Gesellschaft

Jean-Claude Acquaviva, korsisches Charisma

Artikel veröffentlicht am 11. November 2006
Artikel veröffentlicht am 11. November 2006
Der Liedermacher und Leader der Vokalistengruppe A filetta spricht über seine korsische Heimat, sein neuestes Album „Medea“ und seine Hoffnungen in die europäische Politik.

Das Charisma Jean-Claude Acquavivas kann man sehen und spüren. Es blitzt in eisgrauen Augen, als er uns an diesem wunderschönen Oktobermorgen in Paris empfängt. Und es klingt auch in seiner feierlichen, sonoren Stimme. Acquaviva und seine sechs Kollegen haben am Vorabend unseres Treffens mit ihren a-capella-Stimmen das Publikum von La Méditerranée des Musiques im Institut du Monde Arabe verzaubert.

„Vergiss niemals deine korsischen Wurzeln“

Der Pariser Saal konnte jedoch bei weitem nicht die Atmosphäre der korsischen Landkapelle bieten, in der wir A filetta schon einmal gehört haben. „Das stimmt“, gesteht Acquaviva mit korsischem Akzent. „Durch Konzerte wie das in Rogliano [AdR: Stadt in Korsika] halten wir die Verbindung zu unserer Heimat aufrecht.“

In der Tat versucht die Gruppe, ihre Bodenständigkeit zu bewahren. Sie wurde 1978 „von Lehrern und Schäfern“ gegründet. Der damals dreizehnjährige Jean-Claude Acquaviva gehörte von Anfang an dazu. „Für unsere erste Auslandsreise auf das nahe Sardinien haben wir unsere Fährentickets selbst bezahlt“, erinnert er sich heute mit einem Lächeln. „Mehr verlangten wir gar nicht“.

1994 kam der entscheidende Wendepunkt. „Wir standen vor einem Scheideweg: weiter tingeln oder Ernst machen. Wir entschieden uns für den professionellen Weg, weil wir es unbedingt wollten. Außerdem haben uns Persönlichkeiten wie der Komponist Bruno Coulet und der Regisseur Jean-Yves Lazennec geholfen.“ Eine Bedingung gab es allerdings: Der Name sollte unverändert bleiben. Filetta ist korsisch und bedeutet „Farn“. Die auf Korsika weit verbreitete Pflanze ist „schwer auszurotten, weil sich ihre Wurzeln horizontal im Boden ausbreiten“, erklärt Acquaviva und unterstreicht seine Aussage mit einer weiten Handbewegung. „Und nicht nur das. Wenn ein Korse die Insel verlässt und seine Wurzeln vergisst, sagt man bei uns S’è scurdatu di a filetta: Er hat den Farn vergessen.

Innovation und Tradition

Für Acquaviva muss die korsische Musik aber auch bereit sein, nach vorne zu schauen: „Wir wollen groß sein, so wie die anderen. Ansonsten können wir uns gleich ins Museum stellen. Unsere Kollegen, die sich gegen Innovation sträuben, erinnern mich an die Verdammten des 20. Gesangs aus Dantes Inferno. Sie waren dazu verurteilt, mit verdrehten Köpfen zu gehen und mit ihren Ärschen zu weinen.“

Deshalb müsse man aber noch lange nicht „die Originalität der korsischen Musik aufgeben.“ Mit dieser Bemerkung bezieht er sich unausgesprochen auf eine andere berühmte korsische Vokalistengruppe, die Murvini. Sie mischen die traditionellen Gesänge mit Popklängen und Instrumentalbegleitung.

Dasselbe gilt für die Politik: „Viele kritisieren unser früheres Engagement für die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich. Dabei sind wir heute kämpferischer als früher“, deutet Acquaviva rätselhaft an.

„Gewalt entsteht durch Ungerechtigkeit“

Was aber hat die korsische Frage mit „Medea“ zu tun, dem neuesten Album der A filetta? Noch dazu wo sein Titel dem gleichnamigen, fast zwei Jahrtausende alten Werk von Seneca entstammt? „Vor allem das Thema Frau“, erklärt Acquaviva. Am Vorabend hatte er als Einleitung zu einem der Stücke aus der Tragödie des römischen Autors zitiert: „Keine Kraft der Welt, weder ein Orkan, noch ein Brand oder eine Kriegsmaschine haben die Gewalt, die Kraft oder den Hass einer verlassenen Frau“.

Acquaviva hat den lateinischen Text ins Korsische übersetzt. „Ich sehe in Medea die geballte Kraft der korsischen Frauen, die früher durch die Straßen zogen um gegen die Gewalt der Unabhängigkeitskämpfer zu protestieren“, verrät er uns. Apropos Gewalt. Zu ihr habe er ein „zwiespältiges Verhältnis“, gesteht der Künstler. „Wir verurteilen das Blutvergießen der ‚Illegalen’. Es reicht aber nicht aus, nur zu verurteilen.“ – Pause. Dann spricht er weiter, mit ernstem Gesichtsausdruck und auf französisch: „Ob wir es nun wollen oder nicht, illegale Gewalt entsteht durch Ungerechtigkeit. Ich bin nicht für die Unabhängigkeit. Man darf aber auch die unanfechtbare, historische Tatsache nicht vergessen: Korsika wurde Frankreich angegliedert, obwohl es viel italienischer als französisch ist.”

„Das Problem besteht darin, dass unsere Insel von Frankreich zu ungerecht behandelt wird: Die Wahlergebnisse werden gefälscht, bei uns gibt es keine freien Wahlen. Und jedes Mal, wenn die Autonomie ein wenig zunimmt, schaltet sich eine Art Immunsystem ein, um den von Paris diktierten Zentralismus zu bewahren.“

Und was hat dies alles mit Medea zu tun? „Genau wie die Heldin von Euripides und Seneca litt, leidet Korsika unter der Ungerechtigkeit Frankreichs.“ Medea verriet aus Liebe zu Iason ihren Vater und ihre Heimat. Als Iason sie dann im verlie, rächte sie sich, indem sie ihre gemeinsamen Kinder ermordete. „Genau wie in der Tragödie wurde auch bei uns gegen ein Abkommen verstoßen“, ereifert sich Acquaviva.

„Europa ist Korsikas Rettung”

Für den korsischen Liedermacher könnte diese „Ungerechtigkeit“ durch Europa gelindert werden. Zwar steht Acquaviva der Europaverfassung skeptisch gegenüber, weil er sie für „zu liberalistisch“ hält. Aber er meint, dass „Korsika alles zu verlieren hat, wenn die Nationalstaaten wieder die Oberhand gewinnen. Denn was Europa ausmacht, ist genau das, was Frankreich nicht akzeptieren will: die Dezentralisierung.“

Für A filetta ist Europa vor allem jedoch eine Chance für künstlerischen Dialog: „Im Rahmen des Programms Interreg [AdR - ein Austauschprojekt zwischen europäischen Regionen] haben wir versucht, die verschiedenen Gesichter der Medea in den europäischen Traditionen gegenüberzustellen. Es gab eine Aufführung unter der Regie des Neapolitaners Orlando Furioso, mit sardischen Schauspielerinnen, Musikern des Konservatoriums Livorno und Kompositionen von Bruno Coulet. Außerdem organisieren wir in Calví auf Korsika jedes Jahr ein Treffen mit Vokalistengruppen aus aller Welt.“

Und wem fühlt sich A filetta musikalisch am nächsten? Den sardischen Nachbarn? „Seltsamerweise nicht, sardischer Gesang klingt einbalsamiert“, erklärt Acquaviva. „Ich liebe die Georgier. Sie haben uns beigebracht, kräftig mit Sanftheit und sanft mit Kraft zu singen“. Dies erinnert an die Energie, die durch die Crescendi der A filetta freigesetzt wird. Sie sind zart und dennoch brausend, wie das Meer Korsikas. Und wie das Charisma des korsischen Liedermachers.