Gesellschaft

Italiener in der Penis-Krise: Eine Frage der Größe

Artikel veröffentlicht am 24. August 2010
Artikel veröffentlicht am 24. August 2010
„Armer Mann, es geht dir schlecht“. Dass sich das starke Geschlecht öfter als schwächlich erweist, ist bekannt. Doch jetzt besteht wirklich Grund zur Sorge: Unter europäischen Männern wächst die Angst, einen zu kurzen Penis zu haben. Die Nachfrage nach Penisverlängerungen und der Konsum von Viagra steigen. Kurz gesagt, alles steigert sich, außer der sexuellen Befriedigung der Frauen.
Die sind immer anspruchsvoller und ungehemmter - und setzen die Männer unter Druck.

Der kollektive Nervenzusammenbruch der Männer naht. An sich nichts Neues: Frauen haben gelernt, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, sie studieren häufiger und sind dabei besser. Sie passen sich flexibler an neue Technologien an. Sie rauchen und trinken weniger, sie leben gesünder und länger. Und sie werden seltener kriminell. Von wegen schwaches Geschlecht: In Deutschland wurde während des Männerkongress 2010 an der Düsseldorfer Uni sogar über einen offiziellen Vertreter im Namen der Gleichstellung der Männer nachgedacht. Kurzum, für den modernen Mann scheint es keine Sicherheit mehr zu geben. Nicht mal in seiner eigenen Unterhose.

Das Phänomen des „konstanten Wachstums“

Italienische Männer fühlen sich, was ihren Penis belangt, eher unzulänglich

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache. Während des Europäischen Urologen Kongresses 2010 diskutierten internationale Experten u.a. auch über das Phänomen des „konstanten Wachstums”: Man(n) macht sich immer häufiger Sorgen um seine Penis-Größe. Dabei handelt es sich nicht um ein körperliches, wohl aber um ein psychologisches Problem. Dies zeigt die Untersuchung einer Expertengruppe des Careggi-Krankenhauses in Florenz aus dem Jahre 2009, welche in Zusammenarbeit mit anderen italienischen und ausländischen Instituten durchgeführt wurde. Die auf zwei Jahre angelegten Nachforschungen bezogen sich auf eine Gruppe von 67 Männern im Alter zwischen 16 und 55 Jahren. Unzufrieden mit der eigenen Penisgröße waren sie in Depressionen verfallen. Nur hatte niemand von ihnen einen Penis, dessen Größe wirklich unter dem Durchschnitt lag. Was die Männer deprimierte war lediglich die Angst, beim Spiel unter der Decke nicht auf der „Länge” zu sein.

Tatsache ist, dass Männer sich immer häufiger unters Messer legen, um sich der eigenen Männlichkeit sicher sein zu können. „Italians do it better", verkündete Madonna einst. Italienischer Männer scheinen daran zu zweifeln. Nach Angaben von Giovanni Alei, Präsident der Italienischen Gesellschaft für Maskuline Genital-Chirurgie, verdoppelte sich in Italien im letzten Jahr die Nachfrage nach chirurgischen Eingriffen am Penis. Allein an der UniversitätLa Sapienza in Rom gingen im vergangenen Jahr circa 300 Anfragen ein. Und nicht immer steht der Wunsch nach einer Operation in Zusammenhang mit dem eigentlichen Geschlechtsakt. Tatsächlich ist eine Art des Eingriffs sehr beliebt, die den Penis im schlaffen Zustand größer erscheinen lässt - um sich unter Männern, z.B. beim Duschen nach dem Fußball, wohler zu fühlen. „Wenn es wie durch Zauberei keinen lumpigen Mann mehr auf der Erde geben würde”, schreibt Maria Stella Conte in der italienischen Tageszeitung La Repubblica, „dann würden die Frauen eventuell damit aufhören, sich operieren zu lassen. Die Männer nicht.”

Geschlechterrollen ändern sich: Maria Magdalena statt heilige Jungfrau

... nur, um dir Partnerin zu überraschenUnd wenn es in diesem Szenario noch Frauen gäbe, würden sich die Männer an Viagra überfressen. Obgleich sie es nicht nötig hätten. Die Italienische Gesellschaft für Andrologie (SIA) stellt fest, dass junge, absolut gesunde Männer zwischen 20 und 35 Jahren immer öfter auf die Hilfe von Arzneimitteln zurückgreifen, um die Partnerin zu überraschen. „Viele dieser jungen Männer”, erklärt Bruno Giammusso, Vorsitzender der SIA, dem Corriere della Sera, „versuchen die Arzneimittel, die sie haben wollen, auf alternativen Wegen zu erhalten, im Internet oder indem sie den Ratschlägen von Pseudoexperten folgen.“ Er ergänzt: „Auf diese Art ignorieren sie vollkommen die Möglichkeit einer psychopatologischen Abhängigkeit. Wer ein Medikament ohne Grund einnimmt und auf medizinische Betreuung verzichtet, riskiert zu glauben, es ohne das Mittel nicht mehr alleine schaffen zu können”.

Aber warum nur sind die Männer so besorgt? Ein Teil der Antwort betrifft ihre bessere Hälfte. Die Frauen ändern sich. „Schon von Jugend an”, so bestätigt die Psychologin und Sexualforscherin Dr. Gabriella Seghenzi, „wissen die jungen Mädchen, dass das Thema Größe der schwache Punkt des Mannes ist. Und im Gegensatz zu früher reden sie jetzt darüber. Sie lachen mit ihren Freundinnen und gelegentlich erniedrigen sie damit die Jungs.” In der Tat sind es immer mehr Jungen zwischen 11 und 14 Jahren, die beim Psychologen landen, weil sie glauben, sie seien nicht ausreichend bestückt. Sie isolieren sich und meiden den Kontakt zum anderen Geschlecht. „Die Tatsache, dass man heute häufiger über Sex redet und dass es eine größere Abgrenzung zwischen Sexualität und Liebe gibt, setzt die Männer um so mehr einer quantitativen Bewertung aus. Aber die wirkliche Neuigkeit ist, dass die heutige Gesellschaft den Mädchen das Recht garantiert, sowohl den Akt als auch den Orgasmus zu fordern”, so Seghenzi weiter. Dabei seien die Mädchen jedoch oft zu aggressiv und angriffslustig, was mit ungelösten Rollenkonflikten und sozialen Stereotypen zusammenhinge. Italien ist immer noch ein zutiefst katholisches Land, in dem Frauen gerne als heilige und vor allem jungfräuliche Maria betrachtet werden. Frauen, die (zu) selbstbewusst sagen, was sie wollen, gelten eher als Maria Magdalena.

Es ist besser, eine Frau zu sein

Das ist der Punkt. Die Frauen verlangen etwas und sagen es. Vor allem, wenn sie unbefriedigt sind. Einer in der englischen Sonntagszeitung News of the World veröffentlichten Umfrage zufolge, gestanden 60% von 3.000 befragten Frauen, den Orgasmus vorzutäuschen. Zwei Drittel verrieten, einen Vibrator zu benutzen, um Abwechslung in die sexuelle Routine zu bringen. Und 20% gaben zu, mit anderen Männern ins Bett zu gehen, auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten der Lustbefriedigung. Es lebe die Aufrichtigkeit.

„Es ist sicherlich besser, ein Mann zu sein, anstatt eine Frau”, schrieb Isabel Allende in ihrem Buch Eva Luna von 1987, „denn auch der beklagenswerteste Mann hat eine Frau, die er rumkommandieren kann.” Auf den depressiven und von Problemen ganz anderer Größen-Ordnung geplagten Mann von heute dürfte das nicht mehr zutreffen.

Fotos: Artikellogo ©omnia_mutantur/flickr; ©VOLPE1981/flickr; ©mightymightymatze/flickr; Marco Gomes/flickr