseren Arsch in diesem System retten. Aber an das alte System erinnern wir uns nicht.“

Das Erinnern ist aber keine Bedingung der Jugonostalgie unter jungen Leuten in den Balkan-Staaten. Dass das Leben zu Titos Zeiten sorgloser gewesen sei, wird meistens von der Elterngeneration vermittelt. Eine Studie des Europäischen Balkanfonds, die 2011 von Ipsos mit zwei Generationen (geboren 1971 und 1991) in den ehemaligen SFRJ-Staaten durchgeführt wurde, zeigt erstaunliche Ergebnisse. Auch die Mehrheit der nach 1990 Geborenen glaubt, das Leben in Jugoslawien unter Tito sei besser gewesen als heute. Die einzigen Ausnahmen sind Kroatien und Kosovo. In BuH sind 47% der 1991er überzeugt, das Leben wäre heute 'besser', wäre Tito noch am Ruder. 38,7% glauben sogar, das Leben wäre in diesem Fall 'viel besser'.

Wer Sarajevo besucht, kommt um Tito nicht herum. Sein Porträt hängt in der Rezeption des Hostels, in Cafés und Bars und immer noch in den meisten bosnischen Wohnzimmern. Goran Behmen schlägt sich die Hand vor den Kopf auf die Frage hin, ob auch er ein Tito-Porträt bei sich zu Hause habe: „Oh mein Gott, ja, es hängt in meinem Schlafzimmer“, lacht er geniert. Im Buchladen steht Titos Bestseller-Biographie gleich neben der von Starfußballer Zlatan Ibrahimovic und einem Fotoband zum Massaker von Srebrenica. Und die Jugend schlürft gern das ein oder andere Sarajevsko im Tito-Café, das etwas außerhalb, nur ein paar Schritte von der Uni liegt.

Am Eingang hängt ein großes Spruchband: 'mi smo titovi tito je naš' (Wir gehören zu Tito und Tito gehört zu uns) steht darauf geschrieben. Man kann roten und weißen Marschall-Wein bestellen. Doch das junge Volk, das es sich an diesem Freitagnachmittag auf Kissen mit Militärbezügen bequem gemacht hat, trinkt Bier und raucht unter Carlsberg-Sonnenschirmen, gleich neben den Panzern, die im Garten stehen. Im Café selbst kann man eine Fotowand begutachten: Tito trifft Kennedy oder Arafat, Tito am Meer, Tito beim Segeln – Tito in allen Lebenslagen. 

„Junge Leute können hier nur zurückschauen. Die Zukunft ist zu schmerzhaft, hier wird nicht geplant“, erläutert die junge Holländerin Eveline Beens, die 2011 für ihr Anthropologiestudium eine dreimonatige Studie zum Thema Jugonostalgie in Sarajevo durchgeführt hat. Die in der UdSSR geborene Harvardprofessorin Svetlana Boym unterscheidet in ihrem Buch The future of nostalgia zwischen reflektiver und restorativer Nostalgie. Laut Eveline sei die Jugonostalgie der Nachwuchsgeneration in Bosnien reflektiver Natur. „Denn sie setzen sich kritisch mit der heutigen Situation ihres Landes auseinander. Doch gleichzeitig bleibt es ausschließlich beim Kritisieren. Von Aufbruchstimmung keine Spur.“

Hinter der Bar des Tito-Cafés macht sich Edo an der Kaffeemaschine zu schaffen. Der 24-Jährige studiert Politik in Sarajevo. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet er unter der Woche im Tito-Café. Fan des jugoslawischen Diktators müsse man hier nicht sein – aber Edo hält Tito für eine „Legende. Everyone loves him“, sagt er in gutem Englisch. Seine Zukunft sieht Edo schwarz. In die Politik komme man in Bosnien nur über Vitamin B. Überall gebe es Korruption. „Unsere Politiker kämpfen nicht für die Menschen. Tito hat sich für Brüderlichkeit eingesetzt.“

"Wir hatten andere Spiele und Kindheitserinnerungen. Jetzt sind die Mädchen schon mit 12 erwachsen. Manche sagen, das liegt am Krieg"Dass der Tito-Kult nicht nur Männersache ist, bestätigen auch Jasmina und Alica im BalkanExpress, einer Bar im Jugo-Stil, in der man noch Originalzeitschriften von 1982 durchblättern kann. Ja, sagen die beiden 21-jährigen Studentinnen der Sprachwissenschaften, „Tito war vielleicht auch ein bisschen Diktator, aber es hat funktioniert.“ Dass zu Titos Zeiten auf der ‚nackten‘ Insel Goli Otok Oppositionelle gefoltert wurden, ist ein schwarzer Fleck in der Geschichte ihres Landes. Aber lieber hätte man den „Respekt“ aus Tito-Zeiten zurück, als fast 60% Jugendarbeitslosigkeit.

Nekrophilie und JUGONOSTALGIJA

 'Jugonostalgija' ist Teil der 6-teiligen Doku-Serie Tales of Transition

‚Aber wenn es damals so grandios war, warum ist dann alles den Bach runtergegangen?‘, fragt sich ein junger Bosnier in Timur Makarevics Dokumentarfilm JUGONOSTALGIJA, der auf dem diesjährigen Sarajevo Filmfestival gezeigt wurde. Dass man aus dem Alten jetzt plötzlich Profit schlagen wolle, grenze schon fast an Nekrophilie.

Der 36-jährige Regisseur von JUGONOSTALGIJA selbst hält sich mit der Nostalgie zurück. Einzig das Fernsehen sei damals besser gewesen. Jugo Pop-Rock könne Timur nicht ausstehen: „Dann lieber Lady Gaga als Bijelo Dugme“, lacht er. Mit seinem jungen ‚jugonostalgischen‘ Kollegen Mirza Ajnadzic, der den Film recherchiert und eingesprochen hat, habe es oft hitzige Debatten gegeben.

Mirza schüttelt den Kopf. Der 25-jährige Journalist, der unter anderem für das hiesige eFM Studentenradio arbeitet, ist sich sicher, dass 99% der jungen Nostalgiker heute in jugoslawischen Gefängnissen sitzen würden – „Die sind einfach viel zu liberal“, sagt er. Auch wenn Mirza immer noch Fan von alternativen Block-Partys und Musik aus dem ehemaligen Jugoslawien sei, habe er die Jugonostalgie über seine Arbeit reflektiert und schlussendlich abgelegt. „Man kann nicht wirklich von Jugonostalgie sprechen, junge Leute wollen ganz einfach irgendein staatliches System. Der Titoismus existiert nur aufgrund der aktuellen politischen Lage. Würdest du jungen Menschen ein neues Jugoslawien geben, sie würden es heute nicht akzeptieren. Sie würden immer mehr und mehr wollen – und dieses 'mehr' hat in Jugoslawien nie existiert.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Sarajevo.

Illustrationen: Teaserbild ©Katharina Kloss; Im Text ©Alfredo Chiarappa