Gesellschaft

Italien: Comeback der Schuhputzer mit Smartphone

Artikel veröffentlicht am 4. April 2017
Artikel veröffentlicht am 4. April 2017

Die Schuhputzer-Generation des neuen Jahrtausends erfindet sich im süditalienischen Palermo neu. Die Kooperative Shoeshine 2.0 will mit ihrem Projekt den Traditionsberuf wieder aufleben lassen. Zwischen Träumen, Hoffnung, Krise und Unsicherheit zählt diese Job-Option für manche als lebensverändernde Chance. 

In einem Land, das von der Arbeitsmarktkrise gebeutelt ist und wo akademische Abschlüsse jeglichen Wert verloren haben, grenzt es schon fast an ein Wunder, eine neue Chance am Arbeitsmarkt zu bekommen. Eine handwerkliche Dienstleistung in unserer digitalen Welt anzubieten, die auch noch gut entlohnt werden soll, scheint in diesem wirtschaftlichen Kontext eine mehr als verrückte Idee. Doch in Palermo soll die Rückkehr der Schuhputzer mit der Kooperative Shoeshine 2.0 nun Realität werden.

Das Schuhputzer-Handwerk scheint vielen vielleicht Schnee von gestern. Doch die Initiative der Vereinigung der sizilianischen Handwerker will das veraltete Berufsbild in der sizilianischen Hauptstadt wieder zu neuem Leben erwecken - und zwar mit zeitgemäßen Perspektiven. Die Schuhputzer des neuen Jahrtausends können die Vorteile der Technologie und der Vernetzung der großen Marken der Branche genießen. Sie arbeiten dabei mit digitalen Hilfsmitteln: dem Smartphone und sozialen Netzwerken.

Zwar steckt die Idee noch in den Kinderschuhen, doch die Kooperative sieht eine App für treue Kunden vor, damit diese schnellstmöglich den Standort der Schuhputzer ihres Vertrauens in Palermo ausfindig machen können, wenn sie vor einem Meeting einen schnellen Wisch benötigen. Doch kann auch die Generation 50+ mit der neuen Technologie Schritt halten? Solche Probleme bekümmern die Job-Anwärter momentan noch nicht. Zu strahlend scheint die mögliche Zukunft eines bereits verschwunden geglaubten Geschäfts.

Shoeshine - warum 2.0?

Ziel soll es zunächst sein, eine Gruppe von neuen Dienstleistern zu trainieren, die vom Schwarzmarkt wegkommt und so ihre geschäftliche Würde wiederherstellt. Es sollen moderne, flexible Selbständige ausgebildet werden, die eventuell später selbst zu Kleinunternehmern werden. Die Handwerker-Vereinigung hofft, dass die neuen Schuhputz-Experten schon bald in größeren Dimensionen denken und vielleicht nach ganz Italien expandieren. Nunzio Reina, Vorstand der palermitanischen Handwerker-Vereinigung, ist sich des Erfolgsrezepts sicher: „Wir schließen nicht aus, dass wir unsere Schuhputzer bald in Louis Vuitton-Läden sehen werden“. Während der Startup-Phase haben die Mitglieder der Kooperative Anspruch auf kostenfreie Steuerberatung, während eine Firma aus Verona Bürsten, Reinigungscremes, Schürzen und einheitliche Uniformen für alle zur Verfügung stellt.

Von den anfänglichen 160 Kandidaten aus ganz Italien blieben am Ende nur 16 übrig: zwölf Männer und vier Frauen zwischen 20 und 61 Jahren. Nach einer 15-stündigen Einschulung von Piero Caccamo, Meister seines Fachs, werden diese sechzehn Ausgewählten ab April beginnen, die mobile Technologie für sich und ihre Arbeit zu nutzen und überall in Palermo Einheimischen und Touristen ihr Handwerk anzubieten. Von der Piazza Castelnuovo bis zur Via Maqueda, über die Via XX Settembre, die Piazza Verdi und Piazza Borsa, bis hin zum Gerichtshof und Hauptbahnhof wird Palermo, bis auf die Trümmer des Zweiten Weltkriegs, die Kulissen des berühmten neorealistischen Films Sciuscià [dt. Schuhputzer] von Vittorio De Sica wieder aufleben lassen.

Die Initiative wurde zunächst mit großem Enthusiasmus aufgenommen, doch es gab auch kontroverse Reaktionen. In sozialen Medien und Meinungsforen ebbt die Welle der Kritik nicht ab. So kommentieren manche: „Diese Entwicklung spiegelt das Scheitern des Staates wider“. Andere fügen hinzu: „So werden unsere Akademiker also enden“. Doch die zukünftigen Schuhputzer lassen sich ihren Elan nicht nehmen. Das erste Training beginnt in lockerem Ambiente, die Anwärter scherzen gemeinsam beim ertsen Kennenlernen. Als Caccamo das erste Paar Schuhe in die Hand nimmt, um die Grundlagen des Handwerks zu erläutern, zücken die Lehrlinge Stift und Papier und es kehrt konzentrierte Stille ein.

“Ein wichtiger Schritt. Danach werde ich Palermo verlassen“

Marilisa, 21 Jahre alt, klein, ausgeblichenes Haar und ein wahres Energiebündel, ist überzeugt, dass ihr der Sinn fürs Geschäft im Blut liegt. 14 Jahre lebte sie zunächst in Trentino, Norditalien. Ihre Mutter, Kassiererin in einem Supermarkt in Palermo, schenkte ihr ein Schuhputz-Set zum Ausdruck ihrer Unterstützung. „Für mich ist das eine einmalige Gelegenheit, in einem wirtschaftlich ruinierten Land, das seiner Jugend die Flügel stutzt.“ „Es ist schon irgendwie verwunderlich, dass man Palermo den Titel der Jugend-Hauptstadt 2017 verliehen hat“, betont sie ergänzend. Für Marilisa ist es nur ein erster Schritt. Ein Job, der ihr ermöglicht, das nötige Kleingeld zu verdienen, um sich danach für ein Studium einzuschreiben, welches sie für die Zukunft wappnen soll. „Ich möchte nicht aufhören, mich weiterzubilden. Ich werde ein Studium abschließen und meinen Traum leben, eines Tages mein eigenes Unternehmen in Mailand zu gründen, denn hier in Palermo kann man sich schwer eine Zukunft aufbauen“, erklärt sie. Ein Unternehmen, das möglicherweise auch mit dem Schuhputz-Business zu tun haben könnte. Und sie hat noch mehr Visionen: „In meiner Vorstellung entspannen sich die Geschäftsleute bei einem Kaffee, in eine Zeitung vertieft, während ihnen jemand die Schuhe poliert“, ganz wie in den USA der 1950er-Jahre.

Als der Anruf von der Handwerker-Vereinigung kam und Marilisa vom positiven Ausgang ihres Bewerbungsgesprächs erfuhr, machte sie Freuden-Luftsprünge. Doch sie musste auch Kritik zu ihrer Entscheidung einstecken: „Ich erhielt einige negative Nachrichten auf Facebook“, erzählt sie. „Ich wurde gefragt, warum ich mich im Social-Media-Zeitalter für so einen antiquierten Beruf bewerbe. Ich denke aber, dass wir heutzutage zu dieser Art der Kommunikation zurückkehren müssen, die uns von den sozialen Netzwerken genommen wurde. Und dieser Job ermöglicht das”.

Jeder ist auf Arbeit angewiesen

Neben Marilisa nimmt Vincenzo, 30 Jahre alt, Platz. Er ist gelernter Zahntechniker, seine Eltern sind ebenfalls arbeitssuchend. Einige Zeit war er in der Immobilienbranche tätig, mit mäßigem Erfolg. Nun möchte er in Palermo leben und arbeiten - auch wenn es ihm schwierig scheint, hält er an seinen Träumen fest. „Das ist eine echte Chance. Jeder ist auf Arbeit angewiesen und der Staat muss dafür sorgen, Arbeitsplätze zu garantieren, was bisher aber nicht der Fall war“, betont er mit wütendem Unterton. „Aus diesem Grund habe ich nicht zweimal darüber nachgedacht, als ich im Netz von dieser Möglichkeit gehört habe.“ Vincenzo verfolgt keinen speziellen Traum, er möchte einfach nur arbeiten, um in Würde zu leben.

Und dann ist da noch Fabrizio, der Doktor der Gruppe, 37 Jahre alt, promoviert in Politikwissenschaften. Im Unterricht ist er stets höchst konzentriert. Flink füllt er die Blätter mit seinen Mitschriften, ganz wie an der Uni. Er sieht das Ganze eher als Glücksspiel, nicht etwa als Scheitern oder eine Notlösung. „Heutzutage muss man in Bewegung bleiben und hart arbeiten, um ein bisschen Geld zu verdienen“, sagt er. „Nach meinem Abschluss habe ich keine Anstellung gefunden und niemand hat auf meine Bewerbungen reagiert. Als ich von dieser Möglichkeit erfuhr, habe ich mein Glück versucht und hatte Erfolg“, grinst er. Fabrizio hat keinerlei Intentionen, Palermo den Rücken zu kehren: „Ich glaube an dieses Projekt. Ich möchte hier arbeiten und nicht wegziehen. Das ist meine Stadt und ich werde sie nicht verlassen.“

Auch mal etwas aufs Spiel setzen

Unter den zukünftigen Schuhputzern von Palermo ist auch Renzo, ein 40-jähriger Italo-Brasilianer mit einem sehr markanten mailändischen Akzent. Er lebte einige Jahre mit seiner Frau im Norden, dann zogen sie nach Palermo. Fast zeitgleich tat sich diese Job-Chance auf, die er ohne Zögern beim Schopf packte. „Für so eine Gelegenheit muss man auch mal etwas aufs Spiel setzen, es ist eine einmalige Chance.“

Eine Chance - dieses Wort kehrt immer wieder. Ein Begriff, der ganz vage von den vielen jungen Menschen gebraucht wird, die in Würde arbeiten wollen, ohne Ausbeutung durch Mindestlöhne, die Geld verdienen und Geschäfte machen wollen und gemeinsame Netzwerke der Zusammenarbeit anstreben. Das kann man durchaus als kleine Revolution bezeichnen. Machen wir es uns also gemütlich, strecken die Beine aus und bereiten uns auf diese neue urbane Erfahrung vor: Das Comeback der Schuhputzer, diesmal mit einem Smartphone.