Gesellschaft

Journalistinnen in Deutschland: Auf Quote komm raus

Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Eine Initiative von 350 Journalistinnen fordert eine Frauenquote für Deutschlands Medien: 30 Prozent der Chefsessel sollen in fünf Jahren mit Frauen besetzt sein. Geht es wirklich nicht ohne Zwang?

Ich wäre eine perfekte Quotenfüllerin. Ich bin jung und weiblich, Migrantin und Teil einer religiösen Minderheit. Von allen vier Eigenschaften gibt es in meinem Beruf, im Journalismus, zu wenig. Mit ein bisschen politischem Willen könnte ich vermutlich jeden Job dieser Welt haben. Wenn, ja wenn es denn eine Quote gäbe.

Rund 340 Journalistinnen und einige Journalisten wandten sich kürzlich in einem Aufruf an die Redaktionsleitungen des Landes. Sie fordern eine verbindliche Quote – für sich selbst. Mindestens 30 Prozent der journalistischen Führungspositionen sollen mit Frauen besetzt sein. Bekannte Journalistinnen unterstützen die Initiative. „Es ist Zeit, etwas zu ändern“, schreiben sie. Und, an ihre Chefs gerichtet: „Schaffen Sie das?“

Dorothy Bronson, Reporterin bei der Chicago Daily NewsWer einmal der Konferenz einer großen Zeitung beigewohnt hat, weiß, warum sich viele Journalistinnen mehr Geltung wünschen. Der enge Zirkel der Chefredakteure rekrutiert sich fast ausschließlich aus Männern. Nur zwei Prozent der 360 Chefredakteure in Deutschland seien laut der Initiative weiblich, von zwölf Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seien drei Frauen. Selbst Ressortleiterinnen sind heute noch immer eine Seltenheit. Vielmehr arbeiten Frauen als fleißige Indianer - der Häuptling ist oft ein Mann. Ein fester Frauenanteil würde dies zweifellos ändern. Doch um welchen Preis?

Eine Quote suggeriert, dass man die Hilfe der Zahlen braucht. Dass eine Gruppe nicht gut genug ist und es nicht schaffen kann ohne die Hilfe der Statistik. Das klingt nicht nach Gleichberechtigung. Es klingt nach Mitleid. Es macht Frauen zu einer bedrohten Art, der in die Chefsessel geholfen werden muss – auch um ihrer jungen Kolleginnen Willen. Denn so wie Männer heute eben Männer fördern, würden die Frauen auch für ihre Nachfolge sorgen. Aber ist dies überhaupt nötig?

Natürlich gibt es noch immer viele Ungleichheiten. Journalistinnen sind oft schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Oft traut man ihnen weniger zu. Oft müssen sie sich erst beweisen. Aber eine Quote wird diesen Mechanismus nicht abschaffen. Sie wird Misstrauen produzieren und Häme: „Die ist nur wegen der Quote hier.“ Manchen Frauen ist das recht. Lieber eine angezweifelte Chefin sein als es niemals nach oben zu schaffen. Ich zähle nicht zu diesen Frauen.

Vielleicht, so meine ich, brauchen wir die Quote gar nicht. Mehr als 50 Prozent der Berufseinsteiger sind mittlerweile weiblich. Eine vergleichsweise neue Entwicklung: Ende der 1970er Jahre waren es noch nicht einmal ein Fünftel. Frauen stellen eine Mehrheit an den Journalistenschulen und an den entsprechenden Studiengängen an den Universitäten. Es sind die ersten Schritte in Richtung der Medien. Nur angekommen sind wir noch nicht. Ressortleiterposten werden nicht jedes Jahr neu besetzt und die neue Garde ist noch nicht nachgerückt. Das wird sich ändern. Vielleicht nicht in den nächsten fünf Jahren – aber in den nächsten zehn. Dann wird man uns zu Chefs wählen müssen. Nicht weil wir Frauen sind oder Migranten oder eine Minorität. Sondern weil wir in der Mehrheit sein werden. Auch ohne Quoten-Barmherzigkeit.

Fotos: (cc)Morning theft/flickr; im Text: (cc)John McNab/flickr