Gesellschaft

Jobsuche in Brüssel: Die Gelassenheit der Hoffnungslosen

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2010
Anna ist Anfang zwanzig, Uni-Absolventin und auf Jobsuche in der Europäischen Hauptstadt. Sie ist Deutsche und möchte anonym bleiben - doch steht sie exemplarisch für eine ganze Generation junger Europäer.

Nach dem Studium geht Anna auf Arbeitssuche - genau wie tausende andere Jungakademiker. Eine gute Ausbildung und ein sympathisches Lächeln sind heue nichts Besonderes mehr. Das einzige was hilft: hartnäckig bleiben. Und eine ordentliche Portion Glück oder Vitamin B. Anna hat Politikwissenschaften studiert, spricht fließend Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch und hat insgesamt sieben Praktika absolviert. Außerdem könne sie gut schreiben. Sollte reichen, findet sie. Auf geht's also, auf Jobsuche - und zwar in Brüssel.

Warum Brüssel? Die EU-Hauptstadt kennt Anna schon von einem Praktikum im Europäischen Parlament zu Studienzeiten. Die Leute, die hier arbeiten, sind jung und unabhängig. Das heißt, es gibt die besten Afterworkparties - Erasmus unlimited für Erwachse. Und sie arbeiten hart, für eine europäische Idee. Work hard, party hard. Genau das will Anna.

Dazugehören.

Und sie ist nicht die einzige. Um erste Kontakte zu knüpfen geht sie auf den "Deutschen Praktikanten- und Referendarstammtisch". Hier wimmelt es von verzweifelten Hochqualifizierten. Dann hört sie, "the place to be" für Absolventen auf Arbeitssuche seien die Afterworkparties auf dem Platz Luxemburg, direkt vor dem EU-Parlament; zum Kontakteknüpfen, immer donnerstags.

Bald stellt Anna fest: Hier ist auch "the place to be" für Alkoholexzesse und casual Sex. Aber eigentlich will sie ja einen Job. Arbeitslos sein quält, findet sie. Schon starrt sie das kleine schwarze Loch auf ihrem Lebenslauf an. Wie bekommt sie hier nur eine Arbeit? Sie erinnert sich daran, was sie während eines Praktikums nach dem Grundstudium hier gelernt hatte: "Männliche Praktikanten müssen bei uns einen Schnitt von 1 haben, damit wir sie einstellen. Mädchen müssen einfach nur richtig gut aussehen. Dich haben wir aber genommen, weil du so viel redaktionelle Erfahrung hast."

Anna ist nicht sicher, ob das ein Kompliment ist. Aber jetzt weiß sie: Gut aussehen = gute Jobchancen. Klingt schäbig. Idealismus kann man aber nicht essen. Also lässt sie zunächst gute Bewerbungsfotos machen. Sie geht zu einem kleinen (und leider auch recht anzüglichen) Fotografen in der Stadtmitte. Hier brauche sie keinen Termin und günstig sei es obendrein. 280 Euro? Der Schock sitzt. Beim nächsten Mal recherchiere sie länger, bis sie einen guten Fotografen finde. Annas Plan hier Geld zu verdienen kommt sie ziemlich teuer zu stehen.

Mit dem neuen Bild schreibt Anna vier Bewerbungen und wartet. Langsam ist sie ein bisschen verzweifelt. Wer will sie nur einstellen? Sie bewirbt sich bei einer Personalrecruiting-Firma, spezialisiert auf Multikulturalität und Mehrsprachigkeit. Das kann ich, denkt Anna. Nach zwei Telefoninterviews wird sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Hier wird sie nach ihrer Motivation im Beruf gefragt. „Ich will mit Menschen arbeiten.“ Falsche Antwort. Anna bekommt eine Absage. Man suche Leute, denen es in darum gehe, Profit für das Unternehmen zu erwirtschaften. Die richtige Antwort wäre also gewesen: Geldgier. Dann veranstaltet die Landesvertretung Hessen ein "Get together" für Absolventen in Brüssel.

Politologen brauchen wir nicht

Es gibt Bier und Brezeln. Anna geht direkt zum anwesenden Staatssekretär: „Wie stehen die Chancen für Leute wie mich in dieser Stadt?“ Politologen brauchen wir hier nicht, hört Anna. „Das ist ja noch nicht mal ein richtiges Studium. Wer hier als Politologe einen Job findet, dem hat entweder der liebe Papa oder auch der liebe Abgeordnete geholfen.“ Dann spricht Anna mit einem kleinen, untersetzten Mann. Robert arbeitet für das Europäische Parlament. Sie seien immer auf der Suche nach Praktikanten, sagt er. Er gibt Anna seine Karte, sie solle sich doch mal bewerben. Er riecht ein bisschen aus dem Mund und während er seinen Kuchen isst, bleibt ziemlich viel Zuckerguss in seinem Bart hängen. Anna vermutet, er hat hier sonst nicht viele Freunde. Aber: Wer Jobs vergeben kann, hat die Macht in dieser Stadt.Weil sie nicht weiter weiß, versucht Anna ihre Ansprüche herunter zu schrauben: Ihre Mutter kennt jemanden, der jemanden kennt, dessen Mann Lobbyist für einen Schiffsbauverband ist. Sie hat Schwierigkeiten, sich mit dem Thema zu identifizieren. Trotzdem kann sie zum Vorstellungsgespräch kommen. Sie haben zu viele Praktika gemacht, das wirke unstet, hört sie. Sie soll deshalb erstmal ein Weiteres machen. Für 6 Monate, unentgeltlich. "Danach sehen wir weiter."

Dann entdeckt sie eine kleine Ausschreibung, gut versteckt auf einer Internet-Jobseite: Parlamentsassistentin gesucht, Hauptaufgabe: Artikel schreiben. Anna bewirbt sich, ohne Hoffnung. Beim Vorstellungsgespräch hört sie, dass sie eine von 35 Bewerbern ist. Anna überkommt die Gelassenheit der Hoffnungslosen. Dann: Die Zusage. Jetzt arbeite sie 60 Stunden die Woche, donnerstagnachts verbringt sie auf Afterworkparties. Ob sie zufrieden ist, kann sie „momentan nicht sagen.“ Anna gehört jetzt dazu.

Zwei Monate später bekommt Anna dann auch eine Nachricht von Robert. "Wir glauben, dass Sie aufgrund ihrer Qualifikationen einen richtigen Job erhalten sollen. Aus diesem Grund halten wir es für unethisch Sie als Praktikantin zu beschäftigen." Zufällig läuft Anna ihm dann auch noch im Parlament über den Weg. Aber Robert kennt sie nicht mehr.

Fotos: (cc)Lady/Bird/flickr