Gesellschaft

Jean-Christophe Bas: "Die verwöhnte Erasmus-Generation ist sich ihres Glückes nicht bewusst"

Artikel veröffentlicht am 4. November 2009
Artikel veröffentlicht am 4. November 2009
Am 9. November 1989 ist endlich der Frieden da. Die jungen Europäer, die nach diesem historischen Tag geboren wurden, erlebten den Krieg nicht mehr. Aber welche Bedeutung hat das Gebilde Europa für sie? In seinem Buch L’Europe à la carte wendet sich Jean-Christophe Bas an diese verwöhnten Kinder der Eurogeneration - für ein weniger egozentrisches Europa.

©Alle Rechte vorbehalten"Ich bin nicht allzu weit von Paris entfernt, wir könnten uns morgen treffen!" Bosnien - von dort aus hatte mich Jean-Christophe Bas, ein Mittfünfziger in Hochform, angerufen. Ein wahrhaftiger Weltbürger. Denn durch seine Arbeit - zunächst bei der Weltbank, dann bei der UNO, wo er im Moment die Zusammenarbeit in der Allianz der Vereinten Nationen leitet - ist er auf der ganzen Welt zu Hause. Heute aber wollen wir über seinen neuesten Streich sprechen, ein Buch über Europa, das am 5. November bei Le Cherche Midi veröffentlicht werden soll - L'Europe à la carte ist eine Sammlung von Karten aus Europa und dazugehörigen Berichten von Persönlichkeiten. Über seinen Großvater, der beim ersten Austausch deutsch-französischer Abgeordneter nach dem Krieg 1950 eine führende Rolle gespielt hatte, liegt die Leidenschaft für Europa in der Familie.

Warum haben Sie L’Europe à la carte geschrieben?

Die 1989-Generation hat nur eine sehr vage Vorstellung davon, was die Grundlage beim Aufbau Europas nach dem Krieg war: Frieden und Versöhnung!

Dieses Buch ist meinen 15- und 16-jährigen Kindern und der Generation Erasmus gewidmet, jener Generation, die im Zuge des Berliner Mauerfalls geboren ist. Diese Generation hat nur eine sehr vage Vorstellung davon, was die Grundlage beim Aufbau Europas nach dem Krieg war: Frieden und Versöhnung. Heute müssen wir ein neues Projekt finden, das die Menschen für Europa begeistert. Die heutige Generation betrachtet den Frieden als etwas Normales, eine Selbstverständlichkeit. Damit kann man heute keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Und wenn doch, ist es wichtig, ständig daran zu erinnern, dass ein friedliches Klima nie als selbstverständlich hingenommen werden kann und jeden Tag gepflegt werden muss. Im Moment arbeite ich viel in der Balkanregion. Und man kann - ohne sich allzu weit aus dem Fenster zu lehnen - behaupten, dass die Region von Konflikten übersät wäre, gäbe es nicht die Aussicht, der Europäischen Union beizutreten. Das Tolle am Projekt Europa ist, dass die klassischen Streitigkeiten um lokale Grenzen, Nachbarschaftsstreitereien und Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen sich in der europäischen Gemeinschaft auflösen, ohne dabei einem Identitätsverlust gleichzukommen.

L’Europe à la carte enthält 67 Europa-Landkarten. Warum?

©Jean Christophe Bas/ Éditions du Cherche-MidiIm Frühling 1989 habe ich begonnen, Karten und Karikaturen aus Europa zu sammeln. Das Buch beginnt übrigens auch mit meiner ersten Errungenschaft: eine Karte vom August 1914 (siehe Abbildung), also drei Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als ich vor 10 Jahren begonnen habe bei der Weltbank zu arbeiten, habe ich eine Wand meines Büros mit diesen Karten geschmückt, die ständig die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zogen. Daraus schloss ich, dass die Menschen so für Europa begeistert werden könnten. Das Buch verbindet mit den Karten Texte von 68 Persönlichkeiten aus aller Welt. Wenn bei einem Projekt das Feuer erlischt, muss man sich wieder dem Wesentlichen zuwenden. Deshalb antworten Ban Ki Moon, Daniel Barenboim, Amin Malouf oder auch Inès Sastre auf die Frage: Was ist eure Vision von Europa?

L’Europe à la carte erscheint in Frankreich am 5. November. Warum ausgerechnet jetzt?

Vor allem, weil bald der 20. Jahrestag des Mauerfalls ist, der zu einer Erneuerung des europäischen Paktes geführt hat. Der Pakt der 1950er Jahre hängt mit dem Kalten Krieg zusammen. Mit dem Mauerbau hat er seine Wirkung verloren. Europa braucht eine neue Antriebskraft.

Besteht denn eine Chance, diesen Motor zukünftig zu finden?

Dass die Franzosen und Niederländer 2005 den europäischen Verfassungsvertrag abgelehnt haben, hat mich sehr enttäuscht. Eines Tages werden Historiker diesen Moment als den unüberlegtesten Moment in der Geschichte beschreiben. Es gehört zum guten Ton, Europa für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Dennoch ist es dieses eingerostete Europa, das den Euro erfolgreich eingeführt hat, es ist dieses „durchlässige“ Europa, das das Schengen-Abkommen (zum freien Personenverkehr) abgeschlossen hat, es ist dieses machtlose Europa, das heute der größte Geldgeber für die Entwicklungsländer ist und das sich am meisten beim Klimaschutz engagiert. Doch in Anbetracht des heutigen Desinteresses an Europa bleibt ein Widerspruch. Ich sage mir immer, dass es eine Unfähigkeit gibt, über dieses Projekt zu reden. Kurze Zeit wollte ich das Buch „Am Krankenbett des hypochondrischen Europas“ nennen, denn die Europäer sind sich ständig am beschweren und jammern über alle möglichen Krankheiten, die sie angeblich haben. Dabei ist Europa ein außerordentlich modernes und vitales Gebilde.

Nichtsdestotrotz haben die Iren vor kurzem in großer Zahl für den Lissabon-Vertrag gestimmt, der die 2005 abgelehnte Verfassung ersetzt…

Ich hoffe, dass eine institutionelle Dynamik angekurbelt wird. Aber das reicht noch lange nicht aus! Seit mehr als 15 Jahren diskutieren wir über das Dach und vergessen dabei, dass zunächst einmal ein Haus gebaut werden muss. Außerdem glaube ich, dass in diesem Buch keiner die Debatte bezüglich der Institutionen erwähnt hat.

Ist das ein Zufall?

Es ist insofern kein Zufall, als dass ich die Autoren gebeten habe, ihre persönliche Vision von Europa zu beschreiben. Und kein Mensch, außer vielleicht ein Bürokrat - und ich bin einer! - könnte sich für ein institutionelles Gebilde begeistern.

Wenn die Generation der Gründerväter Europa für den Frieden erschaffen hat, welche Rolle spielt die Generation Erasmus in Ihren Augen?

Die Aufgabe der Erasmus-Generation muss es sein, sich von der Idee eines egozentrischen Europas loszulösen.

Ich persönlich finde es bedauerlich zu sehen, dass Europa seine universelle Bestimmung verliert. Nun besteht der europäische Geist aber darin, ein Gesellschaftsmodell für den Rest der Welt darzustellen, in dem "der Wettbewerb anregt, die Zusammenarbeit stärkt und die Solidarität vereint“, wie es Jacques Delors formulierte. Die Aufgabe der Erasmus-Generation muss es sein, sich von der Idee eines egozentrischen Europas loszulösen. Alle Regionen der Welt, in denen ich bisher arbeiten durfte, betrachten Europa voller Bewunderung und Neid. Das Buch Europe à la carte enthält 30 Texte, die von Nicht-Europäern geschrieben wurden. So fordert Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, zum Beispiel Asien auf, sich bei der regionalen Integration vom Vorbild der EU leiten zu lassen. Dieses Buch erinnert die Mitglieder der Generation Erasmus daran, dass sie verwöhnte Kinder sind, die sich ihres Glückes nicht bewusst sind, in einer der wenigen wohlhabenden, friedlichen, stabilen und solidarischen Regionen der Welt zu leben.

Lest auf dem babelblog L’Europe à la carte einige Auszüge aus dem Buch (auf Französisch).