Gesellschaft

Jobsuche in Brüssel - Und täglich grüßt das Praktikum

Artikel veröffentlicht am 23. November 2009
Artikel veröffentlicht am 23. November 2009
Eternal traineeship of the Eurojobless mind - Der Weg zum Traumjob ist weit und Brüssel zeigt sich all jenen gegenüber gnadenlos, die für diesen Weg nicht genügend Nerven und Ausdauer haben. Zwischen Entmutigung, ständigem Haareraufen und internationalen Abenden à la Auberge espagnole ist der Werdegang des jungen Eurokraten vieles, aber bestimmt kein Zuckerschlecken.

Auf dem “Planeten Brüssel” ziehen am ehesten die europäischen Institutionen junge Europäer an. Einen der umworbenen Plätze bei der Kommission zu bekommen, entspricht in etwa dem Fund des heiligen Grals. Kein Weg führt dabei um die kniffligen Aufnahmeverfahren herum. Es gibt viele unterschiedliche Wege, den Job heimzuholen, doch ähnliche Muster führen dabei zum Ziel. Da wäre zunächst der akademische Background: ein Abschluss in Kommunikationswissenschaften, ein Master in Internationalen Beziehungen oder ein Aufbaustudium in Europastudien sind wiederkehrende Anforderungen. Ein Standardmodell, das häufig von einem Auslandsaufenthalt im Stil des Erasmusprogramms ergänzt wird.

Ana Vork, eine junge estnische Juristin, empfindet ihren Brüsseler Aufbaumaster in Europäischem Recht als sehr wichtig: “Das hat mir sehr für mein Praktikum bei der Europäischen Kommission geholfen und ist außerdem ein wesentlicher Trumpf für die Auswahlverfahren des europäischen öffentlichen Dienstes.”

Die Elite-Netzwerke bringen dir ohne Erfahrung gar nichts - letztendlich bleibst du ein junger Absolvent!

Bei Paolo Sergio, einem jungen italo-tschechischen Absolventen des Instituts für Europastudien der Freien Universität Brüssel schrillen allerdings die Alarmglocken: “Das Europakolleg in Brügge ähnelt in einigen Aspekten den großen amerikanischen Universitäten (der Eliteunigruppe Ivy League): Du zahlst für deine Kontakte, dafür, dir ein Netzwerk aufzubauen. Diese Verbindungen sind zwar wichtig, doch letztendlich bleibst du ein junger Absolvent, die Netzwerke bringen dir ohne Erfahrung gar nichts. Außer, du bestehst ein Auswahlverfahren. Aber da musst du erst einmal durchkommen.”

Das unumgängliche Praktikum

Der zweite wichtige Aspekt ist das Fußfassen im vordersten Wagen des Brüsseler Zuges, der einen in die europäischen Sphären bringen soll. Dafür gibt es nichts Besseres als ein Praktikum - und es lässt sich auch nicht umgehen. Ob man es nun in einer der Institutionen, bei einer Lobby, einem Think Tank oder einer NGO absolviert, die trainees und internships sind eine notwendige Etappe, um einen Platz in der Brüsseler Europagalaxie zu ergattern.

Ob sterbenslangweilig oder hochinteressant, das Praktikum ist der Ausgangspunkt, um erste Erfahrungen zu sammeln und mit dem Aufbau des eigenen Netzwerks zu beginnen. “Das Praktikum kann super sein oder auch stinklangweilig, das hängt von dem Verantwortlichen ab, mit dem man zusammenarbeitet”, erklärt Ana. “An sich kann man auch sehr interessante Aufgaben übertragen bekommen, wenn man sich genug engagiert”, ergänzt Paolo. Der Praktikant sollte sich also früh genug um die Zeit nach dem Praktikum kümmern. Denn genau dort beginnt die Selektion, nach der viele wieder zurück in ihre Heimat gehen oder sich in Langzeitpraktikanten verwandeln. “Eine meiner Mitbewohnerinnen hat sich für einen weiteren Aufbaumaster eingeschrieben, ein anderer macht gerade sein drittes Praktikum”, erzählt Cédric mit bitterer Stimme. Der Franzose macht seinen Master am Europäischen Institut in Brüssel. Andere wie Paolo und Ana bereiten sich gewissenhaft auf die lang ersehnte Aufnahmeprüfung vor.

Verbreitetes Konkurrenzdenken

In den Kabinetten nimmt man nur Praktikanten, die die Nationalität des Kommissars besitzen.

Der Beitritt mehrerer neuer Mitgliedstaaten hat die Konkurrenz zwischen den jungen Europäern in Brüssel verschärft. Dass man in den europäischen Institutionen Beamte aus den neuen Mitgliedsländern bevorzugt, wirkt sich auf die Einstellung der Nachwuchskräfte aus. Paolo bestätigt die Bedeutung ethnischer Kriterien bei der Zuteilung von Praktika bei der europäischen Kommission. “Warum ich nicht im Kabinett des tschechischen Kommissars arbeiten wollte? Weil man mich da vor allem wegen meiner sprachlichen Fähigkeiten haben wollte. In den Kabinetten nimmt man nur Praktikanten, die die Nationalität des Kommissars besitzen.” Für all jene mit binationalem Hintergrund ist es unvermeidlich, bei Bewerbungen ihre außergewöhnliche Identität in den Vordergrund zu stellen. Paolo bestätigt dies und Ana setzt noch einen drauf: “ Ich verschweige oftmals, dass ich auch Belgierin bin. Als Estin habe ich in einer Reihe von Institutionen hundertmal so hohe Chancen ausgewählt zu werden.”

Tut sich da ein Graben auf zwischen den jungen Absolventen der alten und der neuen Mitgliedstaaten? So weit ist es wohl noch nicht, doch Cédric kommentiert ironisch: “Es verkauft sich einfach schlechter, französisch, belgisch oder deutsch zu sein.” Für junge Leute aus dem Osten sind die Perspektiven in Brüssel nicht mit jenen vergleichbar, die sie bei sich zuhause antreffen würden. “In puncto Jobeinstieg liegen zwischen Brüssel und Tallinn Welten”, meint Ana. Paolo bestätigt die Kluft, die weiterhin den Lebensstandard der ehemals kommunistischen Länder von dem Westeuropas trennt.

Multikulturelle Party der Brüssel-Europäer

Aufgrund dieser Tatsachen ist das soziale Leben ein wichtiger Rückzugsort für die jungen Europäer, insbesondere für jene, die von weit her kommen. “Die Praktikanten-Vertretung der Kommission ist perfekt organisiert. Es gibt viele Events für Praktikanten, viele Gelegenheiten, bei denen man sich treffen und austauschen kann. Im Übrigen haben manche sogar ihre verwandte Seele gefunden”, schmunzelt Paolo. “Das ist eine wahre Zweitfamilie”, lacht Ana. “Sich mit anderen Expats oder jungen Absolventen aus allen möglichen Horizonten abends auf ein Bier zu treffen, ist unumgänglich, um sich zu entspannen”, meint Cédric, intimer Kenner der Kneipen des Europaviertels.